War in der DDR, als die Grenze geöffnet wurde

30 Jahre Mauerfall: „Morgen machen die wieder zu“ - Lothar Ritter aus Bad Emstal erinnert sich

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Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer.

Lothar Ritter aus Sand erinnert sich genau an den Tag des Mauerfalls. Mit seiner Frau und seinen Eltern besuchte er in Genthin bei Magdeburg eine Schulfreundin seiner Mutter.

Sie hatte es nach dem Krieg der Liebe wegen in den Osten gezogen, wo sie mit Mann und Kindern lebte. Ritter schreibt:

Bei der polizeilichen Anmeldung reichte es im Gegensatz zu früher aus, dass mein Vater die Pässe für uns alle vorlegte. Auf dem Präsidium herrschte rege Hektik, man nahm es nicht so genau. Grund war wohl die große Anzahl von Ausreiseanträgen, die es zu dieser Zeit bereits gab.

Dass es schon etwas lockerer zuging, zeigte ein Spaß von Hans, dem Mann von Inge, der Schulfreundin meiner Mutter, beim Einkaufen: Er sagte dem Verkäufer, er benötige einen Trabi-Lenker. Der Verkäufer antwortete: „Hamme nit, und von hamme nit hamme ganz viele.“ Das hätte man bei unserem Besuch 1973 wohl nicht zu hören bekommen.

Lothar RitterZeitzeuge aus Sand

Am 9. November sind wir mit einem Schwiegersohn von Hans und Inge nach Ost-Berlin in die Charité-Klinik gefahren, da er dort einen Behandlungstermin hatte. Wir nutzten die Zeit für einen Spaziergang durch die Hauptstadt der DDR. Die Charité lag direkt an der Mauer. Beim Gang ins Zentrum sahen wir Arbeiter Ausbesserungsarbeiten an der Grenzanlage durchführen, die sich dann am Abend als völlig zwecklos erwiesen. Jeder Bauarbeiter hatte einen Grenzsoldaten als Bewacher zur Seite gestellt – ein bizarres Bild.

Im Autoradio gab es die Info zur legendären Schabowski-Pressekonferenz

Auf der Fahrt zurück nach Genthin gab es in den Radio-Nachrichten erste Infos über die Schabowski-Pressekonferenz und dann auch über die Grenzöffnung. Niemand von uns konnte es glauben, wir hatten ja gerade noch die unüberwindbare Grenze gesehen. Auch als wir später die Vorgänge im Fernsehen verfolgten, konnten es insbesondere Inge und Hans nicht fassen: „Das stimmt nicht. Und wenn doch, machen die wieder zu.“

Am nächsten Tag auf der Rückfahrt auf der Autobahn dann der helle Wahnsinn. Es schien, dass wir wohl das einzige West-Auto in Richtung BRD waren, ansonsten nur Trabis und Wartburgs. Auf der Gegenfahrbahn gähnende Leere bis auf wenige polnische Fahrzeuge auf dem Weg ostwärts. Es ging nicht voran und schnell kam auch die Dunkelheit.

Da es bitterkalt war, wurden die Autos auch im Stillstand nicht ausgestellt, es entwickelte sich eine bissige Zweitakt-Abgas-Luft. Es kam zu vielen Gesprächen. Auf die Frage, warum man denn gleich heute rüber möchte, war meist die Antwort: „Wir wollen nur mal gucken und dann wieder zurück.“ Auch hier war die Befürchtung trotz aller Euphorie: „Morgen machen die wieder zu.“

Ein Trabifahrer wollte nach Hamburg, seinen Bruder besuchen. „Wie komme ich denn da hin?“, fragte er. Wir haben ihm den Weg auf unseren Autoatlas gezeigt und diesen dann kurzerhand dem Fahrer geschenkt.

Nicht selten gab ein Trabi auf, fuhr über den Mittelstreifen – das ging dort noch – wendete und fuhr zurück. Der Grund war meistens Treibstoffmangel.

Große Feierstimmung am Grenzübergang Helmstedt

Am Grenzübergang Helmstedt dann die bekannten Szenen: große Feierstimmung mit entsprechenden Getränken, Wohlfahrtsverbände verteilten Wolldecken, Tee und Kleinigkeiten zu Essen. Etwas skurril wirkte das Verteilen von 20-Mark-Scheinen, die den Menschen in ihre Autos gereicht wurden. Ost-Grenzbeamte bekamen wir nicht zu sehen.

Für die 300 Kilometer von Genthin nach Altenstädt, wo meine Eltern wohnten, benötigten wir 14 Stunden, die wir nicht vergessen werden.

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