„Es juckt mich nicht, wenn andere trinken“

Glühweinduft auf dem Weihnachtsmarkt: So groß ist die Versuchung für einen Alkoholiker

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Hat kein Problem damit, wenn andere um ihn herum trinken: Hans-Hermann Wolf bleibt einfach bei seinem Wasser. Er ist seit 18 Jahren trockener Alkoholiker.

Hans-Hermann Wolf aus Ippinghausen ist Alkoholiker und seit 18 Jahren trocken. Trotzdem wartet gerade in der Weihnachtszeit überall die Versuchung. Hier gibt der 74-Jährige Tipps, wie man widersteht.

Immer wieder hat sich Hans-Hermann Wolf aus Ippinghausen gesagt, dass ab morgen alles anders wird: „Morgen höre ich auf zu trinken.“ Lange Zeit blieb es bei dem Vorsatz, bis er sich wegen seines Tennisarms vor 18 Jahren einer Operation unterziehen musste. Vom einen auf den anderen Tag ließ er den Alkohol links liegen und machte eine Therapie. Seither ist er trockener Alkoholiker.

Der 74-Jährige, der auch Vorsitzender des Freundeskreises in Wolfhagen ist, weiß, dass die derzeitige Adventszeit und die kommenden Weihnachtsfeiertage zu einer echten Gefahr für trockene Alkoholiker werden können. Doch Hans-Hermann Wolf gibt Mut: „Wer sich richtig mit seiner Alkoholsucht auseinandergesetzt hat, dürfte keine Probleme bekommen.“ Zu diesen Personen zählt sich der Ippinghäuser. „Es fällt mir nicht schwer, über Weihnachtsmärkte zu gehen.“

Das Verlangen danach, einen Glühwein oder Schnaps zu trinken, habe er dabei nicht. Ihm macht es auch nichts aus, wenn andere um ihn herum Alkohol trinken. Er kann sich unbekümmert an den Tresen in einer Gaststätte setzen und sein Wasser bestellen. „Es juckt mich nicht, wenn andere trinken“, sagt er.

„Er hat einen starken Willen“, berichtet seine Frau Christa Wolf. Doch das war nicht immer so. Zwei Jahre hatte der Alkohol die Macht über ihn. Schleichend spielte er eine immer größer werdende Rolle im Alltag des Ippinghäusers. Aus einem Feierabendbier am Freitag wurden zehn oder noch mehr, irgendwann trank Hans-Hermann Wolf täglich. Verheimlicht hat er seinen Alkoholkonsum vor niemandem. „Ich habe überwiegend in der Gastwirtschaft getrunken, alleine hat das Bier nicht geschmeckt.“

Der Ippinghäuser war sich sicher, wenn er wollen würde, könnte er zu jeder Zeit mit dem Trinken aufhören. Ein Trugschluss. Seine Frau konnte sagen, was sie wollte – es kam nicht bei ihrem Mann an. „Ich habe die ganze Zeit über geredet: Hör auf damit, geh zum Arzt, du bist Alkoholiker.“ Ihr Mann sah das anders: „Das bin ich nicht.“

Auch, wenn Hans-Hermann Wolf während seiner Trinkerzeit nie aggressiv geworden ist oder sich gänzlich hängen lassen hat, war es eine schlimme Zeit für die Familie. Auch die beiden Kinder des Ehepaars haben sehr unter der Situation gelitten. „Wir haben immer wieder geredet, aber man steht der Sache hilflos gegenüber“, sagt Christa Wolf. Heute kann ihr Mann aus Erfahrung sagen, dass Angehörige gegen Wände laufen, solange keine Einsicht da ist. „Man kann niemanden zwingen, eine Therapie zu machen.“ Diese Entscheidung müsse der Betroffene selber treffen.

Jeden Tag sind Menschen im Alltag mit Alkohol konfrontiert, sagt Hans-Hermann Wolf. „Wenn sie den Fernseher anschalten, in Märkten, an Tankstellen. Man hat den Alkohol ständig vor Augen.“ Da zu widerstehen, könne schwer sein.

Wichtig beim Kampf gegen die Sucht sei das eigentliche Problem: Warum trinke ich? Hans-Hermann Wolf trank aus Geselligkeit, als er nicht mehr arbeiten gehen konnte, war der Alkohol schon tagsüber sein Begleiter. Er ist unabhängig von seiner Sucht krank geworden. „Und man hat mich zum Frührentner gemacht.“ Der damals 54 Jährige war „fix und alle“, sagt er. Es sei deprimierend gewesen, er habe gern gearbeitet.

Hans-Hermann Wolf erzählt seine Geschichte in Ruhe, ohne Scham. Er weicht keinen Blicken aus, scheut sich nicht vor Augenkontakt, neben ihm sitzt seine Frau. „Ich kann die Zeit nicht rückgängig machen, es ist passiert. Aber ich kann dazu beitragen, dass wir die Zeit, die wir jetzt haben, richtig gestalten.“ Er dreht den Kopf zu seiner Frau, sie lächeln sich an.

Zur Person

Hans-Hermann Wolf ist 74 Jahre alt und kommt aus Ippinghausen. Mit seiner Frau Christa Wolf lebt er auch heute noch in dem Wolfhager Stadtteil. Das Ehepaar hat zwei Kinder und vier Enkelkinder. Wolf ist gelernter Maurer und Industriekaufmann, unter anderem arbeitete er auch bei der Bundeswehrverwaltung. Mit Mitte 50 wurde Wolf Frührentner. Seit 17 Jahren ist er Vorsitzender des Freundeskreises Wolfhagen.

Ratschläge für Betroffene

Seit 18 Jahren hat Hans-Hermann Wolf keinen Schluck Alkohol getrunken. Seine Erfahrungen, die er mit der Alkoholsucht gemacht hat, nutzt er, um anderen zu helfen. Er ist Vorsitzender des Freundeskreises in Wolfhagen. Der Ippinghäuser selbst hat vorerst einen trockenen Entzug ohne ärztliche Aufsicht gemacht. Das war ein fataler Fehler, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Nach einer Operation an seinem Tennisarm wollte er Zuhause seinen 56. Geburtstag feiern. „Ich saß im Sessel, danach weiß ich nichts mehr“, sagt er. Eine ganze Weile sei er bewusstlos gewesen, bis der Notarzt kam, erzählt seine Frau. „Das hätte tödlich ausgehen können.“

Deshalb rät ihr Mann allen Betroffenen, einen Arzt aufzusuchen. Auch Hans-Hermann Wolf begab sich letztendlich für zwei Monate in Therapie. Ganz höflich habe ihn dort eine Ärztin gefragt, für wen er diese Therapie macht. Die Antwort war einfach: „Erst mal für meine Familie.“ Doch laut der Ärztin hat er den wichtigsten Punkt vergessen. „Sie machen das erst mal für sich, nicht für andere“, sagte die Ärztin. Mit Vorurteilen aufgrund seiner früheren Alkoholsucht hat Hans-Hermann Wolf nicht zu kämpfen gehabt. Im Gegenteil: Viele finden es toll, dass er einen Weg aus der Sucht gefunden hat.

Der Ippinghäuser geht offen mit seiner Vergangenheit um – das sollten andere auch tun. „Viele meinen, nicht darüber sprechen zu müssen, aber das gehört dazu“, sagt der 74-Jährige. Die Zeit der Sucht könne nicht ausradiert werden. Wenn man dem Rentner beim Sprechen zuhört, wird deutlich, dass er mit sich und seiner Vergangenheit im Reinen ist. Eine Sache stört ihn allerdings sehr: „Die Zeit hängt mir noch etwas nach. Mein Gedächtnis, mir fehlen Stücke – und das hasse ich“, erzählt er. Dabei geht es vor allem um seine Enkelkinder, als sie klein waren. „Nach und nach kommen einige Erinnerungen zurück“, sagt Christa Wolf. Es seien aber längst nicht alle.

Als Vorsitzender des Freundeskreises will er nun den Menschen helfen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie er es einmal war. Und Hans-Hermann Wolf weiß, der erste Schritt ist nicht einfach. „Wir erhalten jede Menge Anrufe, aber nicht jeder kommt dann auch zu unseren Treffen.“ Oft bestehe die Angst, dass Betroffene gesehen werden, wenn sie zum Freundeskreis gehen. „Aber da braucht sich keiner Illusionen zu machen: Draußen weiß sowieso jeder Bescheid“, sagt er.

Betroffenen rät Hans-Hermann Wolf:

• Strategie: Betroffene sollten sich Erinnerungssätze für den Alltag aufschreiben, um zu verhindern, dass sie in brenzlige Situationen kommen. (Beispiel: Stress meiden)

• Keinen Alkohol im Haus aufbewahren.

• Vorsicht beim Einkauf von Lebensmitteln.

• Ehrlich zu Ärzten sein: In Arznei ist oft Alkohol enthalten.

• Kein alkoholfreies Bier trinken, keine Ausnahmen machen.

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