1. Startseite
  2. Lokales
  3. Wolfhagen

Bekannter Name aus Kassel: Antiquariat Hamecher lebt weiter – und begeistert seit 75 Jahren

Erstellt:

Von: Norbert Müller

Kommentare

Besondere Exemplare der Buchkunst: Sebastian Eichenberg bewahrt seine schönsten Exemplare in einem Schrank mitten in seinem Laden in Altenstädt auf. In seiner rechten Hand hält er die französische Ausgabe von Goethes Werther. 2020 zog er mit dem von ihm übernommenen Antiquariat Hamecher von Kassel in den Naumburger Stadtteil.
Besondere Exemplare der Buchkunst: Sebastian Eichenberg bewahrt seine schönsten Exemplare in einem Schrank mitten in seinem Laden in Altenstädt auf. © Norbert Müller

Das vom Kasseler Horst Hamecher gegründete Antiquariat feiert in Naumburg-Altenstädt 75. Geburtstag. Im Angebot derzeit: ein Autogramm von Goethe.

Altenstädt – Was wohl der Kasselaner Horst Hamecher dazu gesagt hätte, dass sein Antiquariat, welches er nach dem Krieg in seiner Heimatstadt aufbaute, zum 75-jährigen Bestehen im kleinen Altenstädt, einem Stadtteil von Naumburg (Kreis Kassel), zu Hause sein würde? Den Umzug hat der Buchbegeisterte nicht mehr erlebt, er starb 87-jährig im Jahr 2007 in Kassel. Sein Geschäft, das bis heute seinen Namen trägt, hatte der Mann mit dem Faible für die gebundene Literatur schon 1982 weitergegeben.

In den Jahren davor hatte Hamecher seinen Laden zur gefragten Anlaufstelle für alle, die auf der Pirsch nach besonderen Büchern, aber auch nach Schnäppchen waren, werden lassen. Schon als Kind war der Mann mit dem Gespür für bibliophile Schätze eine Leseratte. Als er nach dem Krieg nach Hause kam, machte er sich bald auf zu einem Onkel in der Nähe von Haina. Dort hatte er seine Bücherkisten deponiert. Sie überstanden den Krieg unversehrt. Für Hamecher waren die Bücher aus den Kisten der Grundstock für seine künftige Existenz, die er sich nun in Kassel aufzubauen gedachte.

75 Jahre Hamecher: Antiquariat aus Kassel inzwischen in den Kreis umgezogen

Er gründete Mitte Oktober 1947 an der Lasallestraße eine Leihbücherei, mit der man allerdings auf Dauer kaum eine Familie ernähren konnte. Mit Unterstützung seiner Frau Liselotte, die vor der Ehe in der Murhardschen Bibliothek arbeitete, machte er sich daran, ein Antiquariat auf die Beine zu stellen, mit dem man bald an die Friedrich-Ebert-Straße umsiedelte. Aber auch dort blieb das Paar wegen des weiter steigenden Platzbedarfs nicht auf Dauer.

Aufwendig gestaltet: In das Unikat des Werther wurden auch Grafiken von Künstlern mit eingebunden. Sebastian Eichenberg ist auf das ganz besondere Buch in Paris gestoßen.
Aufwendig gestaltet: In das Unikat des Werther wurden auch Grafiken von Künstlern mit eingebunden. Sebastian Eichenberg ist auf das ganz besondere Buch in Paris gestoßen. © Müller, Norbert

Der Umzug des inzwischen renommierten Antiquariats Hamecher war im Juli 1961 der Hessischen Allgemeinen eine Meldung wert: Horst Hamecher habe sein Geschäft ins neue Büro- und Geschäftshaus Wolfsschlucht 15 verlegt. Dort habe er „nicht nur mehr Ausstellungsraum, sondern auch genug Innenraum gewonnen, um in deckenhohen Regalen Bücher aus allen Zeiten und Fachrichtungen aufstellen zu können“, war zu lesen. Und: „Der Kunde findet, was er sucht oder wird bei der Suche nach der antiquarischen Kostbarkeit, nach dem längst vergriffenen Gebrauchsbuch fachmännisch unterstützt.“

Kassel: Bücherversand seit 1969 - Antiquariat Hamecher inzwischen von Sebastian Eichenberg geführt

Später ging es dann noch weiter an die Goethestraße, in ein Gebäude direkt neben Hamechers Geburtshaus. Da hatte der Mann, der lieber Fliegen als Krawatten trug, schon die Zeichen der Zeit erkannt, die für seine Nachfolger aber noch weitaus bedeutsamer werden sollten: 1969 stellte er sein Geschäft breiter auf, neben dem Laden mit der klassischen Laufkundschaft gab es nun auch die Versandbuchhandlung.

13 Jahre später zog sich Horst Hamecher, der auch als Verleger und Autor aktiv war, aus seinem mit gebrauchten Druckwerken gefüllten Reich zurück, mit gut 7000 Büchern, von denen er sich nicht trennen mochte. Seinem Nachfolger blieben aber noch genug Exemplare, und auch als der heutige Inhaber von Hamecher, Sebastian Eichenberg, 2007 übernahm, platzte das Geschäft aus allen Nähten. „Es war das klassische Bild von einem Antiquariat: Rappelvoll, es quillt aus allen Ecken“, erinnert sich Eichenberg, der zuvor in mehreren Kasseler Antiquariaten gejobbt hatte, um dann mit dem Einstieg in die Selbstständigkeit sein Studium der Kunstgeschichte dranzugeben. Er ist ein anderer Typ Antiquar, als es Hamecher seinerzeit war.

„Bei 65.000 Büchern wird man auf Dauer bekloppt“, sagt der 41-Jährige. Da noch die Übersicht zu behalten, wo welches Buch steht, sei kaum zu schaffen. Ein weiterer Nachteil: Die benötigten Flächen kosten viel Miete, gerade in den Innenstadtlagen. Mit dem Bücherverkauf sei das kaum noch zu erwirtschaften. Eichenberg machte sich auf die Suche nach einer günstigeren Bleibe und reduzierte den Bestand.

Hat nicht jeder: Auch eine Originalsignatur von Goethe findet sich im aktuell teuersten Angebot des seit 75 Jahren bestehenden Antiquariats.
Hat nicht jeder: Auch eine Originalsignatur von Goethe findet sich im aktuell teuersten Angebot des seit 75 Jahren bestehenden Antiquariats. © Müller, Norbert

Von Kassel nach Naumburg: Umzug von Antiquariat Hamecher wegen hoher Mieten

Der Zufall fügte es, dass seine Eltern, die es zeitgleich mit der Immobiliensuche des Sohns aufs Land zog, ein Haus im Ortskern Altenstädts fanden und kauften. Einst befand sich im Erdgeschoss der Dorfladen. Die Räumlichkeiten waren bestens geeignet für die Bücher, und so machten Eltern und Sohn aus dem Haus „ein Gemeinschaftsprojekt“, wie der Junior sagt.

Mit nur noch 7000 Büchern richtete er das Antiquariat Hamecher vor rund zwei Jahren am neuen Ort ein und neu aus. Auf Allerweltsware verzichtet er. Es gibt klassische Abteilungen zu Themen wie Kassel, Philosophie, Theologie, Belletristik, Kunst. Laufkundschaft gebe es aber hier kaum, was eigentlich schade sei, denn das Schöne im Antiquariat sei doch auch, „dass man Sachen findet, die man eigentlich gar nicht sucht“.

Kassel: Name Hamecher bleibt bestehen - Eichenbergs Marktplatz ist das Internet

Sebastian Eichenbergs Marktplatz ist das Internet, auch wenn er versichert, dass ihm das klassische Ladengeschäft noch immer das Sympathischste sei. „Aber wenn die Gesellschaft beschließt, dass solche Läden nicht mehr zeitgemäß sind, dann ist das eben so.“ Im Netz ist er mit aktuell 2200 Angeboten vertreten. Vor allem auf seinem Spezialgebiet ist er sehr rege: bibliophile Ausgaben mit besonderen Einbänden, Buchkunst und Bücher über Buchkunst, Buchgeschichte und Sammlungen.

In einem Schrank stehen seine Schätze. Sein Lieblingswerk ist aktuell ein Buch, das er in Paris aufgestöbert hat: die zweite Auflage der französischen Ausgabe von Goethes Leiden des jungen Werther. Die Bögen wurden 1845 gedruckt. Gebunden wurde das Werk von einem bekannten Buchbinder 1910. Mit eingebunden wurden der Umschlag der Erstausgabe, Grafiken verschiedener Künstler, ein Porträt von Goethe und eine Originalsignatur des großen Dichters. Zur weiteren Ausstattung gehören Goldschnitt, ein roter Ledereinband mit goldenem Druck. „Das ist ein absolutes Einzelstück“, sagt Eichenberg, der es zum Preis von 11 500 Euro anbietet.

Horst Hamecher Antiquar
Horst Hamecher Antiquar © Repro: Norbert Müller

„Aber ich habe nicht nur solche edlen Schätzchen.“ Der Antiquar zeigt als Beispiel das kleine Handbuch zum Drachenfang für drei Euro. „Das findet man nicht im Katalog“, sondern nur beim Stöbern im Laden. Sebastian Eichenberg über sein wichtigstes Auswahlkriterium: „Es muss ein interessantes Buch sein.“ Das war wohl auch der Anspruch von Horst Hamecher, als er vor 75 Jahren sein Geschäft in Kassel eröffnete. (Norbert Müller)

Auch interessant

Kommentare