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Vitos-Bauprojekt in Balhorn: Gegner der Einrichtung für psychisch Kranke verteilen Flugblätter

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Von: Norbert Müller

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Ihnen bereitet das geplante Bauprojekts von Vitos in Balhorn Sorgen: Bernd Friedmann, Karen Ring, Thorsten Ring und Madlen Klement (von links) auf dem von Vitos favorisierten Baugelände.
Ihnen bereitet das geplante Bauprojekts von Vitos in Balhorn Sorgen: Bernd Friedmann, Karen Ring, Thorsten Ring und Madlen Klement (von links) auf dem von Vitos favorisierten Baugelände. © Norbert Müller

Die künftigen Nachbarn der von Vitos in Balhorn geplanten Apartmentanlage für psychisch erkrankte Menschen geben ihren Widerstand nicht auf. Dienstag und Mittwoch verteilten sie im Ort Flugblätter.

Balhorn – Die „direkten Anwohner der Fritzlarer Straße, Lindenstraße, Buchenstraße, Burgstraße“, so heißt es im Flugblatt, haben ihre sämtlichen Kritikpunkte im Zusammenhang mit dem geplanten Projekt aufgelistet. Eine Forderung wurde allerdings nicht formuliert.

Im Gespräch werden Bernd Friedmann, Madlen Klement sowie Karen und Thorsten Ring als Vertreter der ablehnenden Anwohnerschaft konkret. „Es ist unsere Intension, dass Vitos hier nicht hinbaut“, bringt es Madlen Klement auf den Punkt.

Private Fläche steht seit vielen Jahren zum Verkauf

Mit „hier“ ist eine rund 5000 Quadratmeter große Grünfläche gemeint, die von den genannten Straßen und Wohnhäusern eingerahmt wird. Für die Fläche existiert ein gültiger Bebauungsplan, der eine Bebauung mit sieben Einfamilienhäusern vorsieht.

Schon seit vielen Jahren stehe die private Fläche zum Verkauf, bestätigt Bad Emstals Bürgermeister Stefan Frankfurth (SPD), allein es fand sich bislang kein Käufer. Wohl deshalb, weil das Areal im Ganzen veräußert werden solle, sagen Anwohner, Interessenten für einzelne Parzellen habe es wohl immer mal wieder gegeben.

Dann kam im vergangenen Jahr Vitos Haina ins Spiel. Vitos plant, 2023 zeitgemäße Unterbringungsmöglichkeiten für bereits in Merxhausen bestehende Wohngruppen zu schaffen. „Das Bundesteilhabegesetz definiert Standards für die Lebenssituation und die Unterstützungsleistungen von Menschen in Einrichtungen der besonderen Wohnform“, erklärt Rouven Raatz, Sprecher von Vitos Haina.

Menschen mit psychischen Störungen und anderen Krankheiten sollen in Balhorn wohnen

Vor diesem Hintergrund sei eine „Weiterentwicklung der beiden am Standort Merxhausen bestehenden Wohngruppen unabdingbar“. Ziel sei deshalb ein Ersatzneubau in der Gemeinde Bad Emstal, „damit die Klientinnen und Klienten weiter im gewohnten Umfeld leben können“.

Das Krankheitsbild der Bewohner reicht von psychischen Störungen wie Schizophrenie bis zu Verhaltungsstörungen, die sich in Depression oder Angst äußern. Darüber hinaus werden auch chronisch mehrfach beeinträchtigte abhängigkeitserkrankte Menschen betreut.

„Über eine Marktrecherche sind wir auf das infrage kommende Baufeld in Balhorn aufmerksam geworden“, so der Vitos-Sprecher weiter. Die Fläche werde „seit geraumer Zeit von einem Makler angeboten“. Vitos ist offenbar so von dem Platz angetan, dass man nicht weiter nach alternativen Plätzen in Bad Emstal gesucht hat.

Standort des Vitos-Bauprojektes in Balhorn
Standort des Vitos-Bauprojektes in Balhorn © HNA

Vitos hat Grundstück noch nicht erworben

„Das Baufeld scheint für das Vorhaben geeignet. Die Gemeinde steht, nach Wahrnehmung von Vitos Haina, dem Projekt offen gegenüber“, nennt Rouven Raatz die zentralen Punkte, die für ein Engagement des Unternehmens an dieser Stelle sprechen.

„Insofern ist die Suche nach alternativen Standorten bislang nicht erforderlich gewesen.“ Man setze auf das Grundstück an der Fritzlarer Straße, das Vitos allerdings noch nicht erworben habe, so Raatz.

Und das möge, sagen die das Vitos-Vorhaben ablehnenden Anwohner auch so bleiben. „Ich habe Angst um meine Kinder. Ich habe auch Angst, von den Leuten beobachtet zu werden“, nennt Madlen Klement ihre ganz persönlichen Gründe gegen den Bau der Vitos-Apartmentanlage vor der eigenen Terrasse.

„Wenn ich nach Hause komme, will ich Bullerbü“

„Mich belastet das“, erklärt die 44-jährige Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin, die seit 20 Jahren auf der Intensivstation arbeitet, dort auch Sterbebegleitung mache.

„Ich habe einen stressigen Job. Wenn ich nach Hause komme, will ich Bullerbü“, beschreibt sie in Anlehnung an das von Astrid Lindgren entworfene Dorfidyll anschaulich ihr Bedürfnis, nach Feierabend zuhause unbeschwert entspannen zu können.

„Und dann haben wir dort Vitos mit Sucht und Psychosen. Das stresst uns und schürt Ängste“, sagt die alleinerziehende Mutter zweier Söhne.

Es seien Ängste vor Beschaffungskriminalität durch die neuen Nachbarn, vor einem Wertverlust ihrer Immobilien und auch Ängste, dass es durch mehr Verkehr vorbei sein könnte mit der Ruhe in ihrem Wohngebiet.

So könnte es werden: Die Apartmentanlage wurde Platz für 24 zu betreuende Menschen bieten.
So könnte es werden: Die Apartmentanlage wurde Platz für 24 zu betreuende Menschen bieten. © Privat

Beschütztes Wohnen 

Im Flugblatt der Gegner des Vitos-Bauprojektes ist die Rede von einer geschlossenen Abteilung, „in der Patienten wohnen sollen, die aufgrund eines richterlichen Beschlusses wegen Eigen- und/oder Fremdgefährdung untergebracht sind“.

Dazu erklärt Vitos-Sprecher Rouven Raatz: „In der Wohnanlage von Vitos Besondere Wohnform Bad Emstal sollen maximal zwölf der 24 Plätze im Rahmen des Beschützten Wohnens angeboten werden. Dies bringt zum Ausdruck, dass den Menschen ein beschützter Lebensraum geboten wird. Sie leben in diesem beschützten Raum, weil sie aufgrund ihrer schweren Erkrankung unter Umständen zu eigengefährdetem Handeln neigen. Im konkreten Fall (...) geht von diesen Klientinnen und Klienten keine Gefahr für andere Menschen aus.“

Rechtliche Grundlage für die Unterbringung sei Paragraf 1906 des Bürgerlichen Gesetzbuches

Vitos: Sorgen sind unbegründet

„Wir sind nicht dagegen, dass solche Einrichtungen geschaffen werden. Aber nicht mitten in so einem idyllischen Wohngebiet“, sagt Anwohnerin Karen Ring.

„Dann doch eher am Rand.“ Aber an der Peripherie, erklärt Bürgermeister Stefan Frankfurth, habe die Gemeinde und haben auch private Eigentümer keine Flächen zu bieten.

Und es widerspreche auch den Prinzipien der Teilhabe, dem Ziel, dass die psychisch kranken Bewohner in normale Abläufe im Ort integriert werden. Dazu braucht es allerdings auch ein einigermaßen harmonisches Miteinander von Bewohnern, Vitos und der Bürgerschaft.

Bürger seien unzureichend zu Info-Veranstaltungen und Ortsbeiratssitzungen eigeladen worden

Und einer gehörigen Portion gegenseitigem Vertrauen. Das sehen die Anwohner allerdings gestört, weil man erst spät und eher durch Zufall von den Vitos-Plänen erfahren habe, sagt beispielsweise Bernd Friedmann.

Der Architekt spricht von Info-Veranstaltungen und auch Ortsbeiratssitzungen, zu denen die betroffenen Bürger nur unzureichend eingeladen worden seien und dazu auch extrem kurzfristig.

Dem widerspricht Rouven Raatz. Man habe „zum frühestmöglichen Zeitpunkt den Ortsbeirat, die Gemeindevertretung, den Bürgermeister und die Anlieger umfassend über die Absicht informiert, eine Apartmentanlage in Balhorn realisieren zu wollen“.

Rouven Raatz, Vitos-Sprecher
Rouven Raatz, Vitos-Sprecher © Privat

In den Gesprächen mit Gremien der Gemeinde „haben wir eine Willkommenskultur vernommen“, so der Vitos-Sprecher. Die von einigen Bürgern vorgetragenen Bedenken nehme man ernst. „Wir verfolgen das Ziel, durch Aufklärung und Gesprächsangebote die Vorbehalte auszuräumen.“

Vitos lade die Balhorner herzlich ein, sich in Haina davon zu überzeugen, dass ihre Sorgen unbegründet seien. Dort und andernorts betreibe Vitos Apartmentanlagen „in ähnlicher Form“ wie die in Balhorn geplante ebenfalls in Wohngebieten.

„Seit Jahren besteht ein harmonisches Miteinander“

Die Gemeinde Haina erschließe aktuell in unmittelbarer Nachbarschaft zu Einrichtungen der Vitos begleitenden psychiatrischen Dienste ein Neubaugebiet. Raatz: „Seit Jahren besteht ein äußerst harmonisches Miteinander von Vitos, den Klientinnen und Klienten und der Bürgerschaft. Inklusion und Teilhabe werden gelebt.“

Ob es dazu auch in Balhorn kommt, bleibt abzuwarten. Die Anwohner haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das Projekt, in das Vitos laut Sprecher Raatz „mehrere Millionen Euro“ investieren will, noch verhindert werden kann. Ein Nachbar, bestätigt Anwohner Bernd Friedmann, versuche, mit drei weiteren Personen die Fläche an der Fritzlarer Straße zu kaufen. (Norbert Müller)

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