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Arztpraxen im Kreis Kassel am Limit

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Von: Daria Neu, Bea Ricken, Daniel Göbel

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Nicht nur wegen des Coronavirus, sondern auch aufgrund von anderen Infektionen liegen viele Menschen im Kreis Kassel derzeit flach.
Nicht nur wegen des Coronavirus, sondern auch aufgrund von anderen Infektionen liegen viele Menschen im Kreis Kassel derzeit flach. © Susann Prautsch/dpa

Infekte füllen Wartezimmer. Auch Covid-Fallzahlen wieder besonders hoch.

Kreis Kassel – Normalerweise ist der Winter für das Umgehen von Infektionskrankheiten bekannt. Doch in diesem Jahr berichten Ärzte und Apotheker auch im Sommer von einem Patienten-Ansturm auf die Praxen. Neben dem Coronavirus sind es auch gewöhnliche Erkältungswellen, die für volle Wartezimmer sorgen.

„Es geht heiß her“, sagt Dr. Gunter Lehmann von der Gemeinschaftspraxis Dres. Lehmann in Fuldatal. Momentan würden in der Praxis so viele Krankschreibungen wegen Infekten ausgestellt, wie noch nie – im Schnitt etwa 30 pro Tag. „Das habe ich in mehr als 40 Jahren nicht erlebt“, sagt Lehmann gegenüber der HNA.

Um den Patientenansturm zu bewältigen, da eine Krankschreibung per Telefon nicht mehr möglich ist, habe man extra den Praxisbetrieb umgestellt. So müssten Patienten mit Infekten oder einem positiven Corona-Schnelltest nicht in die Praxis kommen, sondern würden auf dem großen Innenhof gesondert behandelt. Die Krankschreibung erhalten sie am Praxisfenster.

Eine Erklärung für die vielen Infektkranken in diesem Sommer hat der Allgemeinmediziner nicht. Lehmann vermutet aber, dass es einen Zusammenhang mit dem Wegfall der Maskenpflicht gebe. „Die Maske hat dafür gesorgt, dass wir viel weniger Viren ausgesetzt waren. Jetzt, da die Maskenpflicht weg ist, steigt die Virulenz, da das Immunsystem verlernt hat, etwa mit Erkältungsviren umzugehen.“

Das bestätigt auch Dr. Uwe Popert, Kasseler Allgemeinmediziner und stellvertretender Vorstand des Hausärzteverbands Kassel. Auch er vermutet einen Zusammenhang zwischen den derzeit vermehrt auftretenden Atemwegserkrankungen und dem Wegfall der Maskenpflicht. „Wir haben eine infektarme Zeit hinter uns, das Immunsystem braucht jetzt wieder Training“, so Popert.

Momentan kämen viele Patienten mit Erkältungssymptomen wie Husten und Schnupfen, was häufig nicht auf den ersten Blick von einer Corona-Infektion unterscheidbar sei. „Wir hatten schon seit langer Zeit keine Covid-Patienten mehr mit schweren Verläufen“, erläutert Popert.

Überhaupt nicht glücklich seien die Hausärzte über die politischen Entscheidungen, wie etwa dem Wegfall der telefonischen Krankschreibungen. „Wir müssen uns leider daran gewöhnen, dass Hausärzte permanent überlastet sind, bei allen politischen Rahmenbedingungen, die wir erfüllen müssen.“

Im Hinblick auf die vielen Infektkranken, sieht es auch Ralf Wittwer von der Hausarztgemeinschaft Waldeck Wolfhager Land ähnlich. „Meiner Meinung nach liegt das am allgemeinen Nachholbedarf bei Feieraktivitäten. Kein Wochenende ohne Schützen- oder Volksfest. Zusätzlich die ganzen privaten Festivitäten.“ Schutzmaßnahmen gebe es praktisch keine mehr.

Das Wetter mit langen lauen Sommerabenden lasse viele die Pandemie vergessen, so Wittwer. Die Folge: Alle Infektionen – nicht nur, aber auch Corona – würden deutlich zunehmen. „So viele Krankmeldungen wie in den vergangenen Wochen stellen wir sonst nur im Februar aus.“

Allein in den ersten drei Quartalswochen habe die Hausarztgemeinschaft 992 Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausgestellt. „Das sind knapp 20 Prozent aller Patienten, die wir gesehen haben. Normal sind etwa zehn Prozent, erklärt der Mediziner.

Wenn man davon die anderen Hauptarbeitsunfähigkeitsgründe wie Rücken und Psyche abziehe, deren Häufigkeit unverändert sei, stelle man fest, dass die Infektionen auf das drei- bis vierfache fache angestiegen seien.

„Wir haben in den vergangenen Wochen sehr hohe Covid-Fallzahlen“, bestätigt Kollege Dr. Dirk Wetzel aus Zierenberg. Überwiegend seien es zwar keine schweren Verläufe, aber durchaus langwierige.

Die hohen Fallzahlen spiegeln sich auch bei Cordula Markowski in der Apotheke mit Herz in Hofgeismar wider. „Wir haben derzeit richtig viel zu tun. Das Sommerloch scheint es dieses Jahr gar nicht zu geben.“ Viele kämen, um sich Medikamente für normale Erkältungen zu besorgen, zahlreiche Coronatests stünden ebenfalls weiterhin auf dem Plan. „Die herkömmlichen Erkältungen scheinen außerdem langwieriger zu sein als sonst“, vermutet Markowski.

Laut Dr. Eckehard Flotho, ärztlicher Direktor im evangelischen Krankenhaus Gesundbrunnen in Hofgeismar, gibt es im medizinischen Bereich nach wie vor viele Ausfälle durch Coronainfektionen unter den Mitarbeitern. „Das erschwert die Arbeit natürlich.“ Von anderen Infektionswellen – auch unter den Patienten – könne er momentan jedoch nicht berichten. (Bea Ricken, Daria Neu, Daniel Göbel)

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