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Auch in Zierenberg wurden 1938 Juden angegriffen

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Von: Sascha Hoffmann

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Gegen das Vergessen: Bürgermeister Rüdiger Germeroth fiel das Gedenken in diesem Jahr besonders schwer.
Gegen das Vergessen: Bürgermeister Rüdiger Germeroth fiel das Gedenken in diesem Jahr besonders schwer. © Hoffmann, Sascha

Das Gedenken an die Novemberpogrome 1938 in Zierenberg setzt ein Zeichen gegen das Vergessen von Ausgrenzung, Hetze, Gewalt und Mord.

Zierenberg – Es ist immer wieder ergreifend, all die Namen zu hören. Die Namen all derer, die vor 84 Jahren Unvorstellbares erleiden mussten, als die Novemberpogrome auch über Juden in Zierenberg hineinbrachen. „Danke, dass Sie gekommen sind, um die Erinnerung wachzuhalten an eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte“, sagte der evangelische Pfarrer Friedemann Rahn am Dienstagabend an der Mittelstraße 41, wo einst die Synagoge stand. Auf der dort angebrachten Tafel ist zu lesen: „Wir lernen nur, wenn wir nicht vergessen“ – ein Leitsatz, der in der Warmestadt unter anderem dank der ehrenamtlichen Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Erinnerungskultur seit vielen Jahren mit Leben gefüllt wird.

Auch in diesem Jahr setzten die Zierenberger mit einer Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen ein deutliches Zeichen gegen das Vergessen und für Toleranz. Es war der Beginn der vom damaligen nationalsozialistischen Regime organisierten und gelenkten Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich. Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die später in den Holocaust an den europäischen Juden im Machtbereich der Nationalsozialisten (NS) mündete. Auch in Zierenberg wütete der Terror, forderte seine Opfer unter den bis dahin friedliebenden und geachteten jüdischen Mitbürgern, wobei die Pogrome in Zierenberg schon einen Tag vor dem 9. November 1938 ihren Höhepunkt erreichten. Nicht nur mit der Zerstörung von jüdischen Geschäften und Wohnungen, sondern auch mit der Schändung des jüdischen Friedhofs und dem Brandanschlag auf die Synagoge.

Sorgte im Rathaus für Gänsehautmomente: Spiegel-bestseller-Autor Tim Pröse. Fotso: Sascha Hoffmann
Sorgte im Rathaus für Gänsehautmomente: Spiegel-bestseller-Autor Tim Pröse. Fotso: Sascha Hoffmann © Hoffmann, Sascha

Bürgermeister Rüdiger Germeroth fiel das Gedenken in diesem Jahr besonders schwer. Den Grund sieht er im Ukrainekrieg. „Es mag an den Bildern von verwüsteten Städten, Dörfern und ganzen Landstrichen liegen, vom Leid der Menschen, von so vielen Gefallenen und sogar Massengräbern, die uns allabendlich in den Nachrichten präsentiert werden“, so Germeroth, der noch einen weiteren Grund sieht: die Berichte der Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland und auch Zierenberg geflüchtet sind, um sich in Sicherheit zu bringen. „Ähnlich wie am 1. September 1939 die Menschen massenhaft Warschau in östliche Richtung verließen, stauten sich Anfang März die Autos westlich von Kiew“, so Germeroth, der damit einen Vergleich zog, der Angst macht: „Damals vor über 80 Jahren ging es um insgesamt 35 Millionen Menschen mit polnischer Staatsbürgerschaft, heute um 42 Millionen Ukrainer.“

Zum Nachdenken auch die Lesung von Spiegel-Bestsellerautor Tim Pröse, der im Anschluss an die Gedenkveranstaltung mit Auszügen aus dessen 2016 im Heyne-Verlag veröffentlichen Buchs „Jahrhundertzeugen: Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler“ Berichte lieferte, die mindestens so ergreifend waren wie die Namen, die jährlich am einstigen Standort der Zierenberger Synagoge verlesen werden.

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