Abnabeln von der Therapie

Forensik Merxhausen nun mit Außenwohngruppe

Nach Sanierung des alten Gebäudes sind moderne, helle Räume entstanden: Katharina Klocke, Therapeutische Leiterin des offenen Bereiches der Vitos Klinik für Forensik, im Zimmer eines ihrer Schützlinge, der nun für drei Monate in der Außenwohngruppe in Merxhausen leben wird.
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Nach Sanierung des alten Gebäudes sind moderne, helle Räume entstanden: Katharina Klocke, Therapeutische Leiterin des offenen Bereiches der Vitos Klinik für Forensik, im Zimmer eines ihrer Schützlinge, der nun für drei Monate in der Außenwohngruppe in Merxhausen leben wird.

Für Patienten der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie in Merxhausen soll die Außenwohngruppe ein wichtiger Ort sein, an dem sie sich elegant von der Therapie abnabeln können. In diesen Tagen ist das Gebäude nach umfangreicher Sanierung fertig geworden, die ersten sieben Patienten haben die Zimmer bezogen.

Merxhausen - „In der Außenwohngruppe wird der Übergang zwischen stationärem Aufenthalt in der Forensik und einem eigenständigen Leben in der Gesellschaft angebahnt“, sagt Birgit von Hecker, Ärztliche Direktorin der Forensik. Sie ist Bestandteil der offenen Therapie. Nach einer Gefährlichkeitseinschätzung wechseln Patienten, die aufgrund einer Abhängigkeitserkrankung straffällig geworden sind und sich im Maßregelvollzug befinden, in eine Lockerung. Dieser offene Bereich befindet sich in der Alten Schule und hat aktuell 15 Plätze. Mit der Außenwohngruppe seien nun sieben weitere Plätze hinzugekommen, sagt Katharina Klocke. Sie ist die therapeutische Leiterin des offenen Bereiches und zugleich der forensisch-psychiatrischen Ambulanz, die im Dachgeschoss des sanierten Hauses untergekommen ist und sich damit zusammen mit einem Übungsapartment über der Außenwohngruppe befindet.

Wer die Außenwohngruppe verlässt, geht in die Dauerbeurlaubung. „Das kommt der Freiheit schon ziemlich nah“, sagt Klocke. Die Patienten leben dann in ihrem Heimatort, gehen einer Beschäftigung nach oder befinden sich in einem Qualifizierungsprogramm. Nach diesen sechs bis acht Monaten erfolgt die bedingte Entlassung der Patienten. Nun müssen sie drei Jahre lang beweisen, dass sie weder Alkohol noch Drogen konsumieren. Sie halten weiterhin Kontakt zu ihren Therapeuten und gehen auch weiterhin ihrer Arbeit nach, sofern sie eine Beschäftigung haben. Wer es bis dahin schaffe, habe gute Chancen, sich auch künftig in einem Leben in Freiheit zurechtzufinden, sagt Klocke und betont, dass der schwierige Übergang viel früher liege. „Wir sagen immer, die Alte Schule ist die Sollbruchstelle.“

Viele hätten während ihres Aufenthaltes im geschlossenen Bereich zwar theoretisch verinnerlicht, auf welches Verhalten es ankomme. Dieses Wissen umzusetzen, falle ihren Patienten aber oftmals schwer. Deshalb sei die Außenwohngruppe ein wichtiges Bindeglied in der therapeutischen Betreuung. Stück für Stück erarbeiten sich die Patienten mehr Eigenständigkeit. Sie können testen, ob es ihnen gelingt, Tagesstrukturen einzuhalten, ob sie zum Beispiel pünktlich aufstehen, „oder ob der Pfleger sie aus dem Bett schmeißen muss“. Auf 200 Quadratmetern werden sie vor Beendigung des Maßregelvollzugs auf ihre Entlassung vorbereitet. Es gibt Einzelzimmer, Zweibettzimmer und Gruppenräume.

Die forensisch-psychiatrische Ambulanz hat in dem Fachwerkgebäude an der Landgraf-Philipp-Straße ebenfalls ein neues Domizil gefunden. Sie kümmert sich derzeit um etwa 70 Personen, die den Maßregelvollzug hinter sich haben, aber während ihrer Dauerbeurlaubung weiterhin therapeutisch umsorgt werden. Seit dem Jahr 2014 sei die Zahl dieser Patienten um etwa ein Drittel gewachsen, sagt Klocke. Dafür gebe es zwei Gründe: Zum einen ist mit dem Landgerichtsbezirk Gießen eine weitere Region in den Zuständigkeitsbereich der Vitos Klinik für Forensik in Merxhausen gefallen. Und zum anderen werde immer öfter der Maßregelvollzug zur Bewährung ausgesetzt. Das treffe dann zu, wenn Personen unter Einfluss von Alkohol oder Drogen eine Straftat begangen haben, deren Folgen aber relativ gering geblieben sind. Menschen, die in dieser Situation sind, werden ebenfalls von ihrem multiprofessionellem Team betreut.

900 000 Euro wurden in die Sanierung des Gebäudes an der Landgraf-Philipp-Straße in Merxhausen saniert. 470 000 Euro hat das Hessische Ministerium für Soziales und Integration beigesteuert, der Rest kommt von Vitos Kurhessen.

Das Fachwerkhaus mit Sandsteinsockel stammt aus dem Jahr 1673. Am jetzigen Standort steht es seit dem Jahr 1907. Zuvor war es direkt an der Ems und damit dort, wo jetzt die Landgraf-Philipp-Straße verläuft. Das Gebäude diente als Mühle. Anfang der 1920er-Jahre sei es abgerissen worden, nur um es einige Meter entfernt neu aufzubauen und zwei Ärztewohnungen einzurichten, sagt Torsten Ahlers, bei Vitos Leiter der Abteilung Infrastrukturmanagement, und stützt sich bei seiner Aussage auf alte Unterlagen. Die vergangenen zehn Jahre habe das Gebäude leer gestanden, zuvor war es als Wohnheim für psychisch kranke Menschen genutzt worden.

Von Antje Thon

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