Wechsel nach Kassel

Pfarrer Stefan Kratzke verlässt nach mehr als 29 Jahren Balhorn

Immer eine offene Tür: Pfarrer Stefan Kratzke vor der evangelischen Kirche in Balhorn, in der er 29 Jahre wirkte. Ende Juli wechselt er auf eine halbe Stelle nach Harleshausen.
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Immer eine offene Tür: Pfarrer Stefan Kratzke vor der evangelischen Kirche in Balhorn, in der er 29 Jahre wirkte. Ende Juli wechselt er auf eine halbe Stelle nach Harleshausen.

Nach mehr als 29 Jahren in Balhorn wird Pfarrer Stefan Kratzke im Sommer die evangelische Kirchengemeinde verlassen und nach Kassel wechseln.

Balhorn/Altenstädt - Im Stadtteil Harleshausen wird der 60-Jährige eine halbe Stelle übernehmen. Der Grund für die Veränderung: Er möchte die dienstliche Belastung in den noch vor ihm liegenden Dienstjahren deutlich reduzieren.

„Das Haus ist wirklich gut bestellt“, sagt Stefan Kratzke. Wer auch immer seine Nachfolge antreten wird, werde eine „selbstständige und lebendige Gemeinde“ übernehmen. Diese Selbstständigkeit habe er über all die Jahre gefördert. „Ich habe deswegen auch nicht das Gefühl, dass durch meinen Weggang hier etwas zusammenbricht.“

Und so gibt sich Kratzke dann auch alle Mühe zu betonen, dass die berufliche und räumliche Veränderung für ihn ohne Wehmut sei. Seine enge Verbundenheit zu seiner Kirchengemeinde, die er als erste Pfarrstelle nach seiner Ordination übernahm, und auch zu Balhorn wird dann auch da deutlich, wenn er beschreibt, wie sehr sich die ganze Familie hier im Pfarrhaus wohlgefühlt hat. „Es war hier mit der Großfamilie genau richtig“, sagt Stefan Kratzke, „ein Paradies“. Das Ehepaar Kratzke hat vier Kinder im Alter zwischen 23 und 29 Jahren.

Der Pfarrer spricht vom großen Garten des Pfarrhauses mit den sieben Obstbäumen, die man selbst gepflanzt habe, dem Platz für die Kinder: „Schöner konnte es nicht sein.“ Die drei Söhne und eine Tochter, die längst flügge sind, hätten bis heute ihre Wurzeln und Freundschaften im Dorf und sich all die Jahre hier wohlgefühlt. „Auch all das war ausschlaggebend, dass wir hier geblieben sind“, denn eigentlich, so der Pfarrer, sei er beim Dienstantritt von zehn bis 15 Jahren ausgegangen, die er in Balhorn bleiben würde.

Was auch dazugehört: „Ich konnte hier tolle Hobbys ausüben“, schwärmt Kratzke, und meint damit vor allem die Touren mit dem Mountainbike. Und auch die Wanderungen gemeinsam mit seiner Frau in der Region. „Ich habe die Gegend hier ins Herz geschlossen.“

Dem gegenüber steht die dienstliche Belastung eines Pfarrers, der nach der Fusion der Kirchengemeinden Balhorn und Altenstädt seit 2005 für ein größeres Gebiet zuständig ist und als geschäftsführender Pfarrer nicht nur für das Seelsorgerische zuständig ist, sondern auch für Personalangelegenheiten, die Verwaltung. Selbst wenn in Kirche oder Gemeindehaus eine Lampe defekt ist, müsse er sich kümmern. „Ich kriege das mit meinen Kräften nicht mehr hin in den nächsten fünfeinhalb Jahren“, sagt Stefan Kratzke. So lange hat er noch bis zur Pension, und so lange wolle er auch weiter engagiert als Pfarrer aktiv sein.

Deshalb habe er den Entschluss gefasst, nach einer Möglichkeit zum Reduzieren zu suchen. In Balhorn sei das nicht möglich. In Kassel-Harleshausen sei er fündig geworden. Dort werde im Sommer eine halbe Stelle frei. 4700 Seelen zähle die Kirchengemeinde, die von zwei Vollzeitstellen und einer halben Stelle betreut werde. Seiner jetzigen Gemeinde gehören 1470 Menschen an.

Alle Arbeitsfelder seien in Harleshausen genau aufgeteilt, die Geschäftsführung sei bei einer der beiden vollen Stellen angesiedelt. Er werde sich ganz auf die Gemeindearbeit konzentrieren können. „Das hat mich auch überzeugt. Das mache ich leidenschaftlich gerne, und das kann ich dort mit Volldampf tun.“ Für ihn werde es eine Art Rückkehr. „Ich kehre in die Stadt meiner Jugendjahre zurück.“ Stefan Kratzke wuchs in Sontra auf, als er zehn Jahre alt war, siedelte die Familie nach Kassel um.

Was Pfarrer Kratzke jetzt noch bis zu seinem Abschied Ende Juli abschließen muss, ist die Pfarramtschronik. Das sei die persönliche Bilanz des Pfarrers und auch nur für die Pfarramtsinhaber einzusehen. „Man schreibt sein persönliches Statement und gibt dem Nachfolger auch Tipps, Hinweise und einen Kompass für die Arbeit.“

Die Bilanz von 29 Jahren dürfte umfangreich werden. Wie er junge Leute für die Kirchenvorstandswahlen gewonnen hat und mit jedem Team „Neues und Schönes“ erarbeitet hat, wird Thema sein, auch Angebote wie Kinderkirche und Kinder-Café, mit denen man die jungen Familien angesprochen habe.

Ein Kapitel wird er der Fusion der Kirchengemeinden Balhorn und Altenstädt widmen, wo es im Vorfeld viel Überzeugungsarbeit zu leisten galt. „Es war mir immer wichtig, dass ich zwar Impuls- und Ideengeber bin, aber dem Kirchenvorstand Zeit gebe, Prozesse mit zu vollziehen.“ Er habe sich immer als Moderator verstanden und nie das Ziel verfolgt, „den Kirchvorstand zu überrumpeln“.

Von „blankem Entsetzen und einem großen Schock“ spricht Stefan Kratzke in Zusammenhang mit der Brandserie im Jahr 2017, ein weiteres Thema für die Chronik. Die letzte Brandstiftung galt am Fronleichnamstag der Kirche in Balhorn. Die Bank aus altem Eichenholz, auf der das Feuer gelegt wurde, widerstand den Flammen. Die Kirche war aber so verraucht, dass umfangreiche Sanierungsarbeiten nötig wurden.

Unmittelbar nach dem Brand habe ihm „die Angst, hier hat vielleicht auch jemand was persönlich gegen mich“ den Schlaf geraubt. „Es war die konkrete Angst, als Nächstes steht unser Pfarrhaus in Flammen.“ Nach einem Dreivierteljahr wurde die Kirche wieder eingeweiht. Über dem Portal sind die Worte eingemeißelt: Meinen Frieden gebe ich euch. „Mein Ziel war, dass jeder, mit leichterer Last auf den Schultern wieder raus in den Alltag geht“, sagt Kratzke. Diese Botschaft des Friedens und der Aussöhnung „werde ich mit nach Kassel bringen“.

Von Norbert Müller

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