Keine Zeit für Langeweile

Azubis der Emstaler Höhe sammeln bei Praktika in anderen Betrieben Erfahrung

Die angehende Hotelfachfrau Alena Zabaronak in der Halle von Mexcare in Naumburg mit ihrem vorübergehenden Chef Thomas Heinisch.
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Fühlt sich wohl im Handelshaus für gebrauchte Premium-Werkzeugmaschinen: die angehende Hotelfachfrau Alena Zabaronak in der Halle von Mexcare in Naumburg mit ihrem vorübergehenden Chef Thomas Heinisch.

„Ich will die Zeit nutzen und was lernen“, sagt Alena Zabaronak. Damit bringt sie auf den Punkt, was sich ihr Ausbildungsbetrieb, die Emstaler Höhe in Bad Emstal, von einer besonderen Aktion für ihre Azubis verspricht.

Bad Emstal/Naumburg – Weil in Gastronomie und Hotellerie wegen des Lockdowns gerade alles brach liegt, sollen die Auszubildenden in anderen Branchen Eindrücke sammeln, die ihnen auch in ihren anvisierten Berufen weiterhelfen. In der Emstaler Höhe gibt es aktuell für die knapp 50 Angestellten nichts zu tun. Das Hotel ist geschlossen, und die Küche dicht, weil man auf den Außerhaus-Verkauf verzichte, sagt Chef Lukas Frankfurth. „Das rechnet sich für uns nicht.“ Inzwischen sei es möglich, auch die Auszubildenden in Kurzarbeit zu schicken, aber das wolle man nicht. Den meist noch jungen Leuten gegenüber habe man eine besondere Verantwortung.

Seine Mutter Sabine, sagt Frankfurth, sei auf die Idee gekommen zu versuchen, die sechs Auszubildenden als Praktikanten andernorts unterzubringen, bis es im Haus wieder losgeht. Möglichst berufsnah sollte es sein. Und: Der Lohn wird von der Emstaler Höhe weiter gezahlt.

Die Frankfurths machten sich auf die Suche, animierten die Azubis – zwei künftige Köche, zwei Hotelfachleute, zwei Hotelkaufleute – sich auch selbst um einen Platz zu kümmern.

Alena Zabaronak, Auszubildende zur Hotelfachfrau im dritten Lehrjahr, nahm Kontakt mit der Firma Mexcare in Naumburg auf. Telefonisch stellte sie sich vor, reichte eine Bewerbung nach und wurde gleich genommen. Als Hotelfachfrau hat sie den Schwerpunkt Service, aber auch Rezeption, Housekeeping und Küche zählen zu den Ausbildungsinhalten.

Im Naumburger Handelshaus für hochwertige, gebrauchte CNC-gesteuerte Werkzeugmaschinen fühlt sie sich schon nach wenigen Tagen fast wie zuhause. Mexcare ist international tätig. „Fremdsprachenkenntnisse sind bei uns ein großes Thema“, sagt Inhaber Thomas Heinisch, „gerade Englisch, Chinesisch und Russisch sind wichtig“. Da passe Zabaronak, die perfekt russisch spricht, bestens in den Betrieb. Sie habe auch gleich einen eigenen Bereich bekommen, sagt Heinisch, kümmere sich um den Kontakt mit den russischen Kunden. Und auch in die Betreuung der Web-Seite des Unternehmens sei sie eingebunden.

So profitieren beide Seiten. Der Bad Emstalerin gefallen die Betriebsatmosphäre und die Arbeit, sie nutzt die Möglichkeit dazuzulernen. Und Mexcare-Chef Heinisch hat eine Muttersprachlerin für die russischen Geschäftspartner, mit denen man derzeit ausschließlich online per Videokonferenz spricht.

Eine künftige Hotelkauffrau wurde von den Frankfurths vorübergehend an eine örtliche Rechtsanwaltskanzlei vermittelt. Ein angehender Hotelkaufmann und eine weitere Auszubildende zur Hotelfachfrau sind noch auf der Suche. Relativ flott lief es bei den beiden Koch-Azubis. Da nutzte die Emstaler Höhe den kurzen Draht zu ihren Lieferanten. Ein Koch-Lehrling sammelt gerade neue Eindrücke in der Bäckerei Oliev in Bad Emstal, ein weiterer, Sebastian Bekker, ist Praktikant in der Landmetzgerei Ritter im Naumburger Stadtteil Altendorf.

Auch im Schlachthaus scheint es ein Gewinn für beide Parteien zu sein. „Der stellt sich gut an. Man merkt, dass er schon mal ein Messer in der Hand gehalten hat“, lobt einer der Fleischer, mit denen der 18-jährige Altenstädter am großen Tisch steht und mithilft, ein Schwein zu zerlegen. „Das bringt was“, sagt Bekker, „beispielsweise lernt man einiges über Fleischqualität“.

Sammelt Erfahrungen im Schlachthaus: Koch-Azubi Sebastian Bekker beim Zerteilen eines Schweins in der Landmetzgerei Ritter in Altendorf.

Auch beim Schlachten der Tiere war er schon dabei, das habe er auch von sich aus so gewollt. Der Respekt vor den Tieren wachse deutlich und auch die Wertschätzung des Lebensmittels Fleisch. Er nehme jedenfalls von diesem Praktikum sehr nützliche Eindrücke mit. Genau das ist die Hoffnung von Emstaler-Höhe-Chef Lukas Frankfurth: Dass der lockdownbedingte Ausflug ganz neue Impulse bringen möge, „neue Ansichten und Einsichten, die hier bei uns nicht möglich sind“, letztlich dann durch das vielseitige und gut ausgebildete Personal auch dem eigenen Betrieb zugutekommen.

Wann die Azubis wieder in der Emstaler Höhe am Start sein werden, steht noch nicht exakt fest. „Wenn absehbar ist, wann es bei uns wieder losgeht, dann müssen sie hier wieder mit anpacken“, sagt Frankfurth, der den Lockdown nutzt, um den Restaurantbereich komplett zu erneuern. Bis Ende März sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir vor Ostern aufmachen“, sagt der Gastronom. Viel Zeit also für die Riege der Azubis, weiter außerhalb des eigenen Betriebs Erfahrungen für den Job zu sammeln. (Norbert Müller)

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