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„Flüssiger sprechen, freier leben“ - 25 Jahre Kasseler Stottertherapie

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Von: Norbert Müller

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Jubiläum der Kasseler Stottertherapie: Dr. Alexander Wolff von Gudenberg gründete das Institut, das seinen Sitz in Bad Emstal hat, vor 25 Jahren.
Jubiläum der Kasseler Stottertherapie: Dr. Alexander Wolff von Gudenberg gründete das Institut, das seinen Sitz in Bad Emstal hat, vor 25 Jahren. © Norbert Müller

Die Kasseler Stottertherapie feiert ihr 25. Jubiläum. Gründer Dr. Alexander Wolff blickt auf ein erfolgreiches Vierteljahrhundert zurück.

Bad Emstal - „Flüssiger sprechen, freier leben“, so lautet das Motto der Kasseler Stottertherapie, die in diesen Tagen am Sitz des Instituts in Bad Emstal ihren 25. Geburtstag feierte.

Für Mitarbeiter und Gäste war es auch Anlass, auf das bislang Erreichte zurückzublicken, auf ein Vierteljahrhundert, „in denen fast 4000 Menschen in nahezu 500 Kursen und Einzelsitzungen geholfen werden konnte“, wie man während der Feier stolz erklärte. Neben den Präsenzkursen wurden mehr als 30 000 Stunden Online-Therapie absolviert.

Kasseler Stottertherapie feiert 25. Jubiläum

Es ist eine Erfolgsgeschichte, die ganz eng mit einer Person verknüpft ist: Dr. Alexander Wolff von Gudenberg. Der 64-Jährige kann sich gut in seine Patienten einfühlen. Als Kind war von Gudenberg, der in Calden-Meimbressen aufwuchs und dort auch heute noch mit seiner Familie wohnt, selbst ein starker Stotterer.

Wie belastend das für die Betroffenen ist, macht er an zwei Beispielen aus seiner eigenen Jugend deutlich. So sei es für ihn unmöglich gewesen, die für die Fahrt zur Schule nötige Monatskarte selbst zu kaufen. Er hat dann immer einen Freund vorgeschickt. Auf die Konfirmation habe er verzichtet, weil die Konfirmanden bei der Einsegnung in der Kirche vor Publikum zwei Sätze sagen mussten. Das Gefühl der Blamage habe er sich nicht antun wollen.

Gründer der Kasseler Stottertherapie selbst „dem unvorhersehbaren Kontrollverlust ausgesetzt“

Als Stotterer, sagt der Institutsleiter, „ist man ständig dem unvorhersehbaren Kontrollverlust ausgesetzt“, bei dem der Sprechvorgang zusammenbricht.

Als typische Situationen nennt von Gudenberg, wenn man mit Freunden zusammen ist, wenn man eine Rede vor einer größeren Gruppe halten muss, am Telefon zu sprechen hat oder auch, wenn man andere Menschen nach dem Weg fragen muss. „Das sind alles typische Geschichten, die Stotterern schwerfallen.“

Unter diesem Leidensdruck versuche man natürlich, etwas gegen das Handycap zu tun. „Ich war selbst 25 Jahre Patient und habe zwölf relativ bis ganz erfolglose Therapien gemacht.“

25 Jahre Kasseler Stottertherapie: Gründer lernt in den USA neues Verfahren kennen

Alexander Wolff von Gudenberg hat Medizin studiert, wurde Facharzt für Allgemeinmedizin. Im Zuge seiner Promotion verbrachte er ein Jahr in den USA. „Dort habe ich ein Verfahren kennengelernt, wo ich das erste Mal das Gefühl von Sprachkontrolle hatte.“ Das sei keine der bis dahin üblichen Psychotherapien gewesen, sondern dort setzte man auf ein spezielles Sprachtraining.

In der Folge war er weitere Male in den Vereinigten Staaten, wo er auf einem internationalen Stottererkongress eine israelische Softwarefirma kennenlernte, die in ihrem Produkt das gebundene Sprechen in den Mittelpunkt stellte. „Ich habe als Mediziner alles stehen und liegen gelassen“ erinnert sich Alexander Wolff von Gudenberg. Ein halbes Jahr verbrachte er mit einem Postpromotionsstipendium in Jerusalem, wo er die israelische Software übersetzt und für seine Idee einer Therapie angepasst hat.

Dieses Konzept ist bis heute Grundlage der Kasseler Stottertherapie, dem Sprachtraining in Präsenz am Bad Emstaler Institut und dem computergestützten intensiven Üben, das die Patienten zuhause fortsetzen. Über die Jahre wurden die Verfahren weiterentwickelt, auch die Software. Ausgebaut wurde auch die Anbindung von Patient und Institut übers Internet. Die Online-Therapie gab es seitens des Bad Emstaler Instituts schon Jahre vor Corona. Für den Lockdown war man dann bestens gerüstet. Und auch die Arbeit mit Patienten im Ausland ist online möglich.

Intensivkurs der Kasseler Stottertherapie „sehr herausfordernd“

Der Intensivkurs für die Stotterer, sagt von Gudenberg, sei „sehr herausfordernd“. Er vergleicht die Situation mit dem Fahrunterricht. „Am Anfang sitzt der Fahrlehrer daneben. Man macht alles langsam, bis es sich automatisiert.“ Bei der Stottertherapie lerne der Patient ein neues Sprachmuster.

Eine vollständige Heilung des Stotterns, sagt der Institutsleiter, sei jenseits des Vorschulalters kaum noch möglich. Durch das weiche, gebundene Sprechen, das die Kasseler Stottertherapie seit 25 Jahren vermittele, erziele man aber „eine sehr hohe Sprechflüssigkeit“.

Er selbst sei da ein gutes Beispiel. Aus dem starken Stotterer von einst sei ein „kontrollierter Stotterer“ geworden. „Ich bleibe noch manchmal hängen, bin aber konversationsfähig“, sagt er mit einem entspannten Lächeln.

Kasseler Stottertherapie: Männer deutlich häufiger als Frauen betroffen

Stottern ist eine Redeflussstörung, von der in Deutschland etwa 800 000 Menschen dauerhaft betroffen sind. Laut dem Institut der Kasseler Stottertherapie in Bad Emstal sind Männer etwa fünfmal so häufig betroffen wie Frauen. Etwa fünf Prozent aller Kinder beginnen bis zum sechsten Lebensjahr zu stottern, nur vereinzelt tritt es auch später noch auf. Die Spontanheilungsrate ist im Kindesalter noch sehr hoch.

Im späteren Alter, etwa mit Beginn der Pubertät, sind sowohl ein Beginn des Stotterns, wie auch die Rückbildung sehr selten. Das Stottern setzt sich nach Angaben des Bad Emstaler Instituts aus verschiedenen neurologischen, erblichen, sprachlichen, motorischen und psychosozialen Faktoren zusammen. Die Symptome des Stotterns können auf sprachlicher, nichtsprachlicher und psychischer Ebene auftreten. Beispiele sind Wiederholungen von Lauten, Blockierungen der Artikulation, Füllwörter-Einsatz und Vermeideverhalten. (Norbert Müller)

Weil Menschen weltweit geholfen werden soll, benötigt die Kasseler Stottertherapie schnelles Internet - 2019 führte das zu einem großen Problem. Das Land Hessen förderte die Onlinekurse der Kasseler Stottertherapie für Kinder.

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