Das Virus muss draußen bleiben

Vitos Klinik für Forensik setzt in Krise auf Videobesuche

Demonstriert eine Videoschaltung, so wie sie von Patienten und deren Angehörigen genutzt wird: Christoph Ziegler, Leiter des Pflege- und Erziehungsdienstes an der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie.
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Demonstriert eine Videoschaltung, so wie sie von Patienten und deren Angehörigen genutzt wird: Christoph Ziegler, Leiter des Pflege- und Erziehungsdienstes an der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie.

Angehörigenkontakte per Videoschaltung – mit diesem Angebot hat die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie in Merxhausen Neuland betreten.

Merxhausen - Zu Beginn der Coronakrise hatte die Ärztliche Leiterin Birgit von Hecker die Idee zu diesen Besuchen. Inzwischen wird das hessenweite Pilotprojekt in den Vitos Kliniken in Haina und Hadamar nachgeahmt. Dort sind ebenfalls straffällig gewordene Patienten im Maßregelvollzug untergebracht.

Mit der Coronakrise mussten die Besuche von Patienten durch Angehörige in der Merxhäuser Klinik ausgesetzt werden. Die Gefahr, dass das Virus in die Einrichtung getragen wird, sei einfach zu groß, sagt von Hecker, die im Falle einer Infektion weitreichende Konsequenzen für ihr Haus befürchtet. „Wir wollten uns keine Quarantänesituation ins Haus holen.“

Aufgrund der besonderen Lage dürften seit Ende April lediglich Verteidiger und Seelsorge – getrennt durch eine Plexiglasscheibe – in persönlichen Kontakt zu den suchtkranken Rechtsbrechern treten. Davor sei selbst das nicht möglich gewesen.

Damit die Kontakte zu den Familien nicht abbrechen, suchte von Hecker nach einer Alternative und kam auf die Videobesuche. Es folgten aufwendige Vorbereitungen. So musste ein Softwareanbieter gefunden werden, der den hohen Sicherheitsanforderungen gerecht wird. Auf den Tablets ist lediglich das Kommunikationsprogramm installiert. Von dort wird eine Mail an den Angehörigen geschickt. Der Besucher folgt einem Link und betritt so den virtuellen Raum.

Aktuell nutzen 20 der derzeit 64 Patienten, die sonst alle während ihrer Unterbringung in der Forensik weder über einen Computer, noch über ein Smartphone verfügen dürfen, die Videoschaltungen. Birgit von Hecker zieht eine positive erste Bilanz. Manche Patienten würden ihre Angehörigen sogar häufiger sehen. Dies sei insbesondere dann der Fall, wenn weite Anfahrtswege die Zahl der Besuche limitieren würden. Die Patienten stammen aus den Landgerichtsbezirken Kassel, Fulda, Marburg und Gießen.

In einer digital geprägten Welt erlebten die Kinder von Forensikpatienten die Videobesuche als ein Stück Normalität. Denn die Videoschaltungen ähneln anderen Begegnungen, die über die sozialen Medien möglich sind. Dagegen könnten persönliche Kontakte, bei denen Vater und Kinder durch eine Plexiglasscheibe getrennt seien und Angehörige eine Sicherheitsschleuse passieren müssten, mitunter verstören.

Von Hecker will das Angebot auch nach der Coronakrise als ein dauerhaftes etablieren. Um während der Pandemie den Patienten ausreichend Kontaktangebote nach außen unterbreiten zu können, wurden nicht nur Videobesuche eingeführt, auch die Telefonregelung wurde gelockert.

Birgit von Hecker und ihr Team achten während der aktuellen Krise akribisch genau darauf, sich keinen Corona-Fall ins haus zu holen. So werde jeder Patient, der neu in die Forensik aufgenommen wird, zunächst für zwei Wochen isoliert. „In dieser Zeit verlassen sie ihr Zimmer nicht“, sagt die Ärztin. Gegen Ende dieser Quarantäne werde der Patient auf das Virus getestet. Ist der Befund negativ, wird er in die Station integriert. Die meisten Patienten würden die Situation mit Fassung tragen. Da sie aus der Justizvollzugsanstalt kämen, seien sie das eine oder andere an Entbehrungen gewohnt. „Das größte Problem für sie ist, nicht rauchen zu können“, sagt die Ärztliche Direktorin. Auf diese Art habe es einer der Männer bereits geschafft, von der Nikotinsucht loszukommen.

Im Schnitt nimmt die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie pro Woche einen neuen Patienten auf. „Der gesicherte Bereich ist voll ausgelastet“, sagt von Hecker. Trotz Etablierung der neuen Besuchsform müssen die Patienten bedingt durch die Coronakrise auch Einschnitte akzeptieren. So seien derzeit nur Lockerungen in Begleitung möglich, auch wenn die Patienten zuvor die Einrichtung bereits hatten stundenweise verlassen dürfen. Diese strenge Regelung diene allein dem Ziel, das Virus nicht auf die Station zu holen. „Denn wir können ja nicht jeden, der draußen war, 14 Tage lang in Quarantäne stecken“, sagt von Hecker.

Allerdings hätten nicht alle Patienten für die Vorgehensweise Verständnis. Einige hätten sich bereits an den Petitionsausschuss beim Hessischen Landtag gewandt und sich beschwert, weil sie sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen.

Von Antje Thon

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