Adventsserie "Wir öffnen Türen"

Ein etwas anderes Weihnachten: So wird in der Forensik in Bad Emstal gefeiert

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So leben die Patienten: Sascha (links) und Alex teilen sich ein Zimmer. In der Forensik in Merxhausen leben die Männer in Wohngruppen. Dabei gehört es dazu, dass sie sich selbst um ihre Wäsche kümmern, sauber machen und kochen. Je eine Woche ist ein Patienten Hausmann und dafür zuständig, die WG zu versorgen.

Eigentlich sind die Weihnachtstage die Tage im Jahr, an denen man sich Zeit für die Familie nimmt. Doch was ist, wenn die Familie unerreichbar ist?

So wie für die Patienten der Vitos-Klinik für forensische Psychiatrie in Bad Emstal. Im letzten Teil unserer Adventsserie schauen wir heute dort vorbei.

„Man merkt es schon an der Stimmung, es ist nicht wie draußen“, sagt Sascha mit Blick auf Weihnachten. Der 32-Jährige lebt seit zehn Monaten in der Klinik, in der suchtkranke Straftäter behandelt werden, bei denen die Gefahr besteht, dass sie ohne Behandlung in Zukunft erneut kriminell werden. „Dennoch versuchen wir, möglichst viel weihnachtliche Stimmung rauszuholen“, ergänzt Alex.

Der 38-Jährige und Sascha sind Zimmerkollegen, teilen sich also einen Raum in der Wohngemeinschaft. Acht dieser WGs gibt es auf den drei gut gesicherten Stationen in Bad Emstal. In den Zimmern ist Platz für zwei Betten, einen Schreibtisch, einen Schrank und Wäschebeutel. Fotos schmücken die sonst kahlen Wände.

Damit es auch Fern von Familie und Freunden weihnachtlich ist, haben die Männer Sterne gebastelt, die nun an den Fenstern der Station hängen. Im Wohnzimmer steht ein Weihnachtsbaum. Und in den vergangenen Wochen haben die WG-Mitglieder genau auf das selbstverwaltete Budget für die Lebensmittel geachtet, damit es an Heiligabend und den beiden Feiertagen etwas besonderes geben kann. Nach Abstimmung steht fest: Es gibt unter anderem Kartoffel- und Nudelsalat mit Würstchen, Plätzchen, Spare Ribs und Ente. „Klassische Weihnachtsmenüs“, sagt Alex mit einem Schmunzeln. Auch ein Pfarrer kommt zur Andacht. „Wir machen das Beste draus, das ist wichtig für alle“, sagt Sascha mit Blick auf das etwas andere Weihnachtsfest hinter verschlossenen Türen.

Wie Alex ist auch er froh, dass er die Chance hat, nach der im Gefängnis abgesessenen Zeit nun den Rest seiner Haftstrafe in der Forensik zu sein. „Das ist eine gute Vorbereitung auf draußen“, sagt der 32-Jährige. Und: „Man kann nur gewinnen.“ Die Männer lernen zu kochen, mit Geld umzugehen, sich mit ihrer Drogenproblematik auseinanderzusetzen, sich zu verständigen – und dabei auf Gewalt zu verzichten.

Das Leben in der WG ist dabei auch eine Herausforderung. „Hier treffen viele Charaktere aufeinander. Da muss man dann auch Kompromisse machen“, sagt Sascha. Trotzdem sind beide froh, nicht mehr im Gefängnis zu sein. „Da wird nur verwaltet, man sitzt seine Zeit ab.“

Was vermisst er am meisten in diesen Tagen? „Meine Tochter und meine Frau“, sagt Sascha. „Und das Gefühl, normal spazieren gehen zu können.“ Es sei schwer, wenn man durch die Haft von jetzt auf gleich aus dem Leben genommen wird. Sein Ziel ist daher klar: „Ein drogenfreies Leben – auch für meine Familie.“

Dafür steht der nächste Schritt an. Nach der Haftstrafe und zehn Monaten in der Forensik darf Sascha nun wieder raus. Zunächst für ein bis zwei Stunden. Später dann länger. So wird er auf das Leben in Freiheit vorbereitet.

So weit ist Alex noch nicht. Er hat noch einige Monate in der Forensik vor sich. Sind sie geschafft, freut auch er sich am meisten auf Freunde und Verwandte. „Und ganz einfach auf die Freiheit.“

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