Interview mit Oliver Lenz, der nach 18 Jahren als Wehrführer in Balhorn aufhört

„Es vergeht nicht ein Tag ohne Feuerwehr“

Hat den Überblick: Oliver Lenz ist als Gemeindebrandinspektor mittlerweile für alle Feuerwehren Bad Emstals zuständig. Sein Amt als Wehrführer von Balhorn wird er deshalb abgeben.
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Hat den Überblick: Oliver Lenz ist als Gemeindebrandinspektor mittlerweile für alle Feuerwehren Bad Emstals zuständig. Sein Amt als Wehrführer von Balhorn wird er deshalb abgeben.

Es ist schon so etwas wie eine Ära, die da bei der Feuerwehr Balhorn zu Ende geht. Bei der Jahreshauptversammlung wird Oliver Lenz, seit einem Jahr auch Bad Emstals Gemeindebrandinspektor, nach 18 Jahren das Amt des Wehrführers abgeben. Wir haben mit ihm über die Hintergründe gesprochen.

Herr Lenz, die kommende Jahreshauptversammlung der Feuerwehr Balhorn wird für Sie eine besondere. Weshalb?
Ich leite seit 2003 als Wehrführer im Ortsteil Balhorn die Feuerwehr und das mit Herzblut. Die Jahreshauptversammlung wird meine letzte als Wehrführer sein. Auch aus dem Vorstand des Feuerwehrvereins scheide ich mit Abgabe des Wehrführerpostens aus.
Was ist der Grund, die Wehrführung abzugeben?
Nachdem ich im Jahr 2020 das Amt des Gemeindebrandinspektors der Gemeinde Bad Emstal übernommen habe, bin ich in einer Doppelfunktion als Führungskraft tätig. Das kann auf Dauer nicht funktionieren und ist auch meinerseits nicht gewollt. Man muss sich auf eine Sache richtig konzentrieren, sonst fällt etwas hinten runter. Dann ist es auch nach 18 Jahren mal an der Zeit, in der Wehrführung einen Wechsel einzuleiten. Wir haben in den letzten Jahren schon als Führungsteam darauf hingearbeitet, jüngere Kameradinnen und Kameraden – so alt bin ich allerdings auch noch nicht (lacht) – in die Führungsstrukturen und Einsatzsituationen einzuarbeiten. Ich denke, wir haben die Weichen für die Zukunft vernünftig gestellt. Als Führungskraft ist man nur so stark wie sein Team.
Wie groß ist die Belastung durch das Ehrenamt?
Also kurz und knapp: Es vergeht nicht ein Tag ohne Feuerwehr. Aber das ist auch okay, schließlich weiß man vorher, was für ein Amt man bekleiden möchte und was dahinter steckt. Die Feuerwehr Bad Emstal wurde in diesem Jahr bis jetzt zu 91 Einsätzen alarmiert. Zu 90 Prozent rückt die Feuerwehr Bad Emstal mit allen vier Ortsteilen zu Schadensereignissen aus. Hut ab vor der kompletten Mannschaft, die immer parat steht, wenn der Pager Alarm schlägt und immer motiviert und fachlich die Einsätze abarbeitet.
Wie verträgt sich das mit Familie und Job? Wie bringt man alles in Einklang?
Das harmoniert nur mit dem richtigen Partner an der Seite. Ich habe das Glück, dass meine Frau aus einer Feuerwehrfamilie stammt, ihr Vater war 27 Jahre Wehrführer, somit ist ihr das ganze Thema Feuerwehr nicht unbekannt. Im Alarmfall verlassen wir gemeinsam das Haus, da meine Frau auch aktive Feuerwehrfrau in der Feuerwehr Balhorn ist. Das erleichtert manche Situation und den gemeinsamen Terminplan enorm, da wir das gleiche Hobby haben. Trotz allem muss man auch die Balance zwischen Hobby, Beruf und Familie finden, das ist manchmal gar nicht so einfach. Eins ist auch klar, der Job geht vor. Schließlich verdient man dort sein Geld. Aber auch mein Arbeitgeber ist sehr entgegenkommend bei Einsätzen oder Weiterbildungen im Ehrenamt.
Wie sehr geht das an die persönliche Substanz? Kämpft man da auch schon mal mit dem Gefühl, dass die Luft raus ist?
Auf jeden Fall, aber motiviert wird man immer wieder, wenn man weiß, dass ein gutes Team hinter einem steht. Der Zusammenhalt und die gute Kameradschaft machen ein Team aus. Gerade im Einsatzfall muss man sich blind auf seine Leute verlassen können. Das kann nur mit Vertrauen und gut ausgebildeten Kameradinnen und Kameraden funktionieren.
18 Jahre Wehrführer: Was hat sich in dieser Zeit bei einer Wehr wie der Balhorner verändert? Hat sich auch das Arbeitsfeld des Wehrführers gewandelt?
Ja, hat es, das Aufgabenfeld und auch die Rechtslage haben sich verändert. Die Bürokratie hat auch vor der Feuerwehr nicht halt gemacht. Auch das Einsatzgeschehen hat sich verändert. Ich habe Rechenschaftsberichte auf Jahreshauptversammlungen abgehalten, wo wir 16 Einsätze im Jahr hatten. Heute sind es 91 mit Stand Mitte November für Bad Emstal. Rettungstechniken und Technologien haben sich verändert, auch die Digitalisierung macht vor der Feuerwehr nicht halt. Hier muss man immer auf dem aktuellen Stand bleiben. Auch die Ausbildungen werden immer anspruchsvoller. Das Führen wird sicherlich auch nicht einfacher. Verschiedenste Charaktere sind unter einen Hut zu bekommen. Motivation und Wertschätzung sind ein großer Teil des Führens. Allerdings muss man auch mal kritische und unangenehme Situationen meistern. Vor allem aber muss immer im Hinterkopf sein, dass alle freiwillig und ehrenamtlich den Feuerwehrdienst absolvieren. Der Spaß darf nicht zu kurz kommen. Auch die Jugendarbeit muss gehegt und gepflegt werden.
Künftig soll die Arbeitsbelastung für den Balhorner Wehrführer reduziert werden. Es soll ein neues Modell für die Spitze geben. Wie sieht das aus?
Um die Führungsaufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen und eine Entlastung für die ehrenamtlichen Führungskräfte zu erreichen, haben wir gemeinsam mit dem Gemeindevorstand die Satzung abgeändert und für die großen Bad Emstaler Ortsteile Sand und Balhorn die Führungsstruktur auf zwei Stellvertreter bei den Wehrführern und dem Gemeindebrandinspektor erweitert.
Wie teilt sich so ein Trio die Arbeit auf?
Da muss sich das neue Balhorner Wehrführungstrio selbst organisieren. Für Fragen und Ratschläge stehe ich immer zur Verfügung. Ich habe mir aber vorgenommen, mich im Hintergrund zu halten. Ich hoffe, das gelingt mir. Ich habe den Jungs auch gesagt, wenn ich mich zu sehr einmischen sollte, sollen sie mir auf die Finger hauen.
Werden Sie weiter Gemeindebrandinspektor bleiben?
Ja, auf jeden Fall, Feuerwehrmann bin ich mit Leib und Seele. Das Hobby macht mir immer noch sehr viel Spaß, und wir haben gemeinsam noch viel vor in der Feuerwehr Bad Emstal.
Wird sich für Sie dann künftig die Arbeit im Ehrenamt tatsächlich reduzieren?
Machen wir uns nichts vor, nein, wird es nicht. Aber das ist mir auch bewusst. Nur die Aufgabe hat sich etwas geändert.

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