Haft für Todesfahrerin - Landgericht verwirft Berufung

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Unfallfahrzeug: Mit diesem Pkw erfasste die Bad Emstalerin im Januar die beiden Fußgänger.

Bad Emstal/Schauenburg. Für eine Alkoholfahrt mit tödlichem Ausgang ist eine Haftstrafe ohne Bewährung angemessen. Dies sei zur Verteidigung der Rechtsordnung geboten, urteilte Richter Reichhardt gestern vor der 7. Strafkammer des Landgerichtes.

Das Gericht verwarf damit die Berufung einer 56-jährigen Frau aus Bad Emstal, die im vergangenen Oktober vom Amtsgericht wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden war.

Die Frau hatte am 18. Januar 2014 bereits am frühen Morgen einen Liter Rotwein und später eine Flasche Sekt getrunken. Gegen 17.30 Uhr setzte sie sich in ihren VW-Passat, um nach Baunatal zu einem Klassentreffen zu fahren. Später wurde ein Blutalkoholgehalt zwischen 2,3 und 2,7 Promille ermittelt.

In einer leichten Linkskurve kam sie bei Tempo 70 von der Straße ab, prallte mit ihrem Wagen gegen die Leitplanke und erfasste zwei Fußgänger, die auf der linken Straßenseite auf dem Weg zum Grillfest eines Motorradvereins waren. Ein 54-jähriger Vater von drei Kindern starb wenig später im Krankenhaus, seine Lebensgefährtin erlitt zahlreiche Knochenbrüche und innere Verletzungen, die sie wohl lebenslang beeinträchtigen werden.

Sie habe sich gut und voll fahrtauglich gefühlt, die Fußgänger aber trotz deren reflektierender Kleidung und der Taschenlampe in der Hand des Mannes nicht gesehen, gab die Fahrerin später an.

Gutachterin Birgitt von Hecker bezeichnete das als typische Selbstüberschätzung einer Suchtkranken, die von einer starken Alkoholgewöhnung gefördert werde. Die Angeklagte wolle die Schwere ihrer Alkoholsucht nicht einsehen.

Verteidiger Philip Wiehage verwies darauf, dass seine Mandantin seit Oktober 2014 abstinent lebe und legte dafür Untersuchungsergebnisse vor. Den Opfern der Alkoholfahrt schrieb der Anwalt eine gewisse Mitschuld an dem Geschehen zu: „Es gab keine zwingende Notwendigkeit der Herrschaften, da langzulaufen“, sagte er. Die schmale Bankette der Landstraße sei dafür nicht gedacht. Wiehage: „Wer das Risiko auf sich nimmt, darf sich nicht wundern, wenn was passiert.“

Das brachte nicht nur die Geschwister und Eltern des Getöteten in Rage. Oberstaatsanwältin Vesper nannte die Argumentation „zynisch“, Nebenkläger-Anwalt Dr. Bernd Stein bezeichnete sie als „unerträglich und geschmacklos“.

Richter Reichhardt stellte klar, dass die Opfer keinerlei Schuld treffe, sie hätten sich vollständig verkehrsgerecht verhalten. Schuld sei einzig der Alkoholkonsum der Angeklagten. Die sei bisher völlig unbescholten, könne die Haftstrafe daher wohl im offenen Vollzug in Baunatal verbringen und ihre Arbeitsstelle bei VW behalten. Gegen das Urteil ist Revision möglich.

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