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Hofanlage im Bad Emstaler Ortsteil Riede wird mit Denkmalpreis ausgezeichnet

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Von: Norbert Müller

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Viel Platz für mehrere Generationen: Das Haus präsentiert sich nach Jahren der Sanierung in neuem Glanz. Die Nebengebäude warten noch auf den Ausbau.
Viel Platz für mehrere Generationen: Das Haus präsentiert sich nach Jahren der Sanierung in neuem Glanz. Die Nebengebäude warten noch auf den Ausbau. © Müller, Norbert

Die aktuellen drei Preisträger des Denkmalpreises kommen aus dem Wolfhager Land. Wir stellen die nächsten in einer Serie vor. Heute: Platz zwei für eine Hofanlage in Riede.

Riede – Der alte Hof in Riede ist für seine Bewohner etwas ganz Besonderes, da lassen sie keinen Zweifel. Wenn Ralf Klotzsche, Anja Fritz-Klotzsche und deren Tochter Rebecca Fritz über ihr 1899 errichtetes Domizil sprechen, ist oft die Rede von der Seele des Gebäudes. Aber die musste dem Gemäuer auch erst mit viel Arbeit eingehaucht werden. Der Lohn für die Anstrengungen ist nun auch der zweite Platz beim Denkmalpreis des Landkreises Kassel.

„Ich bin wegen der Liebe hier gelandet“, sagt Ralf Klotzsche lachend. Der 59-jährige gelernte Schreiner kommt ursprünglich aus Homberg, wegen seiner Ehefrau Anja zog es ihn in den Bad Emstaler Ortsteil. Vor gut zwölf Jahren machten sie sich auf die Suche nach einer gemeinsamen Bleibe.

Ausgezeichneter Hof: Paar renovierte Haus und Hof in Riede

Idealerweise sollte es ein Hof mit viel Platz zum Wohnen, ausreichend Fläche für einen Gemüse- und Obstgarten und auch Tiere sein. Irgendwo zwischen Riede und Homberg hoffte man, fündig zu werden. „Durch einen Zufall sind wir dann hier rangekommen“, sagt Anja Fritz-Klotzsche – ausgerechnet in ihrem Heimatdorf.

Im April 2011 hat das Paar den früheren Bauernhof an der Kirchberger Straße gekauft. Dass der Zustand des Hauses auf den ersten Blick „eine Katastrophe“ war, dass es „einen Sanierungsstau ohne Ende“ gab, wie sich Ralf Klotzsche erinnert, schreckte beide nicht ab. Er, der Schreiner, sie, die gelernte Malerin und Lackiererin mit Erfahrung in der Sanierung eines Fachwerkhauses, trauten sich zu, Haus und Hof wieder flott zu kriegen.

Stilvolles Entree: Foyer mit Treppenhaus.
Stilvolles Entree: Foyer mit Treppenhaus. © Müller, Norbert

Ein Giebel war eingebrochen, den Schaden, wussten die beiden, würde man von Zimmerleuten richten lassen müssen. Und auch den Einbau einer Heizung wollte man einer Firma überlassen. Aber ansonsten setzten sie auf ihre handwerklichen Fähigkeiten und waren voller Zuversicht, denn hinter der maroden Erscheinung, befanden beide, verbarg sich eine Bausubstanz, „die absolut okay war“, so Klotzsche.

„Wir haben dann vom Keller bis zum Dachfirst alles entkernt“, beschreibt er den ersten Arbeitsschritt. Der „70er-Jahre-Chic“, wie Anja Fritz-Klotzsche die Optik im Inneren beschreibt, war bald passé. Die Gipsplatten, mit denen die Decken verkleidet waren, flogen ebenso raus wie die alten Kunststofffenster. „Die Bausünden konnte man hier zum Glück leicht entfernen.“

Denkmalpreis: Zwei Jahre dauerten die Renovierungsarbeiten

Während Klotzsches Tischler-Werkstatt aus Homberg-Caßdorf schon gleich zu Beginn der Arbeiten im Rieder Stall eine neue Bleibe fand, war für die künftigen Bewohner der Einzug noch in weiter Ferne. Zu viel war zu erledigen. Morsches Fachwerk wurde ersetzt, alle Versorgungsleitungen galt es neu zu verlegen. Die 24 neuen Fenster  – alle aus Fichte, zweiflügelig mit Oberlicht – wurden in Eigenleistung eingesetzt. Die hat man von einer Firma bei Marburg herstellen lassen und damit zeitlich für etwas Entlastung gesorgt.

Die hölzernen Laibungen, die Fensterbänke aus Eiche, später dann auch die Türzargen und die Lamperie an den Wänden entstanden in der hauseigenen Werkstatt. Während Ralf Klotzsche, im Hauptberuf Arbeitstherapeut in der Merxhäuser Vitos-Klinik, die hölzernen Bauelemente herstellte, kümmerte sich seine Partnerin um die Wände, die mit biologischen Materialien gedämmt wurden. Und anschließend verputzte sie die Flächen. Insgesamt neun Tonnen Lehm hat sie von Hand aufgetragen und später mit Lehmfarben gestrichen.

Knapp zwei Jahre gingen so mit den Arbeiten, für die die beiden Berufstätigen jede freie Minute opferten, ins Land. „Dann wollten wir unbedingt rein in unser neues Reich“, sagt Anja Fritz-Klotzsche. „2013 sind wir auf die Baustelle gezogen. Gekocht habe ich damals im Keller auf einem Holzherd.“

Blick für die Details: Auch das Esszimmer des Wohnhauses wurde stilvoll eingerichtet. Im Hintergrund Ralf Klotzsche, der unter anderem auch Tisch und Bank gebaut hat, links Rebecca Fritz mit Bulldogge Lotte.
Blick für die Details: Auch das Esszimmer des Wohnhauses wurde stilvoll eingerichtet. Im Hintergrund Ralf Klotzsche, der unter anderem auch Tisch und Bank gebaut hat, links Rebecca Fritz mit Bulldogge Lotte. © Norbert Müller

So manchen Sonntag ging es „auf die Pirsch“, sagt Ralf Klotzsche. Antikmärkte wurden dann besucht und auch bei Abrisshäusern vorbeigeschaut. Das hölzerne Geländer, das die aufgearbeitete Eichentreppe harmonisch ergänzt, stammt aus einem Abrisshaus in Bebra. Einige alte Türblätter fand man auf dem Dachboden, andere stöberte das Paar auf Flohmärkten auf. So finden sich im Haus auch Türen, die knapp 400 Jahre alt sind.

Zwischenzeitlich sind die Sanierer auch immer mal an Grenzen gestoßen. Die Backsteine an den Außenwänden hätten sie gerne wieder in Natur gehabt, aber die Farbe war nicht runterzukriegen, ohne dass es die Oberfläche der Steine zerstört hätte. Also wurde notgedrungen wieder gestrichen.

Und an der 40 Zentimeter dicken Betonplatte im Hof, die einst direkt auf Blaubasaltpflaster gegossen wurde, biss sich der eingesetzte Bagger die Zähne aus.

Bibliothek im Haus: Einige Arbeiten stehen noch an

Im ersten Stock entsteht gerade der Bibliotheksbereich, auf dessen Fertigstellung sich Anja Fritz-Klotzsche schon mächtig freut. Und dann ist da noch der Dachboden. Da muss noch ein Bad eingebaut werden. Aber sonst bleibt der komplette Bereich offen „Das geht über die gesamte Grundfläche des Hauses und nach oben bis in die Dachspitze“, sagt Rebecca Fritz, die 25-jährige Tochter der Hausherrin, die mit ihrem Mann ebenfalls im Haus wohnt, das über eine Gesamtwohnfläche von rund 250 Quadratmetern verfügt.

In den Nebengebäuden des Hofes wartet enorm viel Arbeit, dafür ist man im Haus auf der Zielgeraden. „Ich freue mich, wie es hier vorwärts geht, Schritt für Schritt“, sagt Anja Fritz-Klotzsche. „Die finanziellen Mittel setzen dabei immer die Grenzen.“ An Zuschüssen sei bislang noch nichts in das Haus geflossen. „Ein normaler Mensch hätte so ein Projekt wohl nicht gemacht“, sagt die 56-Jährige, „und auch nicht bezahlen können. Finanziell hätten wir es auch nicht geschafft. Das geht nur, wenn man das meiste handwerklich selbst erledigen kann.“

Dass sich die ganze Anstrengung bislang gelohnt hat, da sind sich die Hausbewohner einig. Die Atmosphäre im Haus sei einzigartig, sagt Ralf Klotzsche. „Das Haus hat wieder eine Seele, das spürt man.“ (Norbert Müller)

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