Katholische Kirche in Merxhausen

Hochschullehrer dient als Küster und Ministrant

Unterstützt den Priester: Dirk A. Reh – hier beim Anzünden der Osterkerze in der katholischen Kirche in Merxhausen.
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Unterstützt den Priester: Dirk A. Reh – hier beim Anzünden der Osterkerze in der katholischen Kirche in Merxhausen.

Er ist neben dem Pfarrer die wichtigste Person während der Gottesdienste in der katholischen Kirche in Bad Emstal-Merxhausen: Dr. Dirk A. Reh. Als Küster und Ministrant, längst auch als Lektor, steht der 57-Jährige dem Priester zur Seite.

Merxhausen - Seit mittlerweile 296 Sonntagen, ohne Unterbrechung, versieht er seinen Dienst als Messdiener, seit 220 Wochen zusätzlich als Küster, zitiert der gebürtige Dortmunder seine Statistik. Und auf die, sagt der Wirtschaftswissenschaftler, sei Verlass.

An den Tag, als er das Ehrenamt in der Filialkirche der Naumburger Kirchengemeinde in Merxhausen übernommen hat, erinnert sich Reh noch sehr gut. Sechs Jahre ist das jetzt her. Zuvor war er sonntags zur Messe nach Fritzlar in den Dom gefahren. „Auch, weil mich diese Kirche dort so fasziniert hat, die ganze Atmosphäre im Dom.“ Aber dann habe er, der aus dem Kohlenpott stammt, als Kind mit Eltern und den beiden Geschwistern nach Ehlen zog und zu Beginn der 1990er-Jahren zum Bad Emstaler Bürger wurde, die kleine Kirche in Merxhausen für sich entdeckt.

Ostermontag war das. „Da saß ich zum ersten Mal in der Kirche in Merxhausen und wartete darauf, dass der Priester und eine Schar von Ministranten raus aus der Sakristei kommen“ – dem hohen Feiertag angemessen.

Heraus kam Pfarrer Johannes Kowal allein. „Das fand ich so traurig“, sagt Reh. Nach dem Gottesdienst ging er zum Pfarrer, von dem er erfuhr, dass es in Merxhausen längst keine Ministranten mehr gibt. Reh bot spontan an, ab sofort den Dienst zu übernehmen. Und Merxhausen hatte wieder einen Messdiener, einen promovierten Hochschulprofessor. Bei seinem künftigen Dienst kamen ihm seine Erfahrungen aus Kindheit und Jugend in Zierenberg zugute. Dort war Dirk A. Reh nach seiner Erstkommunion als Ministrant aktiv. Jetzt also stieg der Erwachsene wieder ein, assistierte dem Pfarrer bei Handwaschung, vor der Wandlung, bediente die Handglocken.

Beim Ministrantenamt sollte es in Merxhausen nicht bleiben. Inzwischen bringt sich Reh auch als Lektor ein und trägt die Fürbitten vor. Die Gemeinde profitiert von seiner Routine als Hochschullehrer, der auch in großen Hörsälen verstanden werden muss: „Ich rede laut und deutlich. Das freut die Leute.“ Zwischenzeitlich sprang er auch immer mal wieder als Küster ein, vor vier Jahren hat er auch diesen Job komplett übernommen.

Die ganze Arbeitswoche über freue er sich auf seinen sonntäglichen Dienst. Der beginnt mit dem Aufschließen der Kirche, gut eine Stunde vor Beginn der Messe. „Als Küster treffe ich dann für die Liturgie die Vorbereitungen.“ Messbücher und Gefäße gilt es bereitzustellen, die Gewänder für den Priester in der für den jeweiligen Sonntag bestimmten Farbe herauszulegen.

Mit Beginn des Gottesdienstes schlüpft Reh in die Rolle des Ministranten im langen weißen Gewand. „Gott zu dienen und die Ämter und das Vertrauen zu haben und mich so unmittelbar in den Dienst Jesu zu stellen, das ist für mich das Allergrößte.“ Für ihn sei der Dienst eine Ehre, „er bringt mich Christus noch näher. Ich bin direkt am Altar“.

Er beziehe daraus „Kraft und Stärke“, die ihn schon in schweren Stunden getragen habe. Reh spricht von „Leidenschaft und Lebenselixier“. Und weiter: „Diese Liebe zu Jesus war immer in mir drin und ist gewachsen. Auch die Erfahrung der Gottesnähe habe ich oft gespürt.“

Warum wurde er dann Wirtschaftswissenschaftler und nicht katholischer Priester? Tatsächlich habe er, der schon früh nach Gott gesucht habe, das bereits als Jugendlicher erwogen. Pilgerreisen nach Taizé und nach Rom, wo ihm bei einer Generalaudienz Papst Johannes Paul II. die Hand gedrückt habe, hätten ihn darin bestärkt. Das Studium bereits in Sichtweite,   stellten sich die Weichen doch anders. Er sei als Rettungssanitäter Beifahrer während einer Alarmfahrt nach Zierenberg gewesen. „Es kam zu einem Zusammenstoß, der war übelst“, erinnert sich Dirk A. Reh. Er habe dabei mit seinem Kopf die Seitenscheibe zerschlagen und wurde schwer verletzt. „Das war der Schnitt, dann passte nichts mehr.“

Er verpasste die Einschreibefristen für die Uni, verwarf Theologie und auch die Alternative Medizin, rutschte über das Nachrückverfahren in Kassel in die Wirtschaftswissenschaften. In die habe er sich hineingekniet, schnell das Studium abgeschlossen, promoviert, die akademische Laufbahn weiterverfolgt. Heute lehrt er an der Ostfalia-Hochschule in Salzgitter. Der Gedanke, sich doch noch zum Priester ausbilden zu lassen, habe ihn nie losgelassen. „Aber ich überlege mir, ob es nicht besser ist, Gott so weiter zu dienen. Vielleicht will er ja genau das von mir.“ Und außerdem: „Die Kirche ist ein rigides System, und ich bin ein Freigeist.“ Besser also, sagt Reh, er lasse es so, auch wenn er „fast schon asketisch und zölibatär“ lebe, weil es sich in Sachen Familie „nicht ergeben hat“. Die Aufgabe in der Merxhäuser Kirche erfülle ihn. „Ich bin in meiner ganzen Situation ein glücklicher und fröhlicher Mensch.“ (Norbert Müller)

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