Kosten um 300.000 Euro

Nach Brand in Balhorner Kirche: Restauratoren entfernen Schäden

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Hat alle Hände voll zu tun: Luis Colmenero am großen Deckengemälde über dem Kirchenschiff in der evangelischen Kirche in Balhorn.

Balhorn. Alle Hände voll zu tun haben die Restauratoren in der evangelischen Kirche in Balhorn. Im Juli hatte ein Brandstifter die Sitzauflage einer Kirchenbank angezündet. Noch bis Mitte März werden die Spezialisten mit der Reinigung zu tun haben.

Sie könnte aus einem Gruselfilm stammen: eine übergroße Maske aus Latex, der furchteinflößende Abguss eines Gesichts. Luis Colmenero hält das graugelbe Gebilde in der Hand und lacht. Der Restaurator weiß um die Wirkung der wabbeligen Kunsthaut, die eben noch das Antlitz eines Engels bedeckte. Colmenero ist mit der Beseitigung der Brandfolgen in der Balhorner Kirche beschäftigt, befreit Skulpturen, Wände und Gemälde vom Ruß, der sich am 9. Juli dieses Jahres in jede Pore im Inneren des Gotteshauses gefressen hat.

Damals hatte ein bislang Unbekannter, der mutmaßlich für eine ganze Serie von Bränden in Balhorn und Sand verantwortlich ist, vermutlich kurz nach Mittag die Kirche betreten, auf das Schaumstoff-Polster einer Sitzbank im linken Seitenschiff eine brennbare Flüssigkeit gekippt und sie angezündet. Der Schwelbrand hinterließ seine Spuren in jedem Winkel des Gotteshauses. Als der Brand gegen 17 Uhr an jenem Sonntag entdeckt wurde, war der 450 Menschen fassende Gebetsraum mit undurchdringlichem Qualm ausgefüllt, der einen grauen Schleier über alles legte.

Und auf genau den hat es Restaurator Colmenero abgesehen. Die Wände und die aus Stein gemeißelten Figuren befreit der 50-Jährige mit einem wirkungsvollen Mittel: Zunächst streicht er die zu bearbeitenden Stellen mit einer speziellen Latex-Milch ein, die in jede Ritze dringt und die Rußpigmente bindet. Am nächsten Tag zieht es die abgetrocknete Emulsion, die nun einer elastischen Folie gleicht, vorsichtig ab.

Eine Bank fehlt: Im linken Seitenschiff, vor dem Pfarrer Stefan Kratzke (rechts) und Restaurator Luis Colmenero stehen, wurde im Juli gezündelt. 

Das Ergebnis: „Die Oberfläche ist porentief rein“, freut sich Pfarrer Stefan Kratzke, der sagt, dass ihn und die Gemeinde der Brand „wie einen Hammerschlag“ getroffen habe. Zehn Jahre lag da gerade mal die Restaurierung der Kirche zurück, die seinerzeit 452.000 Euro kostete. Die aktuellen Arbeiten werden rund 300.000 Euro kosten, die laut Kratzke die Versicherung tragen wird.

Derzeit sind das Mittelschiff, die beiden Seitenschiffe und der Altarraum mit einem großen Gerüst überbaut, gilt es doch, jeden Winkel zu säubern. Auch die großflächigen Deckengemälde aus den Jahren 1895/96. Hier kann der Restaurator mit einem weichen Radierschwamm, der für die Reinigung der porösen Kalkfarbe zwischen den farbigen Darstellungen erste Wahl ist, nicht viel ausrichten. Für die Gemälde wurde ein neues Verfahren eingesetzt. Die insgesamt gut 150 kolorierten Quadratmeter wurden per Laser, dessen gebündeltes Licht die Rußpartikel verbrennt, die Farben aber verschont, von der Verschmutzung befreit. Pfarrer Kratzke: „Es ist ein tolles Ergebnis. Die Farben sind klar, jede Nuance ist rausgekommen“.

Die Latex-Haut, die Restaurator Luis Colmenero von einem steinernen Engelskopf abgezogen hat, zeigt ein Gesicht, das von der Ästhetik des Originals nichts behalten hat.

So begeistert der Seelsorger die Renovierungsfortschritte verfolgt, so bedrückt ist er angesichts der Einschränkungen des Gemeindelebens. Seit dem Brand, also seit knapp einem halben Jahr, steht die Kirche für Gottesdienste nicht zur Verfügung. Weihnachten wie schon an vielen der vorangegangenen Sonntage feierte man im Gotteshaus der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) im Dorf, die gleich nach dem Brand ihre Gastfreundschaft anbot, aber auch schon mal in der Turnhalle der Grundschule. Auch Silvester wird man sich wieder unter dem Dach der SELK versammeln.

Am 18. März, zwei Wochen vor Ostern, soll die Wiedereröffnung der gereinigten Kirche mit einem Gottesdienst gefeiert werden. Dann wird Pfarrer Stefan Kratzke auch die furchteinflößende Maske, den Abzug des Latex-Films vom Engelsgesicht, den Gottesdienstbesuchern präsentieren.

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