Zulassung nur für Wohnmobile – Angst vor Corona-Übertragung

Roma-Clan muss Stellplatz in Bad Emstal räumen

Ein Leben auf Achse: Die Roma-Familie, die sich auf dem Wohnmobilstellplatz in Bad Emstal-Sand niedergelassen hat, muss den Platz umgehend räumen.
+
Ein Leben auf Achse: Die Roma-Familie, die sich auf dem Wohnmobilstellplatz in Bad Emstal-Sand niedergelassen hat, muss den Platz umgehend räumen.

Willkommen fühlt sich die große Roma-Familie eigentlich nie, wenn sie mit ihren Wohnwagen in einer Kommune ankommt und ihr Lager für die nächsten Tage einrichtet. In Bad Emstal war es in dieser Woche, nachdem sich die Gruppe auf dem Wohnmobilstellplatz am Kurpark niederließ, nicht anders.

Bad Emstal – Am Montag, sagt Bad Emstals Bürgermeister Stefan Frankfurth (SPD), sei zunächst eine kleinere Gruppe angekommen, die auch gleich den Wohnmobilstellplatz ansteuerte. Bald darauf habe sich die Anzahl der Fahrzeuge verdoppelt und verdreifacht. Nach Angaben der Roma selbst, sei man mit rund 15 Gespannen vor Ort.

Für den Platz, so Frankfurth, gebe es eine rechtsverbindliche Satzung, deren Einhaltung er als Verwaltungschef auch durchzusetzen habe. Und die sehe für die Fläche mit ihren acht Stellplätzen ganz klar nur das vorübergehende Abstellen von Wohnmobilen vor, nicht aber von Wohnanhängern. Die Roma haben dann aus Platzmangel einen Teil ihrer Fahrzeuge auch auf den Grünflächen rund um den Stellplatz abgestellt.

Die Gemeinde sei den Roma entgegengekommen, habe die naheliegenden öffentlichen Toiletten aufgesperrt, den Wasseranschluss aktiviert, und man habe die Gruppe auch – gegen Kostenerstattung – mit Müllsäcken versorgt. Das sollte allerdings keine Ermutigung zum Bleiben sein. Denn nachdem die Verwaltung bereits am Montag auf die Situation am Kurpark hingewiesen worden sei, habe man Kontakt mit Polizei und Ordnungsamt aufgenommen mit dem Ziel, dass der Platz verlassen werde.

Von der Polizei sei dann die Auskunft gekommen, dass die Roma-Familie den Platz am Dienstag wieder verlassen werde. Weil die Roma aber am Mittwoch immer noch nicht den Eindruck erweckten, als würden sie zusammenpacken, habe die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt eine Anordnung zugestellt, die die Gruppe zur Räumung des Wohnmobilstellplatzes bis zum Sonntag auffordert.

Bürgermeister Frankfurth lässt keinen Zweifel, dass die Situation vor Ort für ihn nicht tolerierbar ist: „Der Platz ist völlig überfüllt. Und er ist ausschließlich für Wohnmobile und nicht für Wohnanhänger zugelassen.“ Und er macht auch deutlich, dass sich bei den Bad Emstalern Unmut regt. „Die Bürger regen sich auf“, und damit meint er vor allem auch jene, die mit ihrem Nachwuchs den Spielplatz am Kurpark nutzen. Denn die Roma, sagt Frankfurth, „die gehen mit ihren Kindern auch auf den Spielplatz, bevölkern ihn und gehen ohne Masken hin“. Wegen der Corona-Pandemie und der Sorge vor einer Infektion reagierten die Bürger wesentlich empfindlicher auf die Besucher.

Auch in der Vergangenheit hätten immer mal wieder Roma Station mit ihren Wagen in Bad Emstal gemacht. „Da ist das aber nicht so hochgekocht“, sagt der Verwaltungschef. „Die Bürger sind sauer“, beschreibt er die Stimmungslage im Ortsteil Sand. „Sie müssen sich an alle Corona-Bestimmungen halten und die Leute auf dem Stellplatz machen, was sie wollen.“ Für die Sorgen der Bürger hat Frankfurth volles Verständnis. An den Kennzeichen der Fahrzeuge – französische und deutsche – könne man sehen, dass es sich um Clans handele, „die sich mischen“. Und von einer Region in die nächste ziehen. Dass man solche Gruppen ohne Weiteres dulde, sagt Stefan Frankfurth, „das kann man in der jetzigen Zeit den Bürgern ja nicht vermitteln.“

Deshalb müsse die Roma-Gruppe umgehend den Platz in Bad Emstal verlassen und weiterziehen. In größeren Städten gäbe es für solche Reisende spezielle Plätze zum Lagern.

Mit 40 Personen unterwegs

„Wir wollten bis Sonntag bleiben und dann weiterreisen“, sagt Josef, der sich als „Wortführer“ der Roma-Familie bezeichnet. Mehr als seinen Vornamen wolle er nicht sagen. „Wir wissen noch nicht, wohin und hoffen, dass wir einen Platz finden.“

Der 44-Jährige sagt, dass die Familie aus rund 40 Personen bestehe – Deutschen und Franzosen. Und dass man überall, wo man Station mache, Ablehnung der Einheimischen zu spüren bekomme. Mal mehr, mal weniger. Man habe immer mit denselben Vorurteilen zu kämpfen. „Die Leute sagen, wenn sie uns Roma sehen, die klauen. Aber so sind wir nicht.“ Den Lebensunterhalt verdiene man sich durch das Schleifen von Werkzeugen, vor allem in der Industrie, sagt Josef. Derzeit gestalte sich das allerdings etwas schwierig wegen der Corona-Pandemie.

Die mache ihnen das Leben sowieso deutlich schwerer. „Die Leute wollen uns jagen. Jetzt haben sie einen Grund: Corona.“ Die Ablehnung, die sie erfahren, „ist tausend Mal schlimmer seit Corona“. Josef sagt: „Die Leute haben das Gefühl, wir bringen ihnen Corona.“

In Bad Emstal fühle man sich nicht so bedrängt, da habe man schon sehr viel Schlimmeres erlebt. „Manchmal sind nachts Leute gekommen und haben geschrien: Zigeuner.“ Die Familie habe sich gefürchtet, dass ihnen die Wagen angezündet würden.

Aber auch in Bad Emstal, wo Josef früher schon einmal Station machte, spüre er: „Man ist gegen uns.“ Der in Norwegen Geborene weiter: „Fremde kommen und machen Fotos von uns, ohne zu fragen. Und sie sind nicht freundlich.“

Bald wird es weitergehen. „Unser Leben“, sagt Josef, „ist das Reisen“. (Norbert Müller)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.