Vorsitzenden der SPD Bad Emstal ist "erschüttert"

Weitere Opfer melden sich: Neue Hinweise zur falschen Ärztin aus Fritzlar

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Sportlich unterwegs: So präsentierte sich die heute 48-Jährige 2012 als Bürgermeisterkandidatin für Bad Emstal.

Jetzt steht fest: Die vier Todesfälle, die eine mutmaßlich falsche Ärztin zu verantworten haben soll, haben sich nach HNA-Informationen alle am Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar ereignet.

Unterdessen läuft die Suche nach weiteren Opfern der Frau, die von 2015 bis 2018 in dem Fritzlarer Krankenhaus gearbeitet haben soll, weiter auf Hochtouren. Seit Freitag sind 26 Anrufe von Geschädigten und Zeugen beim Hinweistelefon der Arbeitsgruppe „Medicus“ der Polizeidirektion Homberg eingegangen. 

Dabei handele es sich um mögliche ehemalige Kollegen der 48-Jährigen, die ohne entsprechende Ausbildung in der Klinik als Assistenzärztin gearbeitet haben soll, aber auch um mögliche Geschädigte und Angehörige von Patienten, sagt Staatsanwalt Götz Wied. Die Hinweise würden nun überprüft.

SPD Bad Emstal "erschüttert“

Rainer Hering, SPD-Vorsitzender Bad Emstal

Am Samstag war bekannt geworden, dass die mutmaßlich falsche Ärztin im Jahr 2012 als SPD-Kandidatin für das Bürgermeisteramt in Bad Emstal angetreten war. Beim Vorsitzenden der SPD Bad Emstal, Rainer Hering, stand das Telefon daher am Wochenende nicht mehr still. Journalisten riefen an und baten um ein Interview. Das allerdings habe er abgelehnt. Der HNA gegenüber räumt er knapp ein, „ich bin erschüttert“.

Nach dem Wahlkampf in den Jahren 2011 und 2012 hätten sich die Wege von Meike W., die er als eine sehr eloquente und selbstbewusste Frau in Erinnerung habe, und der Emstaler SPD wieder getrennt, sagte Hering. „Wir haben die Beziehung beendet.“

Verdächtige war schlechte Verliererin

W. habe sich im Nachgang der Bürgermeisterwahl, aus der Mitkandidat Ralf Pfeiffer als Sieger hervorgegangen war, als schlechte Verliererin erwiesen. Unter anderem hatte sie Pfeiffer nicht zum Sieg gratuliert. Das habe seiner Partei nicht gefallen, sagt Hering, der 2012 bereits Vorsitzender des Ortsvereins war und nun großen Wert darauf legt, dass die Verdachtsmomente gegen die falsche Ärztin nichts mit der SPD zu tun hätten. Man sei bestürzt unter den Bad Emstaler Genossen ob dieser Informationen. 

Berührungspunkte ins Wolfhager Land

Meike W., die Frau, die derzeit als mutmaßlich falsche Ärztin bundesweit für Schlagzeilen sorgt, hat nicht nur als einstige Bürgermeisterkandidatin von Bad Emstal Berührungspunkte ins Wolfhager Land. Sie lehrte auch an der Schule für Gesundheitsberufe in Bad Emstal.

„Sie hat als freiberufliche Dozentin Stunden zu den Themen Anatomie und Physiologie gegeben“, sagt Andrea André, Pressesprecherin bei Vitos, zu der die Schule gehört. Direkt mit der Klinik habe die 48-Jährige nichts zu tun gehabt, also auch nicht als Ärztin bei Vitos gearbeitet.

Um Unterrichtseinheiten geben zu dürfen, habe die promovierte Biologin beglaubigte Zeugnisse vorlegen müssen. Dies sei auch geschehen, so André. Die 48-Jährige habe von 2011 bis 2014 an der Schule gelehrt.

Kandidatur als Bürgermeisterin, Nachrückerin in Kasseler Stavo

Nach ihrer Kandidatur als Bürgermeisterin von Bad Emstal saß Meike W. von Februar bis November 2013 als Nachrückerin für die Sozialdemokraten in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung. Zeitweise führte sie außerdem den SPD-Ortsverein im Kasseler Stadtteil Brasselsberg.

Der Versuch einer politischen Karriere schien danach beendet. In einem Zeitungsbericht aus dem Jahr 2014 war davon keine Rede mehr. Stattdessen verwies die Mutter eines Sohnes, die als Heilpraktikerin und Osteopathin in verschiedenen Praxen in Kassel und Bad Emstal tätig war, damals auf ihre breite medizinische Ausbildung: Sie habe neben Biologie und Biochemie auch Zahn- und Humanmedizin studiert. Am Dienstag teilte der SPD-Bezirk Hessen-Nord mit, dass Meike W. „kein Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ sei.

Mehr Transparenz gefordert

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte unterdessen mit Blick auf den aktuellen Fall mehr Transparenz. Es sei angesichts von 17 Landesärztekammern für vermeintliche Ärzte sehr leicht, fehlende Zulassungen zu verschleiern, so der Vorsitzende Eugen Brysch. Er fordert eine Reform des Kontrollsystems. „Es ist an der Zeit, dass die Approbation eines Arztes zentral archiviert wird und es eine Stelle gibt, wo Krankenhausträger verpflichtet sind, diese abzufragen.“ 

Mit einer gefälschten Zulassung hat die mutmaßlich falsche Ärztin die Landesärztekammer getäuscht. Die Frau hatte die Papiere nach Angaben der Ärztekammer vor einigen Jahren bei der Anmeldung als neues Kammermitglied vorgelegt. „Uns ist nicht aufgefallen, dass die Unterlagen gefälscht sind“, sagte eine Sprecherin dem Sender Hit Radio FFH.

Mit Hilfe digitaler Anwendungen könnten Zeugnisse immer häufiger so gefälscht werden, dass sie von Originalen kaum unterscheidbar seien, sagte die Sprecherin. Das sei auch im Fall der Ärztin so gewesen, die am Fritzlarer Hospital für vier Todesfälle verantwortlich sein soll.

Sie zeigte sich selbst an

Die Ermittlungen gegen sich hat die Frau laut Staatsanwaltschaft Kassel schließlich selbst ins Rollen gebracht. Sie habe Selbstanzeige wegen Anstellungsbetrugs gestellt, sagt Sprecher Götz Wied. Darunter verstehe man, dass beim Abschluss eines Arbeitsvertrages falsche Angaben gemacht wurden.

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Update vom 06.11.2019: Im Interview erklärt ein Anästhesie-Arzt, warum es ihn nicht wundert, dass die falsche Ärztin im Fritzlarer Hospital nicht aufgefallen ist.

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