Polizei bittet, keine Anhalter mitzunehmen und setzt auf Hinweise aus Bevölkerung

Zwei Männer aus Forensik Merxhausen entwichen

Forensik Merxhausen.
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Zwei Männer sind aus der Forensik in Merxhausen geflohen.

Die Polizei fahndet derzeit nach zwei aus der Forensik in Merxhausen geflohenen Männern und bittet um Hinweise aus der Bevölkerung.

Merxhausen - Die beiden 24 und 27 Jahre alten suchtkranken Straftäter sind am Dienstagmorgen gegen 6.30 Uhr auf noch nicht abschließend geklärte Weise aus der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie in Merxhausen geflüchtet. Die sofort eingeleiteten Fahndungsmaßnahmen der Polizei führten bislang nicht zum Erfolg.

Nach derzeitigen Erkenntnissen der Polizei geht von den beiden Flüchtigen keine akute Gefahr für andere aus. Das berichtet auch die Fuldaer Zeitung. Allerdings rät die Polizei vorsorglich davon ab, verdächtige Personen anzusprechen. Zudem bittet die Polizei im westlichen Landkreis Kassel und im nördlichen Schwalm-Eder-Kreis derzeit darum, keine Anhalter mitzunehmen.

Beschrieben werden die Männer wie folgt: Eine Person ist etwa 1,80 Meter groß, er hat kurze, dunkle Haare. Bekleidet war der Mann zum Zeitpunkt seiner Flucht mit einem grauen Pullover und einer grauen Jogginghose. Die Polizei geht davon aus, dass er sich beim Verlassen der Forensik an der Hand verletzt. Der zweite Mann ist schlank, etwa 1,70 bis 1,80 Meter groß und sportlich. Bekleidet ist er mit einem hellen Kapuzenpullover und einer hellen, langen Sporthose.

Aktuell laufen umfangreiche Fahndungsmaßnahmen der Polizei, bei denen auch ein Polizeihubschrauber im Einsatz ist. Zeugen, die verdächtige Personen beobachten und aktuelle Hinweise auf die Männer geben können, sind aufgefordert sich zu melden unter Tel. 0561 - 9100 oder in dringenden Fällen über den Notruf 110 bei der Polizei.

Vier Stunden ist es her, dass die beiden Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma Zeugen des Ausbruchs zweier psychisch kranker Straftäter aus der Forensik in Merxhausen wurden, die dort wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz einsaßen. Vier Stunden, in denen ihre Gedanken wieder und wieder um das Erlebte kreisen, in denen sie reden und mit jedem Satz realisieren, was sich da gerade vor ihren Augen abgespielt hat.

Andreas Müller (53) und Benjamin Zelder (31) haben um sechs Uhr ihre Zwölf-Stunden-Schicht angetreten und den ersten Rundgang um die Klinik absolviert, in der suchtkranke Rechtsbrecher im Maßregelvollzug therapiert werden. Sie nehmen die wenigen Treppenstufen, die auf den Eingang zum Gebäude zuführen, als ein Klappern ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie blicken in die Richtung, aus der das Geräusch kommt und sehen etwa 25 Meter entfernt einen Mann außerhalb des umzäunten Klinikgeländes stehen. Er ist dabei, die Böschung hinauf zur Bundesstraße zu klettern. „Der war unheimlich sportlich“, sagt Zelder.

Zu diesem Zeitpunkt hing der zweite Mann noch oben am Tor. Er sei dabei gewesen, den mit scharfkantigen Stahlzähnen bewehrten, dreieinhalb Meter hohen Zaun zu überwinden, erzählt Zelder. Dabei muss er sich an der Hand verletzt haben. Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma nähern sich den Flüchtigen. Und werden, wie sie sagen, von dem Sportlicheren der beiden, der inzwischen oben an der Straße steht, verbal bedroht. Sie sollten seinen Kumpel besser in Ruhe lassen. Genau das machen die Männer auch.

„Eigensicherung geht nun mal vor“, sagt Zelder, der vor wenigen Tagen erstmals zur Schicht in der Forensik eingeteilt wurde und am Dienstag dort seinen dritten Arbeitstag hatte. Er und sein Kollege wissen, dass das Geschehen von den Kameras gefilmt wird.

„Mit einem Auto, einem silbernen Ford Fiesta, sind sie dann davongefahren“, sagt Andreas Müller. Der Wagen war an einer Scheune auf der anderen Straßenseite geparkt, was sie zu der Annahme bringt, dass die Flucht organisiert gewesen sein muss. Sicher seien sie sich nicht, aber sie glauben, dass in dem Fluchtwagen eine dritte Person gewartet hat. Dann sind die Männer mit dem Wagen in Richtung Fritzlar abgerauscht.

Das Geschehen, das nur wenige Minuten gedauert habe, schildern sie kurze Zeit später der Polizei. Die leitet eine sofortige Fahndung ein. Hubschrauber kreisen am Morgen über den Dörfern. Polizeistreifen sind in den umliegenden Orten unterwegs.

In den 13 Jahren, in denen es die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie in Merxhausen gibt, ist es die erste Flucht, bei der Patienten die Sicherheitsanlagen überwinden und sich aus dem Staub machen. Allerdings habe es vor wenigen Wochen einen Zwischenfall mit einem psychotischen Patienten gegeben, sagt Vitos-Sprecherin Andrea André. Auch ihm war es gelungen, über den Zaun zu klettern. Jedoch kam er nicht weit. „Der Mann saß weinend vorm Zaun. Von dort haben wir ihn dann wieder reingeholt“, sagt sie.

Die 24 und 27 Jahre alten Männer, die gestern aus der Forensik ausgebrochen sind, waren erst vor wenigen Monaten in die Klinik aufgenommen worden. Sie gehörten beide derselben Wohngruppe an. Die Männer waren im geschlossenen Bereich untergebracht, hatten noch keinen Anspruch auf Lockerungen, wie er für Patienten gilt, die schon länger in Therapie sind.

Die Ärztliche Direktorin der Forensik, Birgit von Hecker, ist wie ihre Mitarbeiter entsetzt von der hohen kriminellen Energie, die die Ausbrecher für ihre Flucht aufgebracht haben. „Bei ihnen scheint es sich primär um kriminelle Menschen zu handeln, und nur sekundär sind sie auch suchtkrank“, sagt sie und spricht dabei einen Trend an, den sie seit etwa zwei Jahren beobachtet. So gebe es einen Anstieg unter Drogendealern, die in den Maßregelvollzug drängen. Der Aufenthalt dort wird offenbar als angenehmer wahrgenommen als der im Strafvollzug.

Froh sei sie darüber, dass die übrigen vier Patienten der Wohngruppe nicht ebenfalls die Gelegenheit zur Flucht genutzt haben. Eher das Gegenteil sei der Fall. Über die Notrufanlage der Station setzten sie die Mitarbeiter über den Ausbruch in Kenntnis.

Sollten die Flüchtigen von der Polizei aufgegriffen werden, kämen sie zunächst zurück nach Merxhausen in den Hochsicherheitsbereich. Die Klinik werde die Erledigung des Maßregelvollzugs beantragen, um beide Straftäter wieder in den Strafvollzug verlegen zu können. (Antje Thon)

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