Dorffest für die Linde

Den 300. Geburtstag des Niederlistinger Gasthauses feierten Einwohner ausgiebig

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Platzkonzert vorm Lindenbaum: Der Spielmannszug Oberlistingen sorgte für schmissige Klänge zur Geburtstagsfeier.

Niederlistingen. So viel Ehre dürfte der altehrwürdigen Linde im Herzen von Niederlistingen selten widerfahren sein: Zwei lange Abende lang erstrahlte sie im Scheinwerferlicht wie andernorts bedeutsame Bauwerke.

Nötig hätte es die Baumriesin auf dem Grundstück des Gasthauses Zur Linde nicht gehabt. Bewohner und Auswärtige strömten schon tagsüber in großer Zahl zur Jubiläumsfeier der einstigen Ausspannwirtschaft. Dass der Geburtstag „300 Jahre Zur Linde“ (wir berichteten) sich als regelrechtes Dorffest entpuppen konnte, dafür hatten die Wirtsleute Karin und Volker Budde alle Vorkehrungen getroffen.

Nach geselligem Auftakt am Samstagabend bot der Jubiläumssonntag bei strahlendem Sonnenschein im Garten unter der Linde Gelegenheit zum Plauschen, Schmausen und Musiklauschen. Der Gemischte Chor Niederlistingen/Ersen servierte Liedvorträge, der Spielmannszug Oberlistingen bot gar ein umfangreiches Platzkonzert.

Die Geburtstagsfeier für das Gasthaus spülte bei den Älteren eine Vielzahl von persönlichen Erinnerungen ins Gedächtnis. Die Bilder aber vom verheerenden Feuer, das alles zerstörte und selbst das gegenüberliegende Haus Cöster ruinierte, stand den Zeitzeugen jenes verhängnisvollen Tages im August 1953 besonders deutlich vor Augen.

Georg Cöster war damals acht Jahre alt. Dass selbst ihr Haus auf der anderen Straßenseite der Gastwirtschaft dem Brand zum Opfer fiel, bedeutete für ihn und seine Mutter, eine Kriegerwitwe, einen weiteren Schicksalsschlag. Die Ereignisse von damals schildert der Nachbar heute in aller Gelassenheit.

Das Haus wurde wie die Gastwirtschaft wiederaufgebaut. Der 73-Jährige wohnt weiter gegenüber der Linde - und trägt dem jugendlichen Übeltäter von damals nichts nach. Er und andere Ältere sind davon überzeugt, „das Dorf hat dem Jungen verziehen“.

An Barren und Pferd in dem Saal erinnert sich schmunzelnd Werner Lüdicke (81). Der Turnverein sollte wiederbelebt werden nach dem Krieg, mit Übungen am Abend. Und der junge Volksschüler wollte unbedingt dabei sein. Weil der Lehrer den Kindern aber verboten hatte, nach 18 Uhr noch auf der Straße zu sein, pirschte sich der Junge durch Gärten und über Zäune an die „Linde“ heran.

An den Saal denkt auch Helmut Jordan (74) gern zurück. Theater haben die jungen Volksschüler dort gespielt und zur Weihnachtszeit „Die Sieben Schwaben“ aufgeführt. Was er damals neben der Zerstörung der Gastwirtschaft auch bedauerte: den Verlust des dort untergebrachten kleinen Friseurladens. Heute sagt Jordan: „Wir können froh sein, dass wir noch eine Gaststätte haben. Viele Dörfer stehen inzwischen ohne da.“ So dürften es in Niederlistingen wohl alle sehen.

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