Probe für den Ernstfall

Autohof Breuna: Ein Tankstellen-Überfall zur Übung

Breuna. Regelmäßig wird an der Tankstelle des Autohofes Breuna der Ernstfall geprobt: Ein Mitarbeiter vermummt sich dann und betritt bewaffnet den Verkaufsraum. So soll den Mitarbeiter gezeigt werden, wie sich ein solcher Schockmoment anfühlt und wie man am besten reagiert.

Der Schrecken ist ihr deutlich anzusehen. Zittrig und blass versucht Karin Hendel, ihrer Tränen Herr zu werden. Es sind Tränen der Angst, die ihr am Mittwochnachmittag niemand übel nimmt. Gerade hat die Kassiererin der Shell-Tankstelle am Breunaer Autohof in den Lauf einer Pistole geblickt.

„Es war einfach nur furchtbar“, sagt sie mit leiser Stimme und kann noch immer nicht fassen, was geschehen ist. Es ist kurz nach 16 Uhr, als der Nachmittagsbetrieb zwischen Zapfsäulen und Getränkedosen ein abruptes Ende findet. „Überfall“, schreit eine junge Frau. Sie ist vermummt. Schwarze Kleidung, dunkle Sonnenbrille. Von ihrer Statur wirkt sie kaum bedrohlich, wäre da nicht die Waffe, mit der sie wild umher fuchtelt. „Hinlegen“, fordert sie immer und immer wieder. „Auf den Boden!“ Kunden und Angestellte folgen den Anweisungen, kauern vor Eistruhen und Warenregalen, während die Verbrecherin sich den Weg zur Kasse bahnt, hin zu Karin Hendel. „Geld her, Kasse auf“, fordert sie und kommt Hendel dabei bedrohlich nah. Wie ferngesteuert drückt die Breunaerin die nötigen Tasten, bis sich die Kasse öffnet und die Beute frei gibt. Eilig rafft sie die Scheine zusammen, Kleingeld interessiert nicht.

Das war ein Schock: Shell-Bezirksleiterin Doris Koitzsch (links) muss Kassiererin Karin Hendel erst einmal beruhigen.

Der krimireife Auftritt dauert nicht einmal 60 Sekunden, da ist die Täterin auch schon wieder weg. Eine knappeMinute, die Karin Hendel und ihren Kollegen sicher noch lange in den Knochen stecken wird - so, als wäre es ein echter Überfall gewesen. Diesmal aber ist es nur eine Übung, hinter der Verkleidung versteckt sich Stationsleiterin Tina Dreher. „Wir üben derartige Szenarien regelmäßig im Rahmen jährlicher Sicherheitstage, vor Überfällen nämlich sind auch wir nicht gefeit, die Sicherheit unserer Mitarbeiter und Kunden hat oberste Priorität.“ Es sei wichtig zu zeigen, wie sich ein derartiger Schockmoment anfühlt, nur so könne im Ernstfall umsichtig gehandelt werden.

Nancy Gläser weiß, wovon ihre Chefin spricht. Die 33-Jährige nämlich ist während einer Nachtschicht vor sechs Jahren selbst Opfer eines Überfalls geworden. „Ich musste mich auf den Boden legen, wie in der Übung auch“, erinnert sie sich. „Ich habe am ganzen Körper gezittert, war unglaublich aufgeregt und hatte riesige Angst.“ Auf Nachtschichten habe sie danach einige Zeit verzichtet, nun aber sei die Angst wieder verflogen, vielleicht auch wegen der regelmäßigen Übungen. Heute weiß sie, worauf es im Ernstfall ankommt: Ruhe bewahren, Anweisungen befolgen, Polizei informieren.

Das muss Karin Hendel am Mittwoch nicht tun, denn sie hat an ihre Chefin nur Spielgeld herausgegeben. Dass sie Tina Dreher in ihrer Panik hinter der Maske nicht einmal erkannt hat, darüber kann sie später lachen.

Von Sascha Hoffmann

Rubriklistenbild: © zhf

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