Mann muss ins Gefängnis

Heftig geschüttelt: Vater aus Breuna machte Baby zum Pflegefall

Breuna/Paderborn. Es war ein Augenblicksversagen. Zwei Sekunden ruinierten einem jungen Paar aus Breuna das Leben, machten einen fünf Monate alten Jungen zum Schwerstpflegefall. Jetzt fiel ein Urteil. 

Der Kindsvater wurde wegen schwerer Körperverletzung vom Landgericht Paderborn hinter Gitter geschickt. Eine tragische Geschichte, die immer wieder für betretene Stille im Schwurgerichtssaal des Landgerichts sorgte – und für Tränen bei den jungen Eltern. 

Der Vater auf der Anklagebank, jetzt 20 Jahre alt, ließ seinen Verteidiger die Geschehnisse vortragen, ihm selbst versagte auch später noch mehrfach die Stimme. Fünf Monate alt war der Sohn des Paares aus Breuna, das damals in Warburg lebte, im Januar 2017. Der damals 19 Jahre alte und aus Volkmarsen stammende Vater war mit dem Kleinkind – zum ersten Mal alleine – in der Wohnung. Offensichtlich überforderte das über mehrere Stunden nahezu anhaltende Schreien des Kindes den jungen Mann. „Ich weiß nicht, was da mit mir los war“, sagte der Angeklagte – nachdem er mehrfach erfolglos versucht hatte, dem Jungen die Flasche zu geben, habe er ihn kurz geschüttelt. „Für zwei Sekunden, zwei Mal vor und zurück“, aber „mit großer Intensität“. Das Baby habe die Augen verdreht, die Arme steif nach oben gereckt und die Beine schlaff hängen lassen. Das habe ihn so sehr erschreckt, schilderte der 20-Jährige, dass er das Kind sofort hingelegt und den Notruf gewählt habe – aber weil nach ein paar Minuten noch kein Krankenwagen gekommen sei, habe er das Kind angezogen, es in eine Wolldecke gewickelt und es zu Fuß sofort zum nahe gelegenen Klinikum gebracht. 

Erst vier Wochen später gab der Vater in einer Klinik in Kassel zu, was die behandelnden Ärzte dort schon geargwöhnt hatten: Dass die schweren Hirnverletzungen des Jungen auf ein so genanntes Schütteltrauma zurückzuführen waren. Er habe sich geschämt, zuzugeben, was er seinem Sohn angetan hatte, sagte der Angeklagte vor der Jugendkammer des Landgerichts Paderborn. Ob das Kind hätte erfolgreicher behandelt werden können, wenn die Ärzte früher Bescheid gewusst hätten, ließ ein Gerichtsmediziner offen: Die Hirnverletzungen seien so schwerwiegend gewesen, dass sich an den Folgen vermutlich nichts mehr hätte ändern lassen. Diese sind gravierend: Der jetzt zwei Jahre alte Junge ist nahezu blind, kann weder seine Gliedmaßen bewegen noch selbst schlucken. Der Junge wird seit einem Jahr in einer Spezialeinrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche im hessischen Kirchhain betreut. Besserung ist nicht in Sicht.

Der Angeklagte ist über die Folgen seines Augenblicksversagens selbst auch nicht hinweg und lässt sich psychotherapeutisch behandeln. Seine 20-jährige Lebensgefährtin hatte sich nach dem Vorfall von ihm getrennt. „Wir haben wieder zueinander gefunden“, sagte sie dem Gericht, „aber das war schwer.“

Die Jugendkammer wollte bei aller Tragik dem Angeklagten wegen der schwerwiegenden Folgen der Tat eine Bewährungschance nicht zubilligen. Weil die Jugendgerichtshilfe dem Angeklagten Reifeverzögerungen attestierte, verhängte das Gericht nach Jugendstrafrecht wegen schwerer Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten.

Von Ulrich Pfaff

Rubriklistenbild: © Uli Deck/dpa

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