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Denkmalspreis: Dritter Platz für den sanierten Hof von Dorothea Fellinger in Niederlistingen

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Von: Norbert Müller

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Dorothea Fellinger steht vor ihrem Haus.
Vor ihrem Traumhaus: Dorothea Fellinger hat jede Menge Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten in die Sanierung des alten Fachwerkgebäudes gesteckt. Der Lohn ist ein dritter Platz beim Denkmalpreis des Landkreises Kassel. © Norbert Müller

Eine Hoflage in Niederlistingen ist Platz drei des Denkmal-Preises des Landkreises Kassel. Wir stellen sie vor.

Niederlistingen – In der großen Bauernküche knistert das Holz im alten Herd, einem Oldtimer mit leicht vergilbter Emaille-Karosserie. Er strahlt eine behagliche Wärme aus und wirkt dabei so gar nicht aus der Zeit gefallen in Dorothea Fellingers über die Jahre saniertem Haus in Niederlistingen, das Platz drei des Denkmal-Preises des Landkreises Kassel belegt.

Die 66-Jährige sitzt derweil entspannt am großen Esstisch und genießt die Atmosphäre, die, wie sie sagt, eben nur eine solche aus einer längst vergangenen Epoche stammende Immobilie zu bieten habe.

Dass man sich diesen Genuss allerdings hart erarbeiten muss, verschweigt sie auch nicht. Denn das landwirtschaftliche Anwesen mitten im Dorf mit seinem zeitgemäßen Wohnkomfort präsentierte sich bei ihrer ersten Begegnung doch ganz anders.

„Das gesamte Gebäude war voller Müll“

Fellinger erinnert sich noch gut an den Tag in den 80er-Jahren, als sie mit ihrem damaligen Gatten bei den Nachbarn den Schlüssel für die Besichtigung abholte. Eine Bank bot das Haus, das ihnen beim Vorbeifahren aufgefallen war, zum Verkauf an. Mit ihrem Mann war sie seinerzeit auf der Suche nach einem möglichst von der Substanz her ursprünglichen Hof, der mit dem nötigen Gespür für die Historie zum ganz persönlichen Schmuckstück gestaltet werden sollte. Was sich hinter der Eingangstür befand, war allerdings eher geeignet, den Fluchtreflex auszulösen: „Das gesamte Gebäude war voller Müll. Da hatten vorher Schausteller drin gewohnt, und die haben alles drin gelassen“, beschreibt Fellinger die Situation.

Sanierungsbedürftig: der Hof im Breunaer Ortsteil Niederlistingen im Jahr des Kaufs 1986. Für die neuen Besitzer gab es viel zu tun.
Sanierungsbedürftig: der Hof im Breunaer Ortsteil Niederlistingen im Jahr des Kaufs 1986. Für die neuen Besitzer gab es viel zu tun. © privat/nh

Abschrecken lassen habe man sich dennoch nicht. „Das Haus war sehr ursprünglich. Es gab kleinere Bausünden wie die pseudo-moderne Haustür, die Fensterfront und das hässliche Garagentor.“ Aber innen sei es „relativ original“ gewesen mit den alten Türen und der alten Holztreppe. 1986 haben sie gemeinsam mit den Eltern ihres Mannes den Hof gekauft und sich an die Arbeit gemacht.

Haus ist unter Denkmalschutz

„Man braucht Mut und einen langen Atem“, weiß die Diplom-Designerin heute, wenn man sich an ein solches Projekt wagt. Und auch ein dickes Fell. Als Erstes haben die neuen Besitzer ihr Haus unter Denkmalschutz stellen lassen. „Es war uns wichtig, das als Kulturgut zu erhalten“, sagt Dorothea Fellinger, aber es gab auch ganz profane Gründe: „Das hatte steuerliche Vorteile und brachte die Möglichkeit, Fördermittel zu beantragen.“

Dann ging es an die eigentliche Sanierung. Als erste Arbeitsschritte nennt Fellinger die Dacherneuerung, das Trockenlegen des Hauses, das Austauschen schadhafter Balken. Dafür, später auch für das Ersetzen der insgesamt 25 Fenster, engagierte man Firmen. Und von Anfang an wohnte das Paar bereits auf der Baustelle, auf der es in den ersten beiden Jahren noch keine Heizung, sondern mehrere alte Öfen gab. „Der erste Winter war ein sehr kalter. Da war ich den ganzen Tag mit Heizen beschäftigt.“

Wie aus einer anderen Zeit: Dorothea Fellinger in ihrem Arbeitszimmer. Bis zum Eintritt in den Ruhestand war sie viele Jahre Haus- und Museumsleiterin im Wasserschloss Wülmersen in Trendelburg.
Wie aus einer anderen Zeit: Dorothea Fellinger in ihrem Arbeitszimmer. Bis zum Eintritt in den Ruhestand war sie viele Jahre Haus- und Museumsleiterin im Wasserschloss Wülmersen in Trendelburg. © Müller, Norbert

Und auch sonst musste man zunächst Einschränkungen hinnehmen. Die Toilette, eine Art Plumpsklo, befand sich draußen. Geduscht wurde bei Bekannten. „Das Wasser kam aus der Wand, weil die Leitungen kaputtgefroren waren“, erinnert sich Fellinger. „Es war ein sehr rudimentäres Leben hier. Es war wie Camping.“

Es gab einen kleinen Gaskocher, der umständlich zu bedienen war. Deshalb, sagt sie, „haben wir überwiegend von Brot und Ölsardinen gelebt“. Gut ein Jahr habe das karge Leben gedauert, während dem das Paar, wie in den folgenden Jahren auch, die komplette Freizeit in die Runderneuerung steckte. 1988 war dann auch endlich die Zentralheizung installiert.

Sanierung ist eine „Lebensaufgabe“

„Stück für Stück, Zimmer für Zimmer“ habe man sich vorgearbeitet und die beiden Stockwerke des Wohnhauses saniert. Die Außenwände wurden von innen gedämmt und mit Lehm verputzt, die alten Holzdielen arbeitete man auf, wo immer das möglich war.

„Alles, was wir gemacht haben, zum Beispiel die Fenster, musste vom Bezirkskonservator abgenommen werden.“ Den alten Stall baute man aus als Wohnung für die Schwiegereltern, denn das Konzept sei von Anfang auf ein Mehrgenerationen-Wohnen zugeschnitten gewesen. Ein weiterer Stall wurde zur Garage, die Tenne sei Lager geblieben. Bis 2017 haben die Schwiegereltern dann auch dort gewohnt, während Dorothea Fellinger und ihr Mann schon längst getrennte Wege gingen.

Inzwischen ist der Ex-Gatte mit seiner neuen Frau in die Wohnung im ehemaligen Stall eingezogen. Dorothea Fellinger bewohnt das erste Stockwerk im Haus, das Obergeschoss ist vermietet. Insgesamt habe der Hof eine Wohnfläche von rund 350 Quadratmetern.

„Das hier ist eine Lebensaufgabe“, sagt die 66 Jahre alte Ruheständlerin, „das ist noch nicht zu Ende“. In diesem Jahr soll eine Pelletheizung eingebaut werden. Und dann gibt es noch den Gedanken, eine Zisterne zu installieren, die vom Regenwasser der großen Dachflächen gespeist wird und Toilette und Waschmaschine versorgt.

Ein Haus mit Charakter

Für die in Essen Geborene steht felsenfest: „Ich möchte so lange wie möglich hier bleiben.“ So sehr fühlt sie sich längst ihrem 1807 errichteten Traumdomizil verbunden. „Das Haus hat Charakter und Geschichte. Wenn man hier drin arbeitet, kommt man ihm immer näher“, schwärmt Fellinger. „Ich weiß, an welchen Stellen das Haus arbeitet. Da knackt es. Und es bröckelt auch mal der Putz. Aber ich weiß auch, wie ich es wieder reparieren kann.“

Ihr sei aber auch wichtig, ein Beispiel zu geben: „Macht was aus dem alten Häuserbestand in den Dörfern, statt ständig neue Flächen zu versiegeln.“ Der Wohnkomfort sei so hoch wie in anderen Häusern auch, „aber den neuen Häusern fehlt die Atmosphäre“. Und auch vergleichbare Räume wie die große Wohnküche, in der man genügend Platz für Treffen und Feiern habe: „Die findet man so in neuen Häusern nicht“, sagt Dorothea Fellinger und füttert zufrieden ihren alten Holzofen mit einem neuen Scheit. (Norbert Müller)

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