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Bürgergesangverein Naumburg feiert am Samstag 160. Geburtstag

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Von: Norbert Müller

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Niemals ohne Fahnen: Im Jahr 1937 ließen sich die Mitglieder des Gesangvereins aus Anlass des 75-jährigen Bestehens fotografieren. Die Nazis duldeten damals nur noch einen Chor im Ort.
Niemals ohne Fahnen: Im Jahr 1937 ließen sich die Mitglieder des Gesangvereins aus Anlass des 75-jährigen Bestehens © Repro: Norbert Müller

„Zur Hebung der Sittlichkeit“ wurde der Gesangverein 1862 gegründet. Es ging um Geselligkeit, Bildung und die Verdrängung sittenloser Lieder.

Naumburg – Er ist längst der älteste noch bestehende Verein in Naumburg: der Bürgergesangverein. Schon bei seiner Gründung im Jahr 1862 war er in manchen Bereichen seiner Zeit voraus. Am kommenden Samstag feiert der Chor im Haus des Gastes seinen 160. Geburtstag. Natürlich mit jeder Menge Musik und Gesang.

Runde Geburtstage hat der Verein in seiner langen Geschichte schon einige erlebt, immer wieder wurden dazu kleine aktualisierte Chroniken aufgelegt. Die umfangreichste stammt wohl von Christiane Bubenhagen vom Naumburger Geschichtsverein, die tief in den Annalen gegraben und dabei so manche Besonderheit zutage gefördert hat. Die Gründungssatzung aus dem Jahr 1862 war allerdings nicht dabei, sie ist verschollen. Das bedeutet aber nicht, dass aus den Anfangsjahren des Männerchores keine Informationen erhalten wären.

Der Blick geht sogar noch ein Stückchen weiter zurück zu einer Begebenheit im kleinen katholisch geprägten Städtchen an der Elbe. Der organisierte Gesang wurde schon deutlich vor der Gründung des Bürgergesangvereins gepflegt: durch die Honoratioren der Liedertafel. Das war ein elitärer Club, gegründet 1843 unter anderem wohl vor allem, um unter sich zu bleiben. Bubenhagen schreibt, dass diese „Kasinogesellschaft nur unter bestimmten, für den Normalbürger nicht erfüllbaren Bedingungen Mitglieder aufnahm“.

Strenges Regiment

Dass es sich ohne Standesdünkel mindestens genauso gut und mit Begeisterung singen ließ, das mag die Gründungsväter des Bürgergesangvereins angetrieben haben, als sie 1862 einen Chor auf die Beine stellten, der nicht an Konfessionen oder Stand gebunden sein sollte.

Zur damaligen Zeit war ein solcher Anspruch, zumal im glaubensfesten Naumburg, fast schon revolutionär. Der liberale Ansatz, mal nicht die rechte Konfession zur Aufnahmevoraussetzung zu machen, bedeutete allerdings nicht, dass man auf ein strenges Regiment verzichten würde.

In den Statuten aus dem Jahr 1865 ist beispielsweise zu lesen: „Jedes singende Mitglied hat den Versammlungen pünktlich beizuwohnen, und zwar in einem anständigen Anzuge.“ Aber auch aus anderen Gründen waren die frühen Jahre des Gesangvereins keine reinen Vergnügungsveranstaltungen. Der Vereinssekretär, heute heißt er Schriftführer, hatte auch die Aufgabe, die Partituren zu vervielfältigen, indem er sie von Hand auf Notenpapier übertrug.

Licht war Sänger-Sache

Als Übungslokalität dürfte der damals angesagte Hessische Hof gedient haben. Bubenhagen schreibt zu den erschwerten Bedingungen der Sangeslustigen im kleinen Saal: „Für die Beleuchtung der Lokalität hatten die Sänger selbst zu sorgen – diverse Rechnungen über Kerzen, Lampenöl und Dochte belegen dies.“ Und auch die Funktionstüchtigkeit des Begleitinstruments des Chorleiters ging auf Kosten der Sänger: Das war damals nicht etwa ein Klavier, sondern eine Geige, die hin und wieder eine neue Saite benötigte.

Bilden und unterhalten

Schnell wächst und gedeiht der Chor. Das Vereinsziel scheint da ganz nach dem Geschmack der Naumburger zu sein: „Förderung und Ausbildung des Gesangs, Hebung der Sittlichkeit durch Verdrängung sittenloser Lieder und allgemeine Bildung durch dahin zielende gesellige Unterhaltung“.

In den Goldenen Zwanzigern hat das Feiern in Deutschland Hochkonjunktur, das sprach sich offenbar auch bis Naumburg rum. 1922 jedenfalls feierte der Bürgergesangverein sein 60-jähriges Bestehen richtig groß. Den Protestanten im Städtchen müssen die Statuten des Chores auf Dauer entweder zu lasch oder zu stramm gewesen sein, jedenfalls gründete sich im Jubiläumsjahr der evangelische Gesangverein „Frohsinn“, dem aber keine lange Existenz vergönnt war: 1933 schließen sich Frohsinn und Bürgergesangverein zusammen, um nicht ins Visier der Nazis zu geraten, denn: „Es ist nur ein Gesangverein je Ort vorgesehen“, wie Bubenhagen notiert. Auf einen Schlag hat der Verein, der nun Mitglied im Deutschen Sängerbund wird, 74 Sänger.

Aus der Kriegszeit gibt es keine Aufzeichnungen zum Bürgergesangverein. Die beginnen erst wieder 1947, als zur Teilnahme an einem Treffen im Hessischen Hof aufgerufen wird, um dem Verein wieder neues Leben einzuhauchen. 24 Vereinsmitglieder nehmen teil und wählen Franz Kramer zum Vorsitzenden, der dann auch die Chorleitung übernimmt, die er 30 Jahre lang behalten wird.

Jahre des Aufbruchs

Die 50er-Jahre sind eine Zeit des Aufbruchs, nicht nur musikalisch. Es werden gemeinsame Fahrten unternommen, die Sängerfeste in der Nachbarschaft werden besucht und der alljährlich stattfindende Stiftungsball zur Erinnerung an die Gründung des Bürgergesangvereins wird etabliert. Und endlich steht für die Proben auch ein Klavier zur Verfügung.

Auch in den Folgejahren bleibt der Bürgergesangverein ein vitaler Chor, der ohne Personalsorgen sein 125-jähriges und auch sein 150-jähriges Bestehen feiert. Heute gehören dem seit 2002 von Waldemar Sheljaskow geleiteten Chor 27 aktive Sänger an. Dazu sind 68 Passive Mitglied im Verein.

Die bisherige, gerade auch für die Chöre schwierige Corona-Zeit, hat der Bürgergesangverein bislang vergleichsweise gut überstanden. Das, sagt Vorsitzender Klaus Rabanus, sei dann auch ein weiterer Grund, mit hoffentlich vielen Gästen den Geburtstag im Naumburger Haus des Gastes zu feiern.

Info: Der Liederabend, während dessen neben dem Bürgergesangverein Naumburg sechs weitere Chöre und die Naumburger Stadtkapelle ihr musikalisches Können präsentieren werden, beginnt am Samstag, 15. Oktober, um 19.30 Uhr im Naumburger Haus des Gastes.

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