Chronik des Lehrers Friedrich „Fritz“ Giesler

Hier lesen Sie die Chronik des Lehrers Friedrich „Fritz“ Giesler

1.3.1945

Am 13. Februar begann Fräulein Ilse Bernhardt aus Kassel ihre Tätigkeit als Lehrerin an der hiesigen Schule. Die Oberstufe wird vormittags, die Unterstufe nachmittags unterrichtet.

29.3.1945

Die Lage wird immer kritischer. Die Amerikaner können jederzeit bis hierher vorstoßen. An konzentrierte Schularbeit ist nicht m ehr zu denken. Auf Befehl des Kreisleiters muss am Ausgang der „Fiddel“ an der Reichsstraße 251 eine Panzersperre errichtet werden. Sie wird keinen Panzer aufhalten können! Müde und abgekämpft, stumpf und hoffnungslos fluten Teile de r Wehrmacht ununterbrochen zurück. Das Ende ist da! Das Großdeutsche Reich bricht zusammen.

Am 1.4. 1948 berichtet er über die weiteren Erlebnisse und Ereignisse von 1945:

Neue Schulchronik 

Die alte Schulchronik schließt mit der Eintragung v om 29.3.1945 ab. Die von 1945 bis 1948 eingesetzten Lehrkräfte haben keine Eintragungen vorgenommen. Ich will versuchen, auf Grund meiner Aufzeichnungen sowie aus dem Gedächtnis ein Bild dieser bewegten Zeit zu geben. In den letzten Märztagen hatten die Männer der „Ortsführung“ (stellv. Ortsgruppenleiter Revierförster Fritz Vaupel, Bürgermeister Heinrich Krägelius, Ortsbauernführer und Zellenleiter Heinrich Schwarz) das Dorf verlassen, um sich „der kämpfende n Truppe anzuschließen“. Die Gemeinde war führerlos. So wurde der Anstreicher Martin Wagner zum Bürgermeister gewählt. Am 31. März erfolgte die Sprengung der „Muna“ in Wolfhagen. Es waren furchtbare Schläge, die die Häuser erzittern ließen. Im Saale der Gastwirtschaft Büchling befand sich ein Ausweichlager der Firma A.Ph. Kruhm- Kassel. Die Vorräte an Lebensmitteln, Wein und Spirituosen wurden gegen Bezahlung teilweise an die Einwohnerschaft verteilt.

Am Nachmittag des 31. März fand am Isthaberg ein Gefecht zwischen einer kleinen Abteilung SS und USA-Panzern statt. Die Panzer schossen mit Brandgranaten. 13 Gebäude in Istha wurden ein Raum der Flammen.

Am 2. April rückten die ersten Amerikaner ins Dorf ein. Es fanden Hausdurchsuchungen nach deutschen Soldaten statt. E s wurde bekanntgegeben, dass alle Waffen, Fotoapparate und Ferngläser abgegeben werden müssten. Sollte bei Hausdurchsuchungen noch etwas gefunden werden, so würden die Hausbewohner erschossen.

Am Nachmittag wurde von der Fiddel aus ein USA-Jeep beschossen. Ein USA- Soldat wurde durch Oberarmschuss (Schulterschuss) verwundet. Der Wagen fuhr beim Haus von Jakob Berndt in den Graben. Polen und franz. Kriegsgefangene leisteten erste Hilfe. Der Verwundete wurde durch „ Olly“ (Russ. Medizinstudentin bei August Viereck I. als Landwirtschaftsgehilfin eingesetzt) verbunden und dann nach Wolfhagen transportiert.

4 Oelshäuser Soldaten, die sich z. Zt. Im Urlaub befanden, wurden als Kriegsgefangene abtransportiert (Martin Stiefel, Konrad Weide, Karl Viereck II., Heinrich Büchling). Nachmittags zwischen 2 u. 3 Uhr wurde Oelshausen von deutscher Artillerie (8,8 cm) beschossen. Viele Häuser wurden leicht beschädigt (hauptsächlich Dachschäden). Im Luftschutzkeller von Daniel Liese wurden Frau Silberschlag, Frau Ermler, Minna Weide und Georg Wenzel leicht verwundet. Der Steinmetz und Sprungwärter Konrad Schwarz gab darüber folgende Erklärung ab: Oelshausen, d. 14.10.1946

Eidesstaatliche Erklärung 

Am 2. April 1945 wurde beim Anrücken der amerikanischen Truppen das Dorf Oelshausen von eigener Artillerie (8,8 cm) beschoss en. 18 Häuser wurden beschädigt, 4 Personen verletzt. Die gesamte Einwohnerschaft des Dorfes war auch noch am nächsten Tag stark beunruhigt, da eine noch nicht festzustellende Anzahl von Blindgängern in Wohnhäusern, Wirtschaftsgebäude n und Gärten lag. Ohne irgendwelche Aufforderung der Ortsbehörde wollte ic h mit der Entfernung der Blindgänger beginnen. Unterwegs traf ich mit Herrn Lehrer Giesler zusammen. Dieser erklärte sich sofort freiwillig zur Mithilfe zur Entschärfung und Entfernung der Geschosse bereit. Es waren 77 Granaten, die von uns beiden unter Einsatz des Lebens entfernt wurden.

Am 3.April wurde das Dorf von einer USA-Abteilung besetzt. Von den Soldaten wurden blutige Uniformteile des verwundeten Amerikaners auf der Scheune der Witwe Friedrich gefunden und die Gemeinde beschuldigt, den Amerikaner erschossen zu haben. Der Befehlshaber der US-Abteilung drohte, alle Männer des Dorfes erschießen und das Dorf in Brand schießen zu lassen. Panzer waren bereits „Hinter dem Hagen“ aufgefahren. Auch ich war verhaftet und musste unter Bewachung durch einen Soldaten vor der Schultreppe stehen. Der Fall wurde dann schnell durch die Aussagen der Polen und Kriegsgefangenen aufgeklärt.

Der Vormarsch der Amerikaner hielt während dieser Tage und Nächte ununterbrochen an. Große LKW ́s, vollgepropft mit deutschen Soldaten, fuhren in entgegengesetzter Richtung.

Am 4. April erhielt Oelshausen Einquartierung. Es m ussten innerhalb 15 Minuten geräumt werden: Das Schulhaus, die Häuser von Heinrich Pflug, Dietrich Viereck, Jakob Berndt, Heinrich Röhling, Joh. Leck, Paul Reitze, Martin Wagner, Ludwig Leck, Katharina Leck, Heinrich Weide, Heinrich Kregelius.

Am 5. und 6. April rückte die Einquartierung wieder ab. Auch die französischen Kriegsgefangenen verließen das Dorf, um in ihre Heimat zurückzukehren. Am Morgen des 7. April musste die Panzersperre an der Fiddel entfernt werden. Auf Befehl der Militärregierung in Wolfhagen mussten al le Einwohner um 18 Uhr in den Häusern sein. Niemand durfte sich mehr als 3 km von seinem Wohnort entfernen. Registrierscheine wurden angegeben. Einigermaßen schwierig war die Lebensmittelversorgung. In den ersten Wochen ließ der Bürgermeister Schweine und Kälber schlachten und das Fleisch an die Normalverbraucher durch den Kaufmann Heinrich Röhling verteilen. Brot musste sich jeder in Ehlen bei Bäcker Butte selbst abholen.

Im Dorfe wurden 2 Hilfspolizisten eingesetzt (Martin Koch, Heinrich Kregelius). Plünderungen durch Ausländer, hauptsächlich Polen, waren an der Tagesordnung. Die Bevölkerung war machtlos. Die Familie Vaupel, Forsthaus Hundsberg, wurde 3 Mal ausgeplündert. Im Dorfe wurde Nachtwache eingerichtet. 4 Mann standen Nacht für Nacht Posten. Doch waren sie unbewaffnet. Dann wurden durch den US- Kommandanten in Wolfhagen 6 Mann MP (Militärpolizei ) hierhergelegt. Sie hatten ihre Unterkunft in der Gastwirtschaft Büchling. Der Schulradioapparat wurde ihnen auf Verlangen vom Bürgermeister zur Verfügung gestellt. Als die Truppe abrückte, nahm sie den Apparat mit.

Im Mai erfolgten die Inhaftierungen von ehemaligen politischen Leitern der NSDAP. Es wurden nacheinander verhaftet: Fritz Vaupel, Heinrich Schwarz, Heinrich Krägelius, Konrad Weide, Bernhard Röhling, August  riedrich, Heinrich Viereck III., Karl Degenhardt.

Im Juli wurden viele Orte des Kreises mit Truppen belegt, die bis zum November blieben. Oelshausen blieb verschont. Nur eine Abteilung Boxer (20 Mann) war im Pflug ́schen Hause untergebracht. Der Boxring befand sich auf dem Büchling ́schen Saale. Im Juli kehrten die evakuierten Saarländer i n ihre Heimat zurück. In dieser Zeit kamen die ersten Kriegsgefangenen heim. Sie waren vom Schicksal au0erordentlich begünstigt. Martin Wagner war nur kurze Zeit Bürgermeister. Sein Nachfolger war der Packmeister Heinrich Leck. Eine stetig wachsende Zahl von Flüchtlingen aus den abgetrennten deutschen Ostgebieten, dem Sudetenland u.s.w. traf im Kreise ein und musste untergebracht werden. Auch Oelshausen muss immer wieder Vertriebene aufnehmen.

Am 15. November 1945 wurde ich aus „politischen Gründen“ aus dem Schuldienst entlassen.

Abschrift

Der Landrat. I a Kult. 104. Wolfhagen, d. 11. Nov. 1945 

Im Auftrag der Militärregierung teil Ihnen der Herr Ober und Regierungspräsident der Provinz Kurhessen mit, dass Sie seit dem 3. Oktober 1945 aus dem Schuldienst entlassen sind. Von diesem Tage an erhalten Sie keine Dienstgelder mehr, auch haben Sie keinen Anspruch auf Pension oder andere Einkünfte. Ihr gesamtes Eigentum an Sachwerten, persönlichen und nicht erreichbaren ist gesperrt, ebenfalls ihr Guthaben und Depositen bei der Bank.

(L.S.) gez. Röhl

Auch Frau Friedrich (Frl. Bernhardt) wurde am gleichen Tag entlassen. Frau Friedrich war nicht Mitglied der NSDAP. Sie hatte sich in Oelshausen nicht politisch betätigt.

Am 15. Oktober 1945 wurde der Schulbetrieb wieder eröffnet. Als Lehrkraft wurde der Textilfachschuloberlehrer König aus Hohenelbe ( Sudetenland) eingesetzt. Er versah die Schulstelle bis zum 15.3.1946. Sein Nachfolger war der „Lehrerstudent“ Armin Rudolph, Sohn des verstorbenen Pfarrers Rudolph aus Ehlen. Rudolph, Kriegsabiturient, wurde ohne jegliche Vorbereitung in die hiesige einklassige Volksschule als Lehrkraft eingesetzt. Am 30.9.1946 erfolgte seine Versetzung nach Burghasungen.

Am 1.10.1946 wurde die Lehrerin Irmentraut Reimer aus Einod (Sudentenland) mit der Versehung der Schulstelle beauftragt. Da die Schülerzahl auf 108 angewachsen war, wurde am 1.3. 1947 auch die 2. Schulstelle mit Frau Ilse Friedrich wieder besetzt. Ich arbeitete inzwischen ab 20. Januar 194 6 als Hilfsarbeiter in Kassel.

Am 25.Oktober 1946 wurde ich von der Spruchkammer Wolfhagen in die Gruppe der Mitläufer eingestuft und mir eine Sühne von 2000 RM auferlegt. Doch konnte meine Wiedereinstellung in den Schuldienst nicht erfolgen , weil die amerik. Militärregierung die Beschäftigungsbeschränkung nicht aufhob.

Am 4. Juni 1947 wurde ich auf Veranlassung des Ministeriums zu erneuter Verhandlung vor die Spruchkammer Waldeck in Korbach geladen. Wiederum erfolgte Einstufung in Gruppe IV mit einer Sühne von 1000 RM. Der Spruch der Kammer Korbach wurde mir erst am 24.9.1947 zugestellt und am 25.10.1947 rechtskräftig. Die Militärregierung antwortete am 15. Dez. 1947 wieder mit dem Annex B (Beschäftigungsbeschränkung). Am 28.1.1948 wurde diese endlich durch den Annex A aufgehoben. Ab 1.2. 1948 wurde ich wieder mir der Verwaltung der 1. Lehrstelle der hiesigen Volksschule beauftragt. Fräulein Reimer wurde nach Merxhausen versetzt.

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