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Ein Balhorner mit Präzision und Augenmaß

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Von: Norbert Müller

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Am liebsten aktiv: In seinem „Hobbyraum“ beschäftigt sich Helmut Bernhardt derzeit gern mit dem Drechseln. Mit einem neuen Modellbauprojekt lässt er sich Zeit.
Am liebsten aktiv: In seinem „Hobbyraum“ beschäftigt sich Helmut Bernhardt derzeit gern mit dem Drechseln. Mit einem neuen Modellbauprojekt lässt er sich Zeit. © Müller, Norbert

Von der Katzenmühle bis zur Schule: Helmut Bernhardt baut Modelle besonderer Gebäude.

Balhorn – Helmut Bernhardt kann sich noch gut an das alte Balhorn erinnern, das Dorf vor Beginn der Ortssanierung. Anfang der 1970er-Jahre, sagt der 81-Jährige bedauernd, „wurden da fast 40 Häuser abgerissen“. Einigen Gebäuden aus dieser Zeit hat der geschickte Handwerker so etwas wie ein Denkmal gesetzt: Er hat Modelle von ihnen angefertigt.

Diese Welt im Kleinformat, sagt Bernhardt, „war ja eigentlich überhaupt nicht mein Ding“. Seiner Frau sei es geschuldet, dass er damit anfing. Die wusste, dass ihr Helmut über ein erstklassiges Augenmaß verfügt und sehr präzise arbeiten kann, kurz: dass er die Fähigkeiten besitzt, um ein Haus im Kleinformat zu rekonstruieren. Denn das war ihr Wunsch: Er möge ihr doch bitte ihr Geburtshaus, die Katzenmühle bei Elgershausen, klein und kompakt nachbauen.

So um die 65 Jahre alt sei er damals gewesen, als er sich an die Arbeit machte. „Ich habe mir eine alte Postkarte mit der Katzenmühle besorgt und in der Werkstatt losgelegt.“ Hier hatte er von seinem Vater, bei dem er auch in die Lehre ging, gelernt, wie man Leisten und Schaft auf Maß herstellt. Wie sein alter Herr wurde auch er Orthopädieschuhmachermeister. Das punktgenaue Arbeiten sei in dem Beruf ganz wesentlich: „Man hat es da immer mit deformierten Füßen und Extremitäten zu tun. Das muss passen.“ Und diesen Anspruch an die Genauigkeit habe er auch beim Modellbau, sagt Helmut Bernhardt.

Sperrholz, Eiche und Tapete waren die Materialien, mit denen er startete. „Ich habe ein halbes Jahr daran gearbeitet, je nachdem, wie ich Zeit hatte.“ Als die alte Mühle fertig war, begeisterte sie nicht nur seine Frau, sondern auch die Kundschaft: „Das war ein Highlight, das haben wir lange im Geschäft ausgestellt“, sagt der Meister, den der Erfolg aber nicht motivierte, sich dem nächsten Modellprojekt zu widmen.

Dazu brauchte es den Zufall. In Wilhelmshöhe hatten die Bernhardts mittlerweile eine Filiale ihres Geschäfts, wo auch Senior Helmut Bernhardt trotz seines Rentenalters immer mal wieder aktiv war. „Da kam eines Tages eine Kundin, die erzählte, dass sie früher in Balhorn ihre Ferien verbracht hat.“ Und zwar direkt neben den Bernhardts in der Schule. Der Lehrer sei ihr Onkel gewesen. „Es gab in Balhorn kein Bild von der Schule, die 1972 abgerissen wurde“, sagt Bernhardt. Aber die Kundin hatte ein Foto von dem alten Fachwerkgebäude, „und das hat sie mir gegeben“.

Da war für ihn klar, dass er die Schule im Kleinformat nachbauen würde. „Ich hatte die Schule, in die ich ja auch selbst gegangen bin, noch im Kopf“, sagt Helmut Bernhardt. „Und ich war auch dabei, als sie abgerissen wurde.“ Mit dem Bild und den eigenen Erinnerungen hat er sie aus der Vergangenheit zurückgeholt.

Während des Werkelns seien jede Menge Erinnerungen hochgekommen. Beispielsweise daran, dass die Schüler das Brennholz für die Schule, das von der Gemeinde geliefert wurde, in den Holzstall zu schleppen hatten. „Da haben wir viel Unsinn gemacht“, lacht Bernhardt. Die Arbeit am Schulmodell war für ihn etwas Besonderes: „Man sitzt, bastelt und ist in Gedanken in einer ganz anderen Zeit unterwegs.“

Die nächsten Aufgaben waren dann noch etwas anspruchsvoller: erst die evangelische Balhorner Kirche, dann das Gotteshaus der selbstständig evangelisch-lutherischen Kirche. Vor allem die evangelische Kirche sei eine Herausforderung gewesen: „Das ist ja nicht einfach ein viereckiger Kasten.“ Der Turmhelm ist aus einem massiven Stück Holz geschnitzt, so, wie man die Leisten in der Schusterwerkstatt herstellt.

Dann folgte eine ganz andere Arbeit. Anhand eines historischen Grundrisses aus dem 14./15. Jahrhundert rekonstruierte Bernhardt mit kleinen bemalten Holzklötzchen als Häuser auf fast zwei Quadratmetern Grundfläche das Balhorn des späten Mittelalters. Da sei schön gewesen zu sehen, „wie das Dorf gewachsen ist – ein Straßenzug nach dem anderen“.

Inzwischen hat der rege Rentner die Strecke der Kleinbahn Kassel-Naumburg einschließlich der Bahnhöfe nachgebaut. Während seiner Lehre ist Helmut Bernhardt einmal pro Woche mit der Bahn nach Kassel zur Berufsschule und wieder zurückgefahren – auch eine Zeit, an die er sich gerne erinnert. Und schließlich hat er das eigene Elternhaus rekonstruiert, und zwar genau so, wie es vor dem Umbau zum Geschäftshaus als kleines landwirtschaftliches Anwesen aussah.

Konkrete Pläne für die nächste Zeit hat er nicht. „Das kommt spontan.“ Verlorene Häuser, die es verdient hätten, dass man mit einem Modell an sie erinnert, fielen Helmut Bernhardt jedenfalls noch genügend ein. (Norbert Müller)

Vergangenheit im Kleinformat: Zu den Modellen, die Helmut Bernhardt in den zurückliegenden Jahren gebaut hat, gehören die Schule (links) und das eigene Elternhaus (rechts). In der Mitte ist die evangelische Kirche zu sehen.
Vergangenheit im Kleinformat: Zu den Modellen, die Helmut Bernhardt in den zurückliegenden Jahren gebaut hat, gehören die Schule (links) und das eigene Elternhaus (rechts). In der Mitte ist die evangelische Kirche zu sehen. © Norbert Müller

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