Abschied vom Dekan

Er war immer für die Menschen da: Gernot Gerlach verlässt das Wolfhager Land

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Nimmt Abschied vom Kirchenkreis Wolfhagen: Dekan Dr. Gernot Gerlach zieht nach Kassel. Dann hofft er, wieder mehr Zeit für Familie, Freunde und Sport zu haben.

Er kam im Jahr 2000 als neuer Dekan des evangelischen Kirchenkreises Wolfhagen. Nun endet seine Amtszeit. Am Sonntag, 15. Dezember, wird Dr. Gernot Gerlach verabschiedet.

Das Läuten der Glocken wird Gernot Gerlach vermissen. Fast 20 Jahre lang gab es seinem Tag Struktur, lud ihn ein zum Gebet am Morgen, Mittag und Abend. Nur noch wenige Tage, dann wird auch die Wolfhager Stadtkirche aus seinem Blickfeld und Alltag verschwinden. Der Dekan des evangelischen Kirchenkreises Wolfhagen verlässt die Region. Wenn zum 1. Januar die Fusion der Kirchenkreise Wolfhagen und Hofgeismar wirksam wird und der Hofgeismarer Dekan Wolfgang Heinicke die Geschäfte übernehmen wird, gibt es für ihn in der alten Heimat nichts mehr zu tun.

In der Woche vor Weihnachten rückt das Umzugsunternehmen an, bringt Kisten und Möbel von Wolfhagen nach Kassel, vom Haus mit Garten in eine Wohnung mit Balkon. Wehmut macht sich breit. „Wenn das wunderschöne Glockengeläut jeweils am Samstag um 16 Uhr den Sonntag einläutete, versuchte ich zu dieser Zeit im Garten bei einer Tasse Kaffee und mit einer Pfeife bei meiner Familie zu sein.“ Dieses Bild, ergänzt um die Menschen bei den Gottesdiensten, den himmlischen Klängen der Orgel mit Zimbelstern und die Stille, habe Zugang in sein Herz gefunden und werde dort überdauern.

Gerlach hinterlässt Spuren. Denn der heute 63-Jährige hat sich eingemischt, ist den Menschen mit seiner manchmal schrägen, aber immer wertschätzenden Art auf Augenhöhe begegnet. Mit großer Leidenschaft hat er sich für die Themen eingesetzt, die ihm wichtig waren und die die Menschen betrafen. Er hat den christlichen Standpunkt aus der Kirche hinaus in die Gesellschaft getragen. Frieden, Ökologie, die Spaltung in Arm und Reich, die Probleme älterer Menschen, der gesellschaftliche Zusammenhalt und der Zuzug von Flüchtlingen. Er wurde nicht müde, an das von den Nationalsozialisten vielfach begangene Unrecht zu erinnern. Gerlach brachte die Dinge auf den Punkt, zeigte Missstände auf. Und, er reichte die Hand, um anstehende Veränderungen gemeinsam anzupacken.

Gerlach stammt aus einer Eschweger Spediteursfamilie. Im Elternhaus genoss er eine volkskirchlich beeinflusste Erziehung „mit Gottesdienstbesuchen an Ostern und Weihnachten“. Als Kind fühlte er sich bei den Pfadfindern wohler als in der Kirche. Prägend für seinen weiteren Lebensweg sollte ein längerer Aufenthalt als Jugendlicher im Norden Michigans werden, wo er die amerikanische Interpretation des christlichen Glaubens kennenlernte. Damals entschloss er sich, Theologie zu studieren, und nach Stationen in Calden und Hofgeismar kam er im Jahr 2000 nach Wolfhagen.

Viel hat der Dekan in zwei Jahrzehnten bewegt – einiges, mit dem er zufrieden ist. Aber es gibt auch Dinge, die er nicht geschafft hat. Den Konflikt um die vier Windräder am Rödeser Berg zum Beispiel habe er nicht lösen können, sagt er selbstkritisch. „Da hat es viele Verletzungen gegeben. Auch ich habe manchem Menschen wehgetan. Das tut mir heute leid.“

Enttäuscht ist er über das Auflodern von Antisemitismus und Rechtspopulismus in der Gesellschaft. Dabei hatten ihn Bildung und Aufklärung der Menschen sowie das Wissen um die Fehler in der deutschen Geschichte, auch hier vor Ort, hoffen lassen, dass rechte Anstifter keine Zustimmung erfahren würden. Doch der Hass ist wieder da. Aber auch die Gegenbewegung. Tief berührt während seiner Zeit als Dekan habe ihn die Mahnwache, während der am 22. Juni, drei Wochen nach der Ermordung Walter Lübckes, Hunderte Menschen auf dem Wolfhager Marktplatz für Demokratie und gegen Gewalt zusammenstanden.

Für Gernot Gerlach endet mit der Kirchenkreisfusion ein Lebensabschnitt. Ganz glücklich ist er mit dem Zusammenschluss der beiden Kirchenkreise nicht. „Ich wollte eine Neubildung. Das Ergebnis ist eine Fusion.“ Der 63-Jährige hatte eine stärkere konzeptionelle Ausrichtung angestrebt, er wollte die Menschen besser einbinden, sie sollten sagen, welche Aufgaben, welches Leitbild sie in den kommenden Jahren verfolgen wollen.

Im Januar startet Gerlach in eine neunmonatige Sabatzeit, daran schließen sich Forschungssemester in Heidelberg und Zürich an. Zudem hat er am evangelischen Studienseminar in Hofgeismar einen Beratungsauftrag. Im März 2022 will er sich zur Ruhe setzen.

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