Friedensphantasie

Marita Fehr

Es wird zehn Jahre her sein, dass die afghanische Familie aus Altenhasungen wegzog. Auf lebensgefährlichen Wegen waren sie zu viert nach Deutschland gelangt, die Eltern, ein Sohn und eine Tochter. Zwei ältere Töchter waren als Kinder in Afghanistan ums Leben gekommen. Die begründete Angst, dass ein gewaltsamer Tod auf sie alle warten könnte, hatte sie zur Flucht bewegt. Das ist mehr als fünfzehn Jahre her.

Noch immer traut sich die Familie nicht zurückzugehen. Noch immer schätzen sie die Situation dort als instabil und bedrohlich ein. Die Kinder, die seit ihrer Kindergartenzeit hier leben - werden sie jemals die alte Heimat der Eltern als eigene neue Heimat kennenlernen und empfinden können?

Auf Grund des Mandates der Vereinten Nationen bemühen sich internationale Truppen seit Jahren, die Bevölkerung vor den radikalen Taliban zu schützen. Dabei sind die Soldaten einem hohen Risiko ausgesetzt. Nicht nur, dass jetzt die USA eine Verstärkung auch der deutschen Truppen fordern. Ein Angriff auf einen Tanklaster wurde von einem deutschen Oberst angeordnet. Er kostete viele Zivilisten das Leben und machte die Frage nach den Wirkungen des militärischen Eingriffs in Afghanistan neu dringlich. Als Bischöfin Margot Käßmann als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland in einer Predigt das Thema kritisch aufnahm, erhielt sie ein breit gespanntes Echo zwischen scharfer Kritik und viel Zustimmung. Einem ersten Gespräch zwischen ihr und dem Verteidigungsminister sollen weitere folgen.

Mag sein, dass die Recht haben, die es als naiv bezeichnen, mit Gebeten und Kerzen in Afghanistan Frieden schaffen zu wollen. Doch wenn am Donnerstag, 28. Januar, in London die internationale Afghanistan-Konferenz stattfindet, will ich auf Gebet und Kerzen nicht verzichten. Und dabei auch an die afghanische Familie denken, die ihrer kleinen Tochter vor Jahren erlaubte, beim Krippenspiel in der Altenhasunger Kirche als Engel dabeizusein, obwohl sie Muslimin ist.

Frieden braucht Vertrauen, Phantasie und den Mut, Grenzen zu überwinden.

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