Peggy Markovic flüchtete als 16-Jährige aus der DDR in die Prager Botschaft

Getrieben vom Drang nach Freiheit

Einziger Weg in die Freiheit: Peggy Markovic (mit rosafarbener Jacke) kletterte über den Zaun der Deutschen Botschaft in Prag.
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Einziger Weg in die Freiheit: Peggy Markovic (mit rosafarbener Jacke) kletterte über den Zaun der Deutschen Botschaft in Prag.

Sie bekommt Gänsehaut, wenn sie über ihre Erinnerungen spricht. Es sind Erinnerungen an eine kräftezehrende Reise in die Ungewissheit, die Peggy Markovic einst als „goldener Westen“ bezeichnete.

Zierenberg. „Zum Tag der Deutschen Einheit wird die Ostalgie auch in mir wieder wach“, sagt die heute 48-Jährige, die 1989 mit gerade einmal 16 Jahren in Dessau in den Zug gen Prag stieg, im Ohr die tags zuvor vom Balkon der Deutschen Botschaft in Prag aus getroffene Ankündigung Hans-Dietrich Genschers, die Geschichte schreiben sollte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist.“ Die im euphorischen Jubel der Menge untergegangenen Worte waren nicht nur Teil des wohl wichtigsten unvollständigen Satzes in der deutschen und europäischen Geschichte, sondern für Markovic auch der Auftakt zum wohl wichtigsten Wendepunkt in ihrem Leben geworden.

„Ich saß rund um die Uhr vorm Fernseher und hing dem Außenminister förmlich an den Lippen“, erinnert sich die heute in Zierenberg lebende gebürtige Ostdeutsche, deren Bruder zu dem Zeitpunkt bereits mit seiner Familie in der Prager Botschaft und somit im ersten Ausreiseschwung gen Westen dabei war. „Das wollte ich auch“, denkt sie zurück an diesen alles verändernden Moment wenige Tage später, als sie das Allernötigste in eine Tasche packte und sich mit ihrer besten Freundin auf den Weg machte. „Wir waren so euphorisch, dass wir nicht groß darüber nachgedacht haben, dass wir unsere Familien vielleicht nie wieder sehen würden, wir wollten einfach nur raus, getrieben von einem Drang nach Freiheit, den nur nachvollziehen kann, wer in der DDR gelebt hat.“

Im Zug dann ein mulmiges Gefühl, permanente Angst, doch noch gestoppt, schlimmstenfalls verhaftet zu werden. „Es gab zwischendurch eine Kontrolle, ein oder zwei Stunden hat die gedauert, da brauchte man schon Nerven wie Drahtseile“, so Markovic, die nicht gerne an die endlos lange Reise zurückdenkt, lieber an deren glückliches Ende in Prag, wo es ohne Umwege gen Botschaft ging. „Es war einfach nur voll, hunderte, vielleicht tausende Menschen, die alle nur eines wollten: rüber in den Westen.“ Gut erinnere sie sich noch an die Polizei rund ums Gebäude, es sei kein Durchkommen gewesen. Einzige Lösung: Ab über den Zaun. „Dann waren wir drin, von der Freiheit aber noch weit entfernt“, sagt die gelernte Konditorin und wird nachdenklich, während sie über die endlosen Tage der Ungewissheit erzählt: „Wir wussten ja nicht, ob wir auch ausreisen durften, mussten warten und warten, schliefen draußen im Regen auf einer Treppe, die aufgebauten Notzelte waren gnadenlos überfüllt, Toiletten gab es nur sehr wenige.“ Nach drei Tagen dann die erlösende Nachricht, endlich: Ausreise genehmigt. Mit dem Zug ging es gen Westen und für Markovic in ein neues Leben.

„Auch wenn ich schnell festgestellt habe, dass im goldenen Westen längst nicht alles so glänzt wie gedacht, habe ich die Entscheidung nie bereut“, sagt sie heute glücklich und freut sich, wenn ab und an doch noch mal die Ostalgie bei ihr anklopft und wie heute zum Tag der Deutschen Einheit für eine kleine Gänsehaut sorgt. (Sascha Hoffmann)

Von Sascha Hoffmann

Peggy Markovic entdeckte sich lange nach den nervenaufreibenden Tagen in Prag in einem Fernsehbeitrag der Tagesschau. Repro: Tagesschau/Sascha Hoffmann
Da kommt Ostalgie auf: Die Zierenbergerin Peggy Markovic flüchtete vor 30 Jahren über Prag nach Westdeutschland.

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