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„Gewalt gegen Frauen ist im Iran alltäglich“

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Von: Johannes Rützel

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Maryam Parikhahzarmehr spricht über die Proteste im Iran und die Gewalt gegen Frauen.
Maryam Parikhahzarmehr spricht über die Proteste im Iran und die Gewalt gegen Frauen. © Johannes Rützel

Maryam Parikhahzarmehr floh vor neun Jahren aus dem Iran. Mit der HNA hat sie über die Rolle der Frauen bei den aktuellen Protesten gesprochen.

Wolfhagen – Seit über zwei Monaten demonstrieren die Menschen im Iran gegen die Regierung. Auslöser war die Tötung von Mahsa Amini im Polizeigewahrsam. Festgenommen wurde sie, weil sie ihr Kopftuch angeblich nicht korrekt getragen hatte. Über 300 Menschen dürften bis jetzt ums Leben gekommen sein, über 15 000 wurden eingesperrt. Vielen droht bei Verurteilung die Todesstrafe. Über die Situation im Iran sprachen wir aus Anlass des heutigen internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen mit Maryam Parikhahzarmehr, die in Wolfhagen lebt.

Der Auslöser der Proteste im Iran war die Tötung Mahsa Aminis. Was treibt die Demonstranten seit zwei Monaten weiter auf die Straße?

Die Frauen sind auf der Straße, weil sie seit 43 Jahren diskriminiert, gedemütigt und erniedrigt werden. Sie müssen entweder gehorsam sein oder müssen leiden. Sie haben ihre Rechte aufgeben müssen und erleben täglich Gewalt. Das Kopftuch ist eher ein Symbol für diese Unterdrückung. Dagegen kämpfen sie seit 43 Jahren.

Wie macht sich die Unterdrückung bemerkbar?

Die islamischen Gesetze entrechten Frauen. Die Sittenpolizei ist überall und kontrolliert die Menschen auch in ihrem Privatleben, zum Beispiel auf Hochzeiten. Meine Hochzeit haben wir versteckt und außerhalb der Stadt gefeiert, weil Männer und Frauen zusammen feiern wollten. Das ist im Iran aber streng verboten. Manche unserer Verwandten haben draußen aufgepasst, um uns zu warnen, falls die Polizei kommt. Oder beim Kopftuch, da darf kein Stückchen des Haars zu sehen sein. Falls doch, werden Frauen bestraft, verschleppt, niedergeknüppelt oder ermordet, wie im Fall von Mahsa Amini. Seit September passiert das überall auf den Straßen.

Welche Rolle haben iranische Frauen in der Gesellschaft?

Die Scharia gilt. Da gibt es ganz konkrete Beispiele. Eine Scheidung ist nur mit Zustimmung des Ehemanns möglich. Der Mann bekommt dann automatisch das Sorgerecht, Frauen sehen ihre Kinder dann meistens nicht mehr. Oder die Aussage einer Frau vor Gericht: Die eines Mannes ist immer doppelt so viel wert. Oder bei Erbschaften: Töchter bekommen nur die Hälfte dessen, was ein Sohn bekommt. Wenn unverheiratete Frauen hingerichtet werden sollen, werden sie vorher zwangsverheiratet und vergewaltigt, um sie zu entehren. Damit sie nach dem Tod nicht ins Paradies kommen. Das ist krank. Das habe ich von einem Vater in den 1980er-Jahren gehört. Diese Brutalität ist unvorstellbar. Ich selbst wurde als 14-Jährige von der Sittenpolizei verhaftet. Ich habe in dem Gefangenentransporter so geheult, dass ich keine Luft mehr bekam. Da bekamen die Polizisten Angst und haben uns freigelassen. Wie ich nach Hause gekommen bin, daran erinnere ich mich nicht mehr. Meine Tante wurde verhaftet, weil sie mit ihrem Freund unterwegs war. Meine Mutter hat dann die Eigentumsurkunde unseres Hauses als Kaution gestellt, damit sie freikam.

Gibt es im Iran ein Tabu, Gewalt gegen Frauen anzuwenden?

Gewalt gegen Frauen ist an der Tagesordnung. Das islamische Regime übt seit Jahren öffentlich Gewalt gegen Frauen aus.

Ist häusliche Gewalt gegen Frauen ein Problem im Iran?

Das gibt es. Die Frauen haben in der persischen Kultur einen hohen Platz. In der persischen Geschichte haben Frauen Kriege geführt und über das Land geherrscht. Das islamische Regime versucht seit 43 Jahren, diese Kultur zu beseitigen. In diesem Kampf, denke ich, hat aber die Bevölkerung gewonnen. Die persische Kultur und ihre Feste werden von Generation zu Generation weitergegeben. Meine Eltern waren streng religiös. Aber als mein Vater im Sterben lag, wollte er auch nicht akzeptieren, das meine Mutter nach islamischem Recht nur ein Achtel des gemeinsamen Hauses erbt. Wir haben das Haus und das Grundstück dann zwischen meiner Mutter, meiner Schwester und mir gedrittelt.

Die iranische Diaspora ist im Aufruhr. Was besprechen sie mit ihren Kontakten?

Wir sehen die Bilder, die Videos. Die Situation ist total emotional. Seit September haben wir keine Ruhe mehr, wir sorgen uns um unsere Landsleute. Mein Mann und seine Freunde versuchen, den Demonstranten zu helfen, sammeln Geld für Medikamente oder für die Arbeiter, die streiken. Auch die Familien von politischen Gefangenen brauchen Hilfe.

Was müsste geschehen, damit die Menschen im Iran wieder in Frieden leben können?

Die Menschen wollen das Regime loswerden! Sie wollen keine Reformation.

Was wünschen Sie sich für den Iran?

Demokratie und Freiheit! Das, was in Deutschland selbstverständlich ist.

„Frau, Leben, Freiheit“ ist eine Parole der Demonstranten.

Das rufen die Männer! Und die Frauen antworten mit „Männer, Heimat, Wohlstand!“ Das ist für mich etwas ganz Besonderes, das ist eine vollständige Gesellschaft. Für ein besseres Leben im Iran, brauchen die Frauen Freiheit. Wie ihre Mütter, Schwestern oder Töchter behandelt werden, das können auch die Männer nicht mehr mitansehen. Jeder, der im Iran demonstrieren geht, rechnet damit, nie wieder zurückzukehren. Das sind die Helden und Heldinnen, die dort auf die Straße gehen.

Was können wir in Deutschland tun, um den Iranern zu helfen?

Ich finde es ganz wichtig, dass die Stimme der Iraner gehört wird. Dass die Videos gesehen werden, dass die Nachrichten gelesen werden. Dabei zu helfen, dass die ganze Welt erfährt, was im Iran passiert. Das ist eine feministische Revolution. Und die sollte auch von den Regierungen anerkannt werden.

Was halten Sie von internationalen Sanktionen gegen den Iran?

Deutschland ist der beste Handelspartner des Iran, trotz Sanktionen. Die Folge der Sanktionen ist, dass die Machthaber im Iran dadurch nur noch reicher wurden, weil sie über Drittfirmen weiter Geschäfte machen. Unter den Sanktionen hat eigentlich nur die Bevölkerung gelitten, die ist in die Armut abgerutscht. Dass viele dort Probleme haben, ihre Familie zu versorgen, ist auch ein Grund, warum sie demonstrieren.

Können Sie sich vorstellen, in einem demokratischen Iran zu leben?

Ja. Darüber sprechen wir oft, das ist auch persönlich sehr schwierig, weil wir seit neun Jahren versuchen, uns in Deutschland zu integrieren und ein neues Leben aufzubauen. Das war auch sehr hart, wir konnten am Anfang gar kein Deutsch, und die Kultur ist eine ganz andere. Meine Tochter kam mit acht Jahren nach Deutschland, vor wenigen Tagen wurde sie 17. Jetzt sind wir teilweise integriert und haben die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Meine zweite Tochter ist auch hier geboren, ich habe eine gute Stelle und studiere. Mein Mann will für den Fall unbedingt in den Iran – aber meine Töchter und ich, das müssen wir noch beratschlagen.

ZUR PERSON

Maryam Parikhahzarmehr wurde 1980 in der Stadt Schiras im Südiran geboren. Sie war Lehrerin und stellvertretende Schulleiterin. Aus religiösen und politischen Gründen ist sie vor neun Jahren mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter aus dem Iran nach Deutschland geflohen. Mittlerweile arbeitet sie als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, studiert Lehramt an der Universität Kassel und hat vor zwei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Sie lebt in Wolfhagen.

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