Landwirte protestieren gegen Agrarpolitik der Bundesregierung

Grüne Kreuze am Straßenrand warnen vor Höfesterben

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Mahnung an die Verbraucher, Lebensmitteln aus der Region wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken: Uli Wagner (links) und Sohn Malte auf einem ihrer Felder. Mit den Kreuzen wolle man nun symbolisch zeigen, dass kleine Familienunternehmen von der Politik zu Grabe getragen würden.

Wer momentan durchs Wolfhager Land fährt, dem dürften sie an einigen Stellen bereits aufgefallen sein: große grüne Kreuze an Feldrändern. Aufgestellt haben sie Landwirte.

„Es sind Zeichen der Hilflosigkeit“, sagt Reinhard Schulte-Ebbert, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Kassel.

Anlass ist ein neues Agrarpaket für Tierwohl, Insekten- und Naturschutz, das Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) geschnürt haben. Neben einer besseren Kennzeichnung von Fleischprodukten und eine Umschichtung der EU-Agrarsubventionen sieht es mehr Insektenschutz vor. Dazu gehört ein Verbot des umstrittenen Unkrautgifts Glyphosat Ende 2023. Der Einsatz von Unkraut- und Schädlingsgiften soll insgesamt stark eingeschränkt werden. Es werde also alle Schuld für das Insektensterben und der Grundwasserbelastung auf die konventionelle Landwirtschaft geschoben, so die Kritik der Landwirte.

„Wir fühlen uns verkauft“, beschreibt Landwirt Uli Wagner aus Oberelsungen das Gefühl vieler Landwirte in der Region. Das neue Agrar-Umweltpaket stelle gerade für kleine, familiengeführte Betriebe ein Problem dar. Im Fokus der Öffentlichkeit stehe derzeit, dass Landwirte Blühstreifen anlegen sollten, um Nahrung für Bienen zu schaffen und zum Erhalt der Artenvielfalt beizutragen. „Es muss sich aber auch wieder ein Bewusstsein entwickeln, dass Landwirte Lebensmittel produzieren“, sagt Wagner. Das wiederum sei mit immer mehr Auflagen verbunden. „Wenn das so weiter geht, wird es immer weniger Landwirte geben.“

Martin Zwingmann, Landwirt aus Breuna

So sieht das auch der Breunaer Nebenerwerbslandwirt Martin Zwingmann. „Es kommen immer strengere Auflagen im immer schnelleren Takt, ob es nun um Düngemittel, Tierhaltung oder Feldrandstreifen geht.“ Dabei würde nicht gewürdigt, was Bauern bereits für den Umweltschutz leisten – stattdessen verfalle man in blinden politischen Aktionismus. „Sicherlich trägt die Landwirtschaft zum Klimawandel bei, aber da gibt es auch noch viele andere Faktoren. Momentan fühlt man sich als Buhmann.“

Das effektive Wirtschaften werde schwieriger, gleichzeitig verlangten Konsumenten weiter nach günstigen Preisen. „In der Konsequenz heißt das, dass in Zukunft vermehrt aus anderen Ländern importiert wird, in denen die Produktion – auch aufgrund geringerer Standards – günstiger ist“, so Zwingmann. Ob das im Sinne der Klimabilanz sinnvoll ist, sei fraglich.

Schulte-Ebbert kritisiert, dass bei den Entscheidungen oft politisch und populistisch gedacht werde, statt bedacht und wissenschaftlich. „Nehmen wir das Beispiel CO2. Wenn man möchte, dass weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, dann heißt das, man muss den Beikräutern mechanisch beikommen. Das heißt einen größeren und häufigeren Einsatz von Maschinen. Die wiederum verbrauchen Diesel und produzieren CO2.“ Sicherlich könne man noch viel mehr für den Umweltschutz tun, „aber dieser ist eben nicht zum Nulltarif zu haben“. Und diese Entscheidungen hätten immer auch Konsequenzen und das nicht nur für die Geldbeutel der Landwirte, sondern das ökologische Gesamtsystem.

Außerdem, so Schulte-Ebbert, würden sich Regeln momentan sehr schnell ändern. Das führe mitunter dazu, dass ein Bauer etwa in den Umbau seiner Ställe oder seines Betriebes investiere, wenige Jahre später aber nicht mehr regelkonform sei und dann auf seinen Schulden sitzen bleibe. „Wir brauchen verlässliche, rechtssichere Aussagen.“

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