„Bei den Linken ist vieles logisch“

Landratswahl im Kreis Kassel: Jürgen Kehr aus Habichtswald tritt für die Partei Die Linke an

Jürgen Kehr aus Habichtswald möchte Landrat im Landkreis Kassel werden. Er tritt für die Partei Die Linke am 14. März 2021 zur Wahl an.
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Jürgen Kehr aus Habichtswald möchte Landrat im Landkreis Kassel werden. Er tritt für die Partei Die Linke am 14. März 2021 zur Wahl an.

Bei der Kommunalwahl am 14. März entscheiden die Wähler mit ihrer Stimme auch über den künftigen Landrat. Der Habichtswalder Jürgen Kehr tritt als Kandidat für die Partei Die Linke an.

Habichtswald – Vor anderthalb Jahren hätte sich Jürgen Kehr vermutlich verwundert die Augen gerieben, hätte er damals von seinen heutigen Ambitionen gewusst. 2019 hatte er für sich entschieden, eine aktivere Rolle in der Politik spielen zu wollen. Nun ist der Parteilose der Kandidat der Partei Die Linke und will Landrat werden. Ein Perspektivwechsel und Job, den sich der Mathematiker zutraut, auch wenn er bislang nichts mit der Verwaltung eines Landkreises zu tun hatte.

Kehr schreckt vor neuen Herausforderungen nicht zurück. Der Mathematiker, der an der Uni Kassel im Nebenfach Physik studierte, arbeitete lange Zeit als Programmierer, als im Jahr 2009 an Schulen händeringend Personal gesucht wurde. Der Habichtswalder hatte zwar das Fachwissen, aber keine Lehrerausbildung. Trotzdem trat er an der Jacob-Grimm-Schule in Kassel vor elfte und zwölfte Klassen des Oberstufengymnasiums und fand daran Gefallen.

Später kamen noch Einsätze am Goethe-Gymnasium, der heutigen Walter-Lübcke-Schule in Wolfhagen und der Theodor-Heuss-Schule in Baunatal hinzu. „Teilweise unterrichtete ich an drei Schulen gleichzeitig“, sagt der 61-Jährige, der sich noch heute gern an die vielen positiven Rückmeldungen ehemaliger Schüler erinnert, sich wegen der wiederholt befristeten Verträge dann aber doch wieder der Entwicklung von Software zuwandte.

Sein strukturiertes Denken und seine Fähigkeit des Problemlösens seien Eigenschaften, die einem Landrat gut zu Gesicht stünden. Es könne nicht schaden, in der Lage zu sein, komplexe Situationen zu durchblicken und und Ansätze zu erarbeiten, die geeignet seien, Konflikte zu überwinden. Das überzeugte auch die Kreismitglieder der Linken, als sie ihn im vergangenen Herbst zu ihrem Kandidaten kürten. Und dennoch bleibt Kehr Realist. „Dass Sie hier mit dem zukünftigen Landrat des Kreises Kassel sprechen, halte ich für unwahrscheinlich. Ich sehe da vor allem eine theoretische Möglichkeit.“

Dem Habichtswalder, der im Ortsteil Dörnberg lebt, geht es in erster Linie darum, der Linken in der Öffentlichkeit eine höhere Präsenz zu verschaffen. Die Ideen der Linken, ihre Ziele sollten ein breiteres Publikum erreichen. Er persönlich würde sich bei der Wahl über die Zweistelligkeit im Ergebnis freuen. „Vielleicht kann ich das Zünglein an der Waage sein“, sagt er und verbindet das mit der Hoffnung, die Landratswahl möge in eine Stichwahl münden und die Veranstaltung am 14. März nicht zu einem Selbstläufer werden.

Unter allen Vertretern in der deutschen Parteienlandschaft fühlt sich Jürgen Kehr mit seinen Vorstellungen von einer Gesellschaft bei den Linken am besten aufgehoben. „Da ist vieles logisch. Und ich verstehe nicht, wie man es anders sehen kann“, sagt er, lacht und macht es beispielhaft an der Ungleichheit der Verteilung des Vermögens fest. Der Gini-Koeffizient ist ein statistischer Wert, der die Vermögensanteile der verschiedenen Bevölkerungsgruppen abbildet, er liegt zwischen null und eins. Hätte jede Person gleich viel Geld auf der hohen Kante, läge der Index bei null. In Deutschland liegt er bei 0,83. Das heißt: Ganz wenige Menschen haben ganz viel Geld. Deshalb gibt es aus Sicht Kehrs keine Alternative zur Einfuhr der Vermögenssteuer. „Sie ist gerecht.“ Die so erzielten Einnahmen könnten investiert werden in Schulen, Sportstätten, in bezahlbaren Wohnraum und in einen kostenlosen ÖPNV.

In den Mittelpunkt seines Handelns gehören die Menschen mit ihren Bedürfnissen nach Unversehrtheit und ihren Grundrechten auf Gesundheit, Ernährung und Wohnen. Einen hohen Stellenwert hat für ihn zudem der Klimaschutz und das nicht erst, seit er sich im Jahr 2019 der Friday for Future Bewegung angeschlossen und sich an Demonstrationen in Kassel beteiligt hat. „Die Auswirkungen des Klimawandels werden spürbarer“, sagt Jürgen Kehr, der hofft, dass es den heute jungen Menschen gelingen wird, das Ruder noch einmal herumzureißen. Daher hält er es auch für sinnvoll, das Wahlalter bei künftigen Kommunalwahlen von 18 auf 16 zu reduzieren. In elf von 16 Bundesländern geht das schon. „In Hessen nicht“.

Die wichtigsten drei Ziele von Jürgen Kehr

Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen gehört für Jürgen Kehr zu den drei wichtigsten Zielen. „Die Wohnungsbaugesellschaft des Kreises kommt nicht in die Gänge.“ Der Kreistag habe zwar Beschlüsse gefasst, allerdings hänge es an der Umsetzung.

Es könne nicht sein, dass sich Menschen mit geringem Einkommen das Wohnen nicht mehr leisten könnten. Da müsse es vom Landkreis Angebote geben. Aus seiner Sicht und aus Sicht der Partei, für die er antritt, muss die kreiseigene Gesellschaft mindestens 1500 neue Sozialwohnungen schaffen, und zwar in den Kommunen, in denen der Bedarf besteht. Zudem will sich der 61-jährige Habichtswalder für eine Deckelung der Mieten einsetzen.

Seine Forderung nach bezahlbarem Wohnraum verbindet Kehr mit einem zweiten zentralen Anliegen, dem Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs – ÖPNV. Eine gute Verkehrsanbindung sei eine Möglichkeit, die Attraktivität vom Wohnen auf dem Land zu steigern. Das KasselPlus-Gebiet der KVG, zu dem neben Kassel 14 weitere angrenzende Kommunen zählen, müsse auf alle Städte und Gemeinden im Landkreis ausgedehnt werden. Es brauche mehr Fahrzeuge, mehr Strecken, eine halbstündige Taktung der Fahrten und mehr Personal. Und: Der öffentliche Nahverkehr müsse zum Null-Tarif zu haben sein. Das würde zu einer Reduzierung des pkw-basierten Individualverkehrs führen.

Eine leistungsfähige, wohnortnahe Gesundheitsversorgung liegt dem Kandidaten der Partei Die Linke ebenfalls am Herzen. Die Übernahme der Kreiskliniken in Wolfhagen und Hofgeismar im vergangenen Jahr sei ein bedeutsamer Schritt gewesen. „Kommunale Krankenhäuser müssen kommunal bleiben“, heißt es im Wahlkampfprogramm. Kehr geht so weit, dass er die im Jahr 2013 in Wolfhagen weggebrochene Geburtshilfe an der Klinik wieder etablieren will. Mit einer besseren, leistungsgerechteren Bezahlung der Pflegeberufe solle die Arbeit der Beschäftigten aufgewertet werden.

Zur Person Jürgen Kehr

Jürgen Kehr (61) ist Diplom-Mathematiker. Er ist geboren und und aufgewachsen in Kassel, wo er nach seinem Abitur auch studiert hat. Er hat als Anwendungsentwickler und Systemprogrammierer gearbeitet. Seit 2013 ist er für die IT-Gesellschaft der Bundeswehr (BWI) tätig. Sein Hobby ist das Schachspielen. Er hat internationale Turniere organisiert und leitet Partien als Schiedsrichter. Kehr ist parteilos. Seit zehn Jahren lebt er in Dörnberg. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. 

Die Aufgaben des Landrats

Der Landrat nimmt die Vertretung des Landkreises Kassel nach außen wahr, er führt die Beschlüsse des Kreistages aus und erledigt die Geschäfte der laufenden Verwaltung. Er ist der höchste Chef der Verwaltung und hat den Vorsitz des Kreisausschusses inne. Im Rahmen der Kommunalaufsicht über die kreisangehörigen Städte und Gemeinden wird der Landrat auch als untere staatliche Behörde des Landes Hessen tätig. Seit dem Jahr 1997 wird der Landrat unmittelbar von den Kreisbürgern gewählt, für seine Wahl ist die absolute Mehrheit erforderlich und seine Amtszeit dauert sechs Jahre. Amtierender Landrat ist Uwe Schmidt (SPD). Er ist seit Juli 2009 im Amt. (Antje Thon)

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