Weit entfernt von der Normalität

Sorge um die Zukunft: Fünfköpfige Familie kämpft mit Langzeitschäden der Corona-Infektionen

Ganze Familie erkrankte an Covid-19: Karsten Kirchhof und Sabrina Oeste aus Ehlen mit (von rechts) den Zwillingen Lasse und Ida (7) sowie Ben (11). Tageskind Leon (vorne) wird von Tagesmutter Sabrina Oeste betreut, er gehört nicht zur Familie und erkrankte auch nicht an Corona.
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Ganze Familie erkrankte an Covid-19: Karsten Kirchhof und Sabrina Oeste aus Ehlen mit (von rechts) den Zwillingen Lasse und Ida (7) sowie Ben (11). Tageskind Leon (vorne) wird von Tagesmutter Sabrina Oeste betreut, er gehört nicht zur Familie und erkrankte auch nicht an Corona.

Wie geht es Menschen nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung? In Habichtswald erkrankte eine Familie mit drei Kindern. Heute ist ihr Leben ein anderes.

Habichtswald – Corona hat das Leben einer fünfköpfigen Familie aus Habichtswald-Ehlen im Kreis Kassel aus den Fugen gehoben. Sabrina Oeste und Karsten Kirchhof infizierten sich Anfang Dezember zusammen mit ihren drei Kindern während einer Eltern-Kind-Kur im bayerischen Lechbruck am See. Heute, mehr als vier Monate später, ist ihr sehnlichster Wunsch: Es mögen keine weiteren Belastungen hinzukommen, die ihr Leben beschweren.

Hinter der Familie liegen harte Wochen. Noch heute sind sie von einer Normalität, wie es sie vor Corona gab, weit entfernt. Der 37-jährige Familienvater erinnert sich gut an den ersten Tag der Erkrankung, einen Freitag. „Plötzlich hatte ich Schmerzen in den Gelenken, meine Haut platzte auf, ich hatte Atemnot.“ Bei seiner Partnerin kamen die Beschwerden etwas später, die Kinder blieben zunächst symptomfrei. Damals waren in der Kureinrichtung vier Familien positiv auf Corona getestet worden, alle kamen in Quarantäne. Für die fünf Habichtswalder waren das drei Tage auf engstem Raum mit einem mulmigen Gefühl und der Sorge, was da auf sie zukommen möge.

Familie leidet an Long Covid: „Zweimal waren wir kurz davor, den Krankenwagen zu rufen“

Die Situation erlaubte der Familie einen Ortswechsel. Noch auf der Autobahn in Richtung Heimat meldete sich das Gesundheitsamt Region Kassel. Zu ihm besteht bis heute ein enger Kontakt. In Ehlen begab sich die Familie bis Weihnachten erneut in Isolation. In dieser Zeit verschlechterte sich der Zustand von Karsten Kirchhof rapide. Er hatte hohes Fieber, Treppensteigen und selbst Gespräche nahmen ihm die Luft, er bekam eine Lungenentzündung, erkrankte an Asthma. Die medizinische Betreuung übernahm der Hausarzt in Schauenburg. Der, so Kirchhof, habe mehrmals eine Überweisung in die Klinik ins Spiel gebracht, sollte sich der Zustand weiter verschlechtern. „Zweimal waren wir kurz davor, den Krankenwagen zu rufen“, sagt er.

Sie taten es nicht. Denn da waren die Kinder, um die sie sich kümmern mussten. Inzwischen klagte auch Sabrina Oeste über hohes Fieber. Sie bekam Entzündungen an Nieren und Magen, Zysten an Organen. Die Schmerzen in Kopf und Hüfte beschreibt sie als fast unerträglich. Als beängstigend erlebte sie Aussetzer bei der Reizverarbeitung. „Plötzlich hörte ich Worte nur noch als Töne“, sagt die 41-Jährige. In dieser Situation gelang es ihr nicht, die Bedeutung aus dem Gesagten zu filtern. „Am Telefon entschuldige ich mich im Voraus, dass ich vergessen könnte, warum wir telefonieren.“ Die kognitiven Veränderungen führt sie auf Covid-19 zurück.

Long Covid: Vater und Mutter noch nicht wieder 100 Prozent leistungsfähig

Die Eltern wechselten sich mit der Betreuung der Kinder ab, so konnte sich wenigstens einer mal für ein, zwei Stunden zurückziehen und ausruhen. Inzwischen sind die Hauptsymptome abgeklungen, ihr Zustand hat sich gebessert. Besser bedeutet: Oeste, die als Tagesmutter arbeitet, sieht ihr momentanes Leistungsvermögen bei 70 Prozent. Kirchhof, der bis heute krankgeschrieben ist, bei 50 – „wenn überhaupt“.

Die Erkrankung hat auf seiner Lunge Narben hinterlassen, das zeigen die Bilder der Computertomografie. Er selbst spürt es als Atemnot, die neben Abgeschlagenheit und geringerer Belastbarkeit zu einer ständigen Begleiterin geworden ist. 15 Kilometer joggen, wie er es früher gerne tat, ist für ihn heute utopisch. Selbst wenn er die Puste hätte, würde ihn eine seit Dezember anhaltende, schmerzhafte Entzündung im Fußgelenk am Laufen hindern.

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Der 37-Jährige ist von Beruf Dachdecker. Momentan macht er sich Sorgen wegen der Folgen des Long Covid wegen seiner Zukunft. Er fragt sich, wie er mit einem geschwollenen Fuß auf Dächern und mit einer kaputten Lunge mit fasernden Materialien arbeiten kann. Er und seine Lebensgefährtin haben das Gefühl, dass selbst Ärzte mit den Langzeitfolgen überfordert sind. „Sie meinen, dass wir uns Zeit lassen sollen und haben uns gefragt, ob wir zur Kur fahren wollen“, sagt Oeste. Doch Zeit haben sie nicht, und ihre Lust auf Kuren hält sich nach der Erfahrung im Dezember in Grenzen. Die 41-jährige Tagesmutter betreut von 8 bis 16 Uhr fünf Kleinkinder. Die Option, nur bis 14 Uhr zu arbeiten und sich, wie angeraten, „Zeit zu nehmen“, gibt es nicht. „Dann würden sich die Eltern sicher nach einer anderen Betreuung umsehen. Und wir sind auf meinen Verdienst angewiesen.“

Nach Corona-Erkrankung: Sohn (7) leidet jetzt an Diabetes mellitus

Ein Schock war es für die Familie, als Anfang März bei Sabrina Oestes Sohn Lasse (7) Diabetes diagnostiziert wurde. Bis dahin waren Karsten Kirchhofs Sohn Ben (11) mit etwas Fieber und die Zwillinge Ida und Lasse glimpflich durch die Infektion gekommen. Die Ärzte im Kasseler Klinikum, in die Oeste und ihr Sohn für zwei Wochen aufgenommen worden waren, erklärten ihr, das eine Covid-Infektion eine Diabetes-Erkrankung triggern könne.

Viele der Kinder, die auf der Station auf die chronische Stoffwechselstörung eingestellt wurden, hätten zuvor eine Covid-Infektion durchgemacht. Inzwischen haben sich die Eltern an Blutzuckerkontrollen, Insulininjektionen, das Abschätzen von Broteinheiten gewöhnt. Auch deshalb, weil Lasse mit seiner Erkrankung selbstbewusst umgeht und Verantwortung für sich übernimmt.

Voller Unverständnis reagieren Oeste und Kirchhof auf Corona-Leugner. „Es tut weh, Querdenker demonstrieren zu sehen“, sagt die Habichtswalderin. An dem Tag, der Corona-Demo in Kassel, bei der sich die Covid-19-Ignoranten versammelten, war sie in Kassel am Bahnhof, um ihre 14-jährige Tochter, die bei ihrem Vater lebt, vom Zug abzuholen. „Als ich im Auto saß und mir die Menschenmassen ohne Masken entgegenkamen, musste ich heulen.“ Ihre Tochter sei in der Bahn umgeben gewesen von Leuten, die keine Mund-Nasen-Bedeckung trugen.

„Corona ist weit mehr als die Infektionszahlen im Fernsehen“, sagt Kirchhof, der jeden Tag spürt, wie sich der Alltag seiner Familie verändert hat. Er glaubt fest daran, dass es wieder bergauf geht. „Es wird dauern“, bis dahin wünschen sie sich einen Sommer, mit Wärme und Licht und einem Leben, das sich etwas leichter anfühlt.

Familie leidet an Langzeitfolgen con Corona: Unterstützung von Initiative Lichtblick

Große Unterstützung hat die Familie von der Initiative Lichtblick in Habichtswald erfahren, die sich Anfang des Jahres auf ehrenamtlicher Basis gebildet hat. Die Gruppe kümmert sich um Menschen, die von Covid-19 unmittelbar oder auch indirekt betroffen sind. Sie bietet Hilfe in unterschiedlichen Lebensbereichen an – das reicht von Rechtsberatung, über therapeutische Angebote bis hin zu Einkäufen. „Die Mitglieder rufen jede Woche an, sie nehmen die Kinder zu Spaziergängen mit und bieten ihnen Nachhilfe an“, sagt Sabrina Oeste. Auch Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs erhalten sie als Spende. „Da sind auch Freundschaften entstanden“, erzählen Oeste und ihr Partner Karsten Kirchhof. Dafür sind die dankbar. Die erlebte Fürsorge ist einer der Gründe, der es ihnen verbietet, in ein Loch zu fallen.

Aber das Paar hat auch andere Erfahrungen gemacht. „In unserem Umfeld glauben einige, dass wir übertreiben. Wir haben uns angewöhnt, nicht mehr alles zu erzählen“, sagt Oeste. Einige ihrer Freunde hätten sich bis heute nicht gemeldet. (Antje Thon)

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