Fahrlässige Tötung

Haftstrafe nach Unfall mit Sportwagen: Die folgenschwere Testfahrt

Unfall auf der Bundesstraße bei Ehlen
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Tödlicher Unfall: Der Beifahrer des Autos starb auf der Bundesstraße bei Ehlen.

Ein 43 Jahre alter Mann aus Kassel ist vom Amtsgericht Kassel wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Er hatte im August 2020 mit seinem Sportwagen einen Unfall zwischen Ehlen und Dörnberg verursacht, bei dem der Beifahrer starb. Die siebenstündige Gerichtsverhandlung war sehr emotional.

Kassel – Richter Philipp Kleinherne entschuldigte sich fast, als er die Witwe des Unfallopfers fragte, wie es ihr nun gehe. Er müsse das fragen. Da schilderte die 32 Jahre alte Frau ihre Situation: „Ich kämpfe jeden Tag. Ich renne wie in einem Hamsterrad.“ Als der Unfall passierte, war der eine Sohn drei Jahre alt, der andere drei Monate. Bis zum Morgen des 18.

August 2020 ging es allen gut – „richtig gut“, wie die Frau versicherte. Die Familie hatte ein Haus gebaut, der Mann eine Autowerkstatt aufgebaut. „Wir hatten unser kleines Paradies geschaffen“, sagte die Frau.

Nach dem 18. August 2020 ist aber nichts mehr, wie es mal gewesen ist.

Am Morgen des 18. August 2020 verunglückte der Familienvater aus Habichtswald bei einem Unfall auf der Bundesstraße zwischen Ehlen und Dörnberg. Er war Beifahrer in einem auffälligen Sportwagen, den ein 43 Jahre alter Mann aus Kassel steuerte. Ihm, der selbst eine kleine Autowerkstatt betreibt und Fahrsicherheitstrainings gibt, gehörte auch der 240 PS starke Alfa Romeo 4C, den er als Prestigeobjekt bezeichnete – „eine Hommage an davongegangene Rennfahrer“, wie er vor dem Amtsgericht sagte. „Senna“ stand auf dem Wagen – und „Lauda“.

Während der gestrigen Gerichtsverhandlung wurde klar, wie es zu dem Unfall kam: Der Unfallverursacher nutzte die Fahrt zu einer Art Fahrtest. Als er mit überhöhter Geschwindigkeit Schlangenlinien über die gesamte Straße fuhr, verlor er die Kontrolle, das Auto krachte in die Leitplanke. Dass er kurz vor dem Aufprall noch einmal Gas gegeben hat, begründete der Angeklagte damit, dass das Heck des Wagens ausgebrochen sei. Ein Sachverständiger erwiderte darauf, dass eine solche Reaktion keinen Sinn mache.

Das war aber nicht die einzige Merkwürdigkeit dieses tragischen Falls. Viel drehte sich während der Verhandlung um die Zeit vor dem Unfall, um die Geschäftsbeziehung der beiden Männer, die sich duzten. Der 43-Jährige aus Kassel erhoffte sich von dem 32-jährigen Meister einer Autowerkstatt, dass er seinen Sportwagen wieder flottmacht. Einen Monat vor dem Unfall brachte er ihn erstmals zu dem 32-Jährigen. Der kümmerte sich, der Kunde erhielt den Wagen zurück.

Allerdings blieb es nicht bei dem einen Kontakt. Der 43-Jährige war nicht ganz zufrieden, meinte, das Auto würde schwammig reagieren: „Als würde man lenken, und das Auto fragt einen, ob du wirklich lenken willst.“ Es kam zu einem weiteren Termin – am 18. August.

Der Meister und sein Kunde traten eine Probefahrt an. Aber: Wieso fuhr der Kunde und nicht der Meister, wie es nicht nur der Sachverständige schlüssig gefunden hätte? Eine plausible Antwort darauf gab es nicht.

Eine andere Frage blieb gänzlich ungeklärt: ob beide bei dem ersten Termin schon eine gemeinsame Fahrt mit dem Auto unternahmen, wie die Frau des Opfers als Zeugin zumindest andeutete. Sie hielt den Kunden ihres Mannes für suspekt, für einen Aufdreher. Sie wollte nicht, dass ihr Mann weiter für ihn arbeitet. Aber durch die Reklamation sah dieser sich wohl an der Ehre gepackt.

Er stieg am 18. August als Beifahrer in das Auto, und beide fuhren los, obwohl einige Teile des Autos aktuell nicht Tüv-geprüft waren. Das Fahrzeug hätte so nie auf öffentlichen Straßen unterwegs sein dürfen, wie aus den Ausführungen des Sachverständigen hervorging. Es kam schließlich zu dem folgenschweren Unfall.

Gleich am Anfang der Gerichtsverhandlung machte der Angeklagte in Richtung der Familie des Opfers klar, dass ihm das Geschehene unglaublich leidtäte. Dass die Welt auch für ihn seither kopfstehe, erklärte er später in seiner Schlussaussage noch einmal. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke.“

Dieser Unfall löschte ein Leben aus und veränderte das Leben anderer – auch das eines Polizisten, der als Zeuge auftrat. Er war als einer der Ersten an der Unfallstelle und erzählte nun, wie schwer es ihm jedes Mal falle, wenn er wieder dort vorbeifahre. (Florian Hagemann)

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