Ökopunkte fürs Nichtstun

Gemeinde Habichtswald überlässt ein Viertel seiner Waldflächen sich selbst

Für eine regelmäßige Bewirtschaftung zu steil: Im Kommunalwald der Gemeinde Habichtswald sind es 38 Hektar, die wie hier am Friedrichstein oberhalb des Wanderweges H2, aufgrund extremer Bedingungen aus der Nutzung genommen werden.
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Für eine regelmäßige Bewirtschaftung zu steil: Im Kommunalwald der Gemeinde Habichtswald sind es 38 Hektar, die wie hier am Friedrichstein oberhalb des Wanderweges H2, aufgrund extremer Bedingungen aus der Nutzung genommen werden.

Im Kommunalwald der Gemeinde Habichtswald sind es 38 Hektar, die aufgrund extremer Bedingungen aus der Nutzung genommen werden.

Habichtswald – Was passiert mit den Flächen, auf denen noch vor drei Jahren Fichten standen und die nun kahl sind? Kahl, weil – begünstigt durch die Trockenheit – Borkenkäfer die Nadelbäume dahingerafft haben. Jeder Waldbesitzer muss auf die Frage seine eigene Antwort finden. Die einen forsten auf, setzen bei kleinen Flächen auf Naturverjüngung oder überlassen den ausgedünnten Wald sich selbst. Auch die Gemeinde Habichtswald stand jetzt vor dem Problem.

Die Fläche „Am Friedrichstein“ in Dörnberg ist mit einem Hektar zwar eher klein, doch Fichten gibt es dort kaum noch. Hessen Forst hat die Bäume gefällt, eine Vermarktung war nach Angaben der Gemeindeverwaltung nicht möglich. Das Parlament beschloss mit SPD-Mehrheit, das Gelände der Sukzession zu überlassen. Mit anderen Worten: Die Natur selbst soll für die Rückkehr von Pflanzen sorgen, die sich an dem Standort wohlfühlen. Mit dieser Entscheidung überhaupt nicht wohl fühlten sich die Fraktionen von CDU, Grünen und WGH – sie lehnten den Vorschlag ab und sprachen sich stattdessen für eine Aufforstung aus. WGH-Fraktionsvorsitzende Dr. Anna Kuntzsch forderte eine nachhaltige forstliche Nutzung und somit, wenn auch nur in geringem Maße, „eine gewisse Wertschöpfung“ auf der Fläche. Landesweit würden kahle Flächen wieder aufgeforstet, sagt SPD-Fraktionsvorsitzende Petra Voß. Und an vielen Stellen sei das auch sinnvoll, allerdings nicht am Friedrichstein.

Nicht weit von dem ehemaligen Fichtenbestand „Am Friedrichstein“ befindet sich viele weitere, deutlich größere Flächen. Bei ihnen handelt es sich um Bestände, die nicht regelmäßig bewirtschaftet werden – sogenannte WarB-Flächen (Wald außer regelmäßigem Betrieb). Diese Bereiche machen etwa ein Viertel am nur 140 Hektar großen Kommunalwald aus. Sie sind gekennzeichnet durch steile Lagen, die nur schwer zugänglich sind. Zudem ist der Boden sehr felsig und mitunter recht trocken. Die mäßigen Standortbedingungen sorgen für ein schlechtes Wachstum der Bäume, der Stammdurchmesser von 120 Jahre alten Buchen beträgt etwa 30 Zentimeter. Nur alle fünf Jahre werde nach Auskunft der Verwaltung auf den WarB-Flächen Holz geerntet. Der Erlös sei mit etwa 1000 Euro eher bescheiden.

Der ehemalige Fichtenbestand, von dem nur noch einzelne Nadelbäume übrig sind, wird sich selbst überlassen.

Und weil der Eingriff an den Steilhängen unwirtschaftlich ist, soll nun die Nutzung komplett eingestellt werden. Die Idee der Habichtswalder Verwaltung: Wertvolle Ökopunkte für die sukzessive Stilllegung der Flächen sammeln und diese bei künftigen Bauvorhaben einlösen. Nach Rücksprache mit der Unteren Naturschutzbehörde und Hessen Forst seien pro Quadratmeter sechs Ökopunkte in Aussicht gestellt worden, hochgerechnet auf die betroffenen 38 Hektar wären das 2,28 Millionen Punkte.

Die Mehrheit im Parlament stimmte dem Vorschlag zu. Doch es gab auch acht Gegenstimmen, vor allem von der Wählergemeinschaft und den Grünen. WGH-Fraktionschefin Kuntzsch rechnete vor, dass mit der Währung Ökopunkte in der vorgestellten Größenordnung 15 Hektar Ackerfläche versiegelt werden könnten. Das Problem sei jedoch: Der Schaden, der durch Bebauung angerichtet werde, müsse laut Gesetz in „gleichartiger und gleichwertiger Weise“ beglichen werden. „Wenn wir jedoch 15 Hektar Ackerland versiegeln und diesen Eingriff mit einem bestehenden, intakten Wald auszugleichen versuchen, dann passt da was nicht.“ Dann sei immer noch die gleiche Menge Boden unwiederbringlich seiner Funktion beraubt. „Und eine Feldlerche wird auch nicht vom Bodenbrüter im Offenland zu einem Waldbewohner“, sagt Kuntzsch. Es dürfe nicht sein, dass es, wie im Falle der WarB-Flächen, Ausgleichsmaßnahmen für lau gebe. Die Grünen schlossen sich der Argumentation von Anna Kuntzsch an.

Gegenwind gab es von der SPD-Fraktion. „Wir sollten uns nicht an den Ökopunkten aufhängen“, sagte deren Vorsitzende Petra Voß. Die Entscheidung bedeute nicht, dass die Gemeinde nun beginne, 15 Hektar Land zu versiegeln. Nicht nur in Habichtswald, in ganz Hessen bemühe man sich darum, mehr Wald sich selbst zu überlassen. Wenn sich die Bewirtschaftung nicht lohne, biete es sich doch an, auf Eingriffe zu verzichten. „Dann geben wir dem Wald etwas zurück.“ (Antje Thon)

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