Praxisleitfaden in Habichtswald 

Schutz des Artenreichtums: Mehr Blumen zwischen den Feldern

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Die Wegränder zwischen den Feldern bei Dörnberg sind artenarm grün: Klaus Fröhlich glaubt, dass sich das innerhalb weniger Jahre ändern ließe. Dafür dürften die Raine maximal zwei Mal pro Jahr gemäht werden. Das Mähgut muss entfernt werden. Die Landwirte dürften nicht über die Grenzen ihre Flächen hinaus düngen und müssten konsequent einen Streubegrenzer nutzen. Auch müsse der Eintrag von Herbiziden und Pestiziden verhindert werden. 

Der Artenreichtum geht zurück. Dort, wo auf Wegrändern vor einigen Jahren noch Margeriten, Mohn und Wegwarte blühten, breiten sich grüne, nährstoffreiche Wiesen aus, die mehrfach im Jahr gemulcht werden. Diesen Trend will Klaus Fröhlich aus Dörnberg umkehren und zwar im gesamten Landkreis Kassel.

Für seine Heimatgemeinde Habichtswald haben er und Ex-Landrat Dr. Udo Schlitzberger einen Praxisleitfaden erstellt und allen Gemeindevertretern, 24 Landwirten und etwa 30 Naturschutzinteressierten zur Verfügung gestellt. 

Von der Resonanz ist Klaus Fröhlich überrascht. Positive Rückmeldungen auf seinen 32 Seiten umfassenden Praxisleitfaden für mehr biologische Vielfalt in der Gemarkung Habichtswald habe er einige bekommen.

„Das Thema geht alle an“, sagt der Ruheständler und frühere Autoverkäufer. Aus allen drei im Habichtswalder Parlament vertretenen Fraktionen – SPD, CDU und Wählergemeinschaft – habe er die Botschaft erhalten, sich des Themas Artenvielfalt und Naturschutz annehmen zu wollen.

Klaus Fröhlich und Dr. Udo Schlitzberger kamen auf Umwegen dazu, sich mit Feldwegen und deren Potenzial für mehr Biodiversität im Landkreis Kassel zu befassen. Beide teilen die Leidenschaft für die Geschichte der Region. Seit mehreren Jahren betreiben sie Altstraßenforschung und spüren auf, wie früher die Orte miteinander verbunden waren. Ein Erbe der jüngeren hessischen Geschichte ist ein kleinräumiges, engmaschiges Wegenetz, welches die Landschaft erschließt. Und darin, so Fröhlich, unterscheide sich Hessen maßgeblich von Ostwestfalen und Südniedersachsen.

In Niedersachsen und Westfalen wurde früher anders vererbt als in Hessen. Dort ging der gesamte Hof oftmals an den Erstgeborenen über. In Hessen hingegen galt die Realteilung; im Erbfall wurden die Grundstücke geteilt. Die Preußen sorgten Ende des 19. Jahrhunderts für eine Flurbereinigung und Verkoppelung, in deren Folge ein detailliertes Wegenetz entstand, das sich heute in Besitz der Kommunen befindet.

Und daraus ergibt sich aus Sicht Fröhlichs eine enorme Chance für den Landkreis Kassel: Die Kommunen hätten es selbst in der Hand, einen wertvollen Beitrag für mehr Artenvielfalt zu leisten. Die Stadt Bamberg bearbeite die Feldwege und Hecken seit 20 Jahren insekten- und pflanzenfreundlicher. 

Ein Vergleich der Artenzahl in den Jahren 1999 und 2013 bescheinige eine positive Veränderung. Aus 320 Farn- und Blütenpflanzen wurden 454. Der Dörnberger geht davon aus, dass bereits drei bis vier Jahre nach Umstellung der Bearbeitungsmethode erste Erfolge in der Natur sichtbar würden.

Auf das Mulchen soll nach Auffassung der Autoren komplett verzichtet werden. Beiden ist klar, dass damit ein höherer Arbeitsaufwand und auch höhere Kosten verbunden seien. Denn in einem ersten Schritt würden die Wiesen gemäht, und zwar frühestens im Juli. In einem zweiten müsse das Mähgut nach zwei bis drei Tagen wieder eingesammelt werden.

Ein Umdenken müsse auch bei den Hecken erfolgen. Während diese früher auch wirtschaftlich genutzt wurden, seien sie heute vor allem Lebensraum für Insekten, Vögel und Kleinsäuger. Das vielerorts praktizierte Abschrubben der Hecken sei überhaupt nicht erforderlich.

Um das Wegeprofil zu erhalten, genüge ein Zurückschneiden. Weder müssten die Pflanzen auf den Stock gesetzt, noch in ihrer Höhe gekappt werden.

Weitere Broschüren beim Landkreis Kassel

In zahlreichen Kommunen gibt es Bemühungen, die Wegsäume artenreicher zu gestalten und deren Pflege zu verbessern. 

Im Altkreis Kassel wurde diese Aufgabe an den Zweckverband Raum Kassel (ZRK) übertragen. Städte und Gemeinden aus dem Wolfhager Land sind nicht Mitglied des ZRK. Allerdings ist jetzt eine Broschüre erschienen mit dem Titel „Empfehlungen zur Nutzung und Pflege der Feldwege und Säume“, die neben dem ZRK auch der Landkreis Kassel und der Zweckverband Naturpark Habichtswald herausgegeben haben.

 Darin geht es ebenfalls um Schutz und Förderung der bedrohten Artenvielfalt in der offenen Kulturlandschaft. Erhältlich ist die Broschüre in den Dienststellen des Landkreises und dem Naturparkzentrum Habichtswald.

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