Tempo drosseln, Hunde anleinen

Nabu-Stiftung fordert mehr Rücksicht im Schutzgebiet Seilerberg bei Ehlen

Schäfer Reinhard Markon mit seiner Herde und den Schutzhunden im Pferch am Seilerberg. Dort kümmert er sich im Auftrag der Nabu-Stiftung um die Landschaftspflege im Schutzgebiet.
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Schäfer Reinhard Markon mit seiner Herde und den Schutzhunden im Pferch am Seilerberg. Dort kümmert er sich im Auftrag der Nabu-Stiftung um die Landschaftspflege im Schutzgebiet.

Die Vorzüge des Seilerberges hat nicht nur die Nabu-Stiftung Hessisches Naturerbe erkannt, als sie die Fläche vor einigen Jahren vom Bundesforst übernahm, um dort seltene Tier- und Pflanzenarten zu schützen.

Ehlen - Das 183 Hektar große Areal übt auch auf Wanderer, Jogger und Radfahrer eine gewisse Strahlkraft aus. Und weil Naturschutz und Freizeitgestaltung nicht unbedingt die gleiche Sache sind, kommt es regelmäßig zu Konflikten. Diese haben seit der Coronakrise zugenommen, weil mehr Menschen in der Natur unterwegs sind.

Deshalb haben nun Dina Schmidt, Geschäftsführerin der Nabu-Stiftung in Wetzlar, und Bernd Enders, einer von mehreren Schutzgebietsbetreuern vor Ort, ihren Appell erneuert, sich im Schutzgebiet an die Regeln zu halten, die auf Schildern an allen acht Eingängen in das Fauna-Flora-Habitat (FFH-Gebiet) veröffentlicht sind. Die Verhaltensweisen dienen der Rücksicht auf einerseits Schafe und Ziegen sowie andererseits auf die Schutzhunde, die ihre Herde bewachen (Hintergrund). Im Prinzip geht es darum, an der Herde von Schäfer Reinhard Markon, die das gesamte Jahr über das Schutzgebiet beweidet, langsam vorüberzugehen und die Hunde ungestört ihre Arbeit verrichten zu lassen.

Die meisten Besucher am Seilerberg würden sich rücksichtsvoll verhalten, sagt Enders. Aber es gebe eben auch, um im Bild zu bleiben, ein paar schwarze Schafe. Sie reagierten auf Ansprache aggressiv, „den langen Mittelfinger bekommt man häufiger zu sehen“. Zuletzt seien Schranken demoliert worden, die ein Befahren der Wege im Schutzgebiet verhindern sollen. Besucher liefen querfeldein oder auf alten Pfaden, die nicht die seien, die die Nabu-Stiftung freigegeben habe. Radfahrer würden mit hohem Tempo die geschotterten Wege hinabbrettern. „Die können mitunter nicht sehen, wo sich die Herde befindet“, sagt Enders.

Schäfer Markon pflichtet ihm bei. Die Tiere bewegten sich frei auf der Fläche, mitunter stünden auch mal einige auf dem Weg oder auf der anderen Seite des Weges. Nicht nur, dass das hohe Tempo die Herde beunruhige und aufschrecke. Die Gefahr für Radfahrer sei zudem groß, mit einem der Tiere zu kollidieren. Hinzukomme, dass die Pyrenäenberghunde, deren Aufgabe der Schutz der Herde ist, auf potenzielle Bedrohungen reagierten. Und Bedrohungen sind für sie unter anderem: hohe Geschwindigkeiten und Menschen, die sich der Herde nähern.

Ähnlich verhält es sich mit Hunden, die von ihren Besitzern nicht an der Leine geführt werden. Wie der Habichtswalder Hundetrainer Arne Winkler sagt, interessierten sich die freilaufenden Vierbeiner bei Begegnung mit der Herde für ihre Artgenossen. Je näher Hund und Mensch dem Pferch kommen, in dem die Nutztiere die Nacht verbringen, desto aggressiver reagieren die Herdenschutzhunde. Das zeigt sich im Verbellen der vermeintlichen Gefahr. Schäfer Markon schätzt die Anzahl derartiger Begegnungen auf bis zu zehn allein an den Wochenenden.

Besonders heikel sei die Situation in der Lammzeit von April bis Juni. Der Nachwuchs sei dann nah bei der Mutter. Würden die Schafe durch Hunde gestresst, gingen die Muttertiere mit den Vorderläufen in die Verteidigung. „Dabei kommt es immer wieder vor, dass Lämmer am Kopf getroffen werden und sterben“, sagt der 55-Jährige, der von der Nabu-Stiftung beauftragt ist, mit seiner Herde die Landschaft zu pflegen und die Wiesen kurz zu halten. Doch damit nicht genug. Kämen dann Besucher vorbei und entdeckten ein totes Lamm, dann machten sie ihm Vorhaltungen, er würde seine Tiere nicht gut behandeln.

Als Schäfer müsse man ein breites Kreuz haben, sagt Markon, der keine Möglichkeit hat, Menschen, die die Verhaltensregeln missachten, zur Rechenschaft zu ziehen. Radfahrer hätten nun Mal keine Kennzeichen an ihrem Freizeitgefährt, auch könne er Besucher nicht zur Herausgabe ihrer Personalen drängen. Markon wünscht sich mehr Respekt. Er kenne seinen Job, habe ihn von der Pike auf gelernt. „Wenn ich ein Lamm mit dem Fuß in eine Richtung treibe, ist das okay. Da muss niemand mit dem Tierschutz kommen.“

Und für die Herdenschutzhunde sei es wichtig und richtig, dass sie Zeiten im Hänger verbringen. Das bestätigt auch Hundekenner Arne Winkler. Die seien gar nicht in der Lage, Pausen in Sichtweite der Schafe einzulegen. Sobald die ihre Herde erblickten, würden sie in den Arbeitsmodus schalten und dann sei es mit der erforderlichen Auszeit für die Hunde vorbei.

Verhaltensregeln im FFH-Gebiet Seilerberg

  • An der Herde sollte langsam vorbeigegangen und nicht gejoggt werden.
  • Radfahrer werden aufgefordert, vom Rad abzusteigen und das Rad schiebend an der Herde vorbeizuführen.
  • Hundebesitzer sollen ihre Hunde an die kurze Leine nehmen.
  • Zur Herde soll Abstand gehalten und die Weide nicht betreten werden.
  • Grundsätzlich sollten alle Besucher auf den Wegen bleiben. (Antje Thon)

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