1. Startseite
  2. Lokales
  3. Wolfhagen

Hilfskonvoi fährt an die ukrainische Grenze – 30 Flüchtlinge sind im Landkreis in Sicherheit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Bea Ricken

Kommentare

30 ukrainische Flüchtlinge sind im Landkreis in Sicherheit
30 ukrainische Flüchtlinge sind im Landkreis in Sicherheit © Bea Ricken

Eine Helfergemeinschaft aus dem Landkreis Kassel transportiert Hilfsgüter an die ungarisch-ukrainische Grenze und bringt 30 Flüchtlinge in Sicherheit. HNA-Redaktionsleiterin Bea Ricken hat den Transport begleitet.

Kreis Kassel – Es ist vier Uhr in der Frühe, als sich die bunt gemischte Gruppe noch etwas müde am Parkplatz Baunsberg sammelt. In fünf Bussen und einem Pkw sitzen jeweils zwei Fahrer, um die Strecke von rund 1400 Kilometern bewältigen zu können. Am Ende der abenteuerlichen Reise werden 2900 Kilometer mehr auf dem Tacho stehen.

Zielort ist der ungarische Ort Komoró, wo eine ukrainische Organisation die Hilfsgüter in einer Halle sammelt und zweimal am Tag über die Grenze bringt. Große Pausen kann sich die Gruppe nicht erlauben. Die Flüchtlinge aus der Ukraine, die später zusteigen sollen, müssen zu Fuß über die Grenze kommen und rechtzeitig auf den Weg gebracht werden.

Victor aus der Ukraine koordiniert die Hilfe, ein Wolfhager mit ukrainischen Wurzeln steht als Dolmetscher mit ihm in Kontakt und hält die Gruppe auf dem Laufenden. Priorität bei der Verteilung der Plätze haben Menschen, die aus Kiew und anderen Städten kommen, die unter Beschuss stehen.

Hilfsgüter für die Menschen in der Ukraine: Mit fünf Bussen und einem Pkw sind Helfer aus dem Landkreis Kassel an die Grenze gefahren. In einer Halle wurden die Spenden entgegengenommen. Vorn Afshin Abdaollahi aus Wolfhagen, hinten Luisa Ritter aus Altenstädt.
Hilfsgüter für die Menschen in der Ukraine: Mit fünf Bussen und einem Pkw sind Helfer aus dem Landkreis Kassel an die Grenze gefahren. In einer Halle wurden die Spenden entgegengenommen. Vorn Afshin Abdaollahi aus Wolfhagen, hinten Luisa Ritter aus Altenstädt. © Bea Ricken

Über Passau nach Österreich und von dort nach Ungarn

Die Strecke zieht sich wie Kaugummi. Über Passau geht es nach Österreich und von dort Richtung Ungarn. Das mulmige Gefühl in der Magengrube nimmt zu, je näher der Konvoi der ungarisch-ukrainischen Grenze kommt. Nach dem Verlassen der Autobahn geht es über enge Straßen durch ländliches Gebiet.

In Komoró halten die Fahrzeuge vor dem Tor der Logistikfirma, wo sie entladen werden sollen. Die Gruppe ist von Victor angekündigt worden. Ohne diese Anmeldung geht nichts.

Eine Ukrainerin und ein junger Mann aus Ungarn helfen, die Hilfsgüter auszuladen und zu sortieren. Vor allem Medikamente und medizinisches Zubehör kommt bei den beiden gut an. Der Stapel mit Kleidung ist riesig. „Sie haben im Lager auf der ukrainischen Seite inzwischen große Mengen von Kleidung“, erklärt die junge Frau, die etwas Deutsch und Englisch spricht.

Victor erzählt später, dass vor allem medizinisches Material für die verletzten Männer gebraucht wird und Ausstattung für die Zivilisten, die sich melden, um beispielsweise die Flüchtlingstransporte im Landesinnern oder die Dörfer zu verteidigen. Sie kämen nur in Turnschuhen und Sweatshirts an.

Die Geschwister Amina, Marharyta, Kyrylo und Sonya sind quer durch das Kriegsgebiet geflüchtet.
Die Geschwister Amina, Marharyta, Kyrylo und Sonya sind quer durch das Kriegsgebiet geflüchtet. © Bea Ricken

Überall ist es menschenleer, eine bedrückende Atmosphäre

Dann ist es soweit. Über Holperpisten geht es Richtung Grenzübergang. Der Weg führt durch Dörfer. Die Häuser sind verdunkelt, auch hier scheinen die Menschen Angst vor Luftangriffen zu haben. Es ist menschenleer überall, eine bedrückende Atmosphäre, die sich auf die Menschen der Gruppe überträgt.

Der Treffpunkt befindet sich nahe des Grenzübergangs bei Beregsurány. Ein enger, unbefestigter Weg endet an einem gelben Schild „Hilfszentrum“. Es ist gespenstisch still, obwohl immer wieder Autos vorfahren und Flüchtlinge aufnehmen, die über einen spärlich beleuchteten Weg ankommen.

Dann plötzlich Schreie. Ein älterer Ukrainer im primitiven Rollstuhl ist mit seinem Gefährt gestürzt. Einer aus der Gruppe, Afshin Abdaollahi aus Wolfhagen, arbeitet beim Roten Kreuz. Er leistet Erste Hilfe.

Dann ist es soweit, 30 Flüchtlinge kommen über den Weg zu uns. Sie sind blass und frieren, der Weg zu Fuß über die Grenze ist lang. Die Kinder wirken übernächtigt und schauen mit großen Augen auf die fremden Menschen, die ihre Sprache nicht sprechen. Eine Frau namens Alla kann Englisch und hilft bei der Verteilung auf die Fahrzeuge.

Die Fahrtroute durch Österreich, Tschechien, die Slowakei und Ungarn
Die Fahrtroute durch Österreich, Tschechien, die Slowakei und Ungarn © HNA

„Bringt euch in Sicherheit“

Dann geht es zurück durch unwirtliches Gebiet. Alle atmen auf, als das Autobahnschild auftaucht. Während 15 Stunden Fahrtzeit nach Hause werden die Geschichten der Menschen lebendig und das furchtbare Leid des ukrainischen Krieges immer gegenwärtiger. Da ist Amina, eine zarte 19-jährige junge Frau. Mit drei jüngeren Geschwistern, Hund und Katze ist sie quer durch die Ukraine geflüchtet.

Per Handy-Übersetzung erzählt sie ihre Geschichte: Die Mutter ist vor drei Jahren an Krebs gestorben. Der alleinerziehende Vater ist in die Armee einberufen worden. Plötzlich stand sie allein mit den Geschwistern da. „Bringt euch in Sicherheit“, hat der Vater seiner großen Tochter hinterlassen, als er gegangen ist.

Amina und ihre Geschwister kommen aus Kiew und haben die ersten Nächte in einem Keller mit anderen verbracht. Auf dem Boden mit ihren Jacken als Unterlage. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass es keine Bomben und Schießereien mehr gibt, keine Sirenen“, spuckt der Übersetzer aus, alle im Bus weinen heimlich mit ihr.

Auch Hund und Katze sind völlig verängstigt. Die kleineren Geschwister nehmen die Tiere immer wieder in den Arm und suchen Halt. Erschöpft schlafen sie kurze Zeit später ein.

Christoph Rasch und Daniel Matthaei haben die Flüchtlinge aus ihrem Bus direkt zum Bahnhof gebracht. Sonya und Ameliya wollen zu Verwandten.
Christoph Rasch und Daniel Matthaei haben die Flüchtlinge aus ihrem Bus direkt zum Bahnhof gebracht. Sonya und Ameliya wollen zu Verwandten. © Bea Ricken

„Verlasst das Land, gehe zur Kirche, da helfen Dir die Menschen“

Amina kann noch nicht schlafen, zu schwer ist die große Last auf ihren schmalen Schultern. Von Kiew hat sie sich per Zug nach Lemberg durchgeschlagen. Als dort auch die Bomben fielen, ist sie mit einem Transport an den grenznahen Ort Mukatschewe geflüchtet, in der Hoffnung, doch im Land bleiben zu können. Als die Lage unübersichtlicher wurde, schrieb ihr der Vater: „Verlass das Land, gehe zur Kirche, da helfen Dir die Menschen.“

Während Amina immer wieder bei der Fahrt die Tränen über das Gesicht laufen, sitzt im anderen Bus eine Frau mit Zwillingen. Die Kinder sind ebenfalls traumatisiert. Sie wollen nichts essen, nichts trinken und kauern sich auf ihren Sitzen zusammen.

Viele schaurige Gesichter des Krieges offenbaren sich in den langen Nachtstunden, während der Transport in Richtung Deutschland fährt. Mit letzter Kraft und nach der zweiten Nacht ohne Schlaf kommen die Fahrer in Wolfhagen an, wo die Kirche einen kleinen Willkommenstreff organisiert hat.

Start Richtung Ukraine: Oliver Ulloth, Florian Schneider, Michael Kirstein, Christoph Rasch, Daniel Matthaei, Carsten Röhl, Luisa Ritter, Benedict Eberwien, Corinna Gerth, Heiko Weiershäuser und Afshin Abdaollahi.
Start Richtung Ukraine: Oliver Ulloth, Florian Schneider, Michael Kirstein, Christoph Rasch, Daniel Matthaei, Carsten Röhl, Luisa Ritter, Benedict Eberwien, Corinna Gerth, Heiko Weiershäuser und Afshin Abdaollahi. © Bea Ricken

Geflüchtete werden in Wolfhagen und Balhorn untergebracht

Von dort werden die Flüchtlinge bei hilfsbereiten Menschen untergebracht, die sich in großer Zahl im Vorfeld gemeldet hatten. Die Mutter mit Zwillingen ist in Wolfhagen untergekommen. Für ihre Kinder läuft Hilfe an.

Amina und ihre Geschwister sind samt Hund und Katze bei einer erfahrenen Flüchtlingshelferin in Balhorn untergebracht, die die Kinder liebevoll empfängt. Als die Katze endlich aus ihrer Schockstarre erwacht und das Zimmer neugierig erkundet, zeigt Amina plötzlich ein Lächeln, das erahnen lässt wer sie war, bevor ihre Welt, zerbrochen ist: Eine junge Studentin, die Träume und Pläne hatte, die jetzt im Bombenhagel vorerst zerstört sind.

Kontakt für Hilfssuchende beim Landkreis Kassel 0561/1003-1177. Infos und Support für Transportwillige, Wohnungsanbieter ect. unter luisa.ritter97@gmail.com . Bitte Telefonnummer angeben. (Bea Ricken)

Auch interessant

Kommentare