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In einigen Kommunen um Kassel sinkt das Interesse an Bauland

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Von: Antje Thon, Johannes Rützel

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Nachfrage ist zurückgegangen: Derzeit werden die 20 Bauplätze an der Kurfürstenstraße in Wolfhagen vermarktet. Einst gab es mehr als 100 Anfragen, so viele sind es längst nicht mehr. Die Stadt geht aber dennoch davon aus, alle Parzellen verkaufen zu können.
Nachfrage ist zurückgegangen: Derzeit werden die 20 Bauplätze an der Kurfürstenstraße in Wolfhagen vermarktet. Einst gab es mehr als 100 Anfragen, so viele sind es längst nicht mehr. Die Stadt geht aber dennoch davon aus, alle Parzellen verkaufen zu können. © Antje Thon

Hohe Materialkosten und teure Kredite schmälern die Lust am Hausbau. Immer mehr Interessenten springen ab, Gemeinden bieten Bauland immer länger an.

Kreis Kassel – Der jahrelange Boom beim Bau von Eigenheimen scheint nachzulassen. Neben gestiegenen Kosten beim Material sorgen inzwischen auch hohe Zinsen für eine Teuerung von Krediten. Für viele Menschen im Landkreis Kassel wird damit der Traum vom eigenen Häuschen mit Garten unerschwinglich. Banken und auch die ersten Kommunen bekommen die Folgen zu spüren.

Die Anfragen zur Finanzierung von Neubauten seien deutlich zurückgegangenen, sagt Martin Thöne, Vorstand der Raiffeisenbank Hessennord. Wer im kommenden Jahr bauen und dies über Darlehen finanzieren will, müsse sich entsprechend vorher bei einer Bank erkundigen. „Diese Anfragen bleiben aus“, so Thöne, der dafür in erster Linie die hohen Baukosten verantwortlich macht. Die hohe Inflation und steigende Zinsen kämen als weitere Preistreiber hinzu, so der Genossenschaftsbanker. In 35 Berufsjahren erlebe er zum ersten Mal, dass die Bauzinsen innerhalb von neun Monaten von einem auf derzeit vier Prozent gestiegen seien.

„Wir gehen davon aus, dass der Wohnungsbaumarkt vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen erst mal stagniert“, sagt auch Katrin Westphal, Sprecherin der Kasseler Sparkasse. Durch den schnellen Zinsanstieg und die Normalisierung des Zinsniveaus werde die Zinslast für Bauherren steigen. Das werde sich in der Höhe der monatlichen Rate widerspiegeln, benennt Westphal die Folgen der Entwicklung. Auch sie berichtet von einer rückläufigen Nachfrage nach Krediten für Neubauten.

Das sorgt dafür, dass immer mehr Grundstücke verfügbar sind. Der Wolfhager Hauptamtsleiter Kai Liebig berichtet von einer Zurückhaltung unter Kaufinteressenten. „Wir sind auf der Interessentenliste für unser Neubaugebiet schon sehr weit nach unten gegangen.“ Viele Interessenten würden Kaufangebote ablehnen. Wer erst jetzt Pläne für einen Neubau schmiede, dem könne Liebig wahrscheinlich ein Grundstück anbieten.

Auch in Grebenstein sind Interessenten abgesprungen, sagt Bürgermeister Danny Sutor. Es sei durchaus möglich, dass nach Abarbeitung der Warteliste auch Kurzentschlossene noch eine Chance auf ein Grundstück haben. Auch der Vellmarer Kämmerer Karsten Milzarek-Staub geht davon aus, dass die Vermarktung von Bauland ab Januar 2023 nicht so schnell wie in früher gehen wird.

Kredite werden teurer

Die Teuerungen schlagen durch bis zu den Kreditinstituten in der Region. Während einerseits das Interesse an Baudarlehen zurückgehe, gebe es nun vermehrte Nachfragen für Nachfinanzierungen, sagt Martin Thöne. Der Vorstandschef der Raiffeisenbank Hessennord führt das darauf zurück, dass durch die Kostensteigerungen in verschiedenen Lebensbereichen hier und da Finanzierungslücken entstehen. Die Bank hat reagiert und die Kreditvergaberichtlinien verschärft. Wer ein Darlehen in Anspruch nehmen möchte, müsse bedingt durch die gestiegenen Lebenshaltungskosten mehr Finanzierungsspielräume nachweisen – etwa durch mehr Eigenkapital, das bei der Finanzierung einer Immobilie berücksichtigt wird.

Auch bei der Stadtsparkasse Grebenstein würden Baufinanzierungen derzeit viel weniger nachgefragt, sagt Vorstandsvorsitzender Ralf Patock. Für die Bauherren, die sich aktuell mit einem Neubau befassen, seien die Zinskonditionen deutlich angestiegen, seit Jahresbeginn hätten sie sich mehr als verdoppelt. „Für die kommenden zwei bis drei Jahre werden wir eine Verschärfung erleben bei der Kreditfinanzierung“, sagt er. Alleine durch aufsichtsrechtliche Maßnahmen wie erhöhte Eigenkapitalanforderungen und neue Kreditstandards würden die Verschärfungen zwangsläufig eintreten. „Gerade in dieser Zeit spielt unsere Stärke, nah an den Kunden zu sein, eine große Rolle, um die Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen“, so Ralf Patock.

Die Wartelisten der Gemeinden für Bauland sind lang. Doch derzeit nehmen immer weniger Interessenten Kaufangebote an.

Seit vier Wochen werden 20 Grundstücke im Baugebiet an der Kurfürstenstraße in Wolfhagen zum Kauf angeboten. „Erste Kaufverträge wurden schon geschlossen“, berichtet Hauptamtsleiter Kai Liebig. Im Vergleich zum Baugebiet an der Herderstraße, das 2019 auf den Markt gebracht wurde, brauchen die Vertragsabschlüsse aber deutlich länger. Über 100 Personen hatten sich in den vergangenen Jahren auf der Warteliste eingetragen, viele würden aber nun zurückziehen. Liebig ist sich dennoch sicher, dass die Stadt alle Parzellen los wird. Die Grundstücke seien schließlich attraktiv, wie er sagt.

Seit über zwei Jahren ist das Baugebiet Wassergraben in Grebenstein in Planung. Auf 24 Grundstücke kamen hier etwa 60 Bewerber, berichtet Bürgermeister Danny Sutor. Das Vergabeverfahren begann erst vor wenigen Tagen, am 28. Oktober. Vergeben werden soll nach einem Punktesystem, doch ob es wirklich angewendet werden muss, ist fraglich. Vor allem die Nachfrage nach Renditeobjekten habe nachgelassen, beobachtet der Bürgermeister. Ein Interessent, der ein Haus zur Vermietung bauen wollte, habe schon zurückgezogen.

In anderen Gemeinden rechnet man auch in Zukunft mit einer anhaltenden Nachfrage nach Bauland, weil es viel mehr Interessenten als Grundstücke gibt. In Vellmar-Nord werden ab Januar kommenden Jahres 150 Bauplätze zum Verkauf angeboten. Die Parzellen werden als Energie-Plus Quartier vermarktet, das heißt, dass das Wohngebiet einmal mehr Energie erzeugen als verbrauchen soll. Dafür gebe es 3000 Interessenten – manche Menschen stünden schon seit 1995 auf der Liste, was der Kämmerer Karsten Milzarek-Staub außergewöhnlich findet.

In Baunatal werden derzeit keine Baugrundstücke angeboten, teilte Sprecherin Susanne Bräutigam mit. Die Nachfrage nach Bauland sei aber konstant hoch. Im vergangenen halben Jahr habe man durchschnittlich acht Anfragen pro Monat registriert.

Auch in der Gemeinde Fuldabrück gibt es noch viele Interessenten. Das Baugebiet Südliche Schulstraße besteht aus etwa 70 Bauplätzen. Die Vergabe unter den rund 500 Interessenten beginnt im kommenden Jahr.

Monatliche Belastung steigt

Wer sich bei seiner Bank Anfang des Jahres Geld geliehen hat, kam noch relativ günstig dabei weg. Bei einem Zinssatz von einem Prozent und einer Darlehenssumme über beispielsweise 300 000 Euro, zahlte man dafür pro Jahr 3000 Euro oder monatlich 250 Euro Zinsen – zuzüglich zum Abtrag. Bei einem Zinssatz von vier Prozent wächst die jährliche Zinslast auf 12 000 Euro (1000 Euro pro Monat) – hinzukommen die monatlichen Tilgungsraten. VON ANTJE THON UND JOHANNES RÜTZEL

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