„Wären mit 75 Prozent zufrieden“

Internetverbindung im Wolfhager Land zu langsam: ACO-Kunden kritisieren Anbieter

Unzufrieden: Mario Gerstner (von links), Mike Pietsch und André Geddert vor einem Verteilerkasten ihres Anbieters ACO-connect in Wenigenhasungen. Kündigen möchte keiner von ihnen – die bezahlte Internetleistung schon. Foto: Herwig

Wolfhager Land. Die Forderung klingt bescheiden: 75 Prozent der gebuchten Internetgeschwindigkeit würde einigen ACO-Kunden schon reichen, die sich auf Facebook zusammengefunden haben.

„ACO-connect: unser Provider?!“ heißt die Gruppe – die Betonung liegt auf dem Fragezeichen. Ihre rund 200 Mitglieder kommen aus dem gesamten Versorgungsgebiet des Kasseler Unternehmens, von Helsa bis Baunatal.

Das vorherrschende Gefühl in der Gruppe ist: Es kommen weit weniger als 75 Prozent beim Kunden an. „Beim Alltagssurfen gibt es selten Probleme“, schränkt Mitglied Mario Gerstner aus dem Wolfhager Stadtteil Wenigenhasungen zwar ein. Spürbar sei die langsame Verbindung aber bei anspruchsvollerer Internetnutzung: bei Streamingdiensten, beim Spielen im Internet, selbst beim Schauen von Videos auf YouTube. Er zahle für eine Leitung, die bis zu 50 Megabit pro Sekunde liefern sollte, rund 60 Euro im Monat – diese Geschwindigkeit habe er bisher nicht annähernd erreicht.

„Es gibt starke Schwankungen bei den Leistungstests“, sagt auch Gruppenmitglied Mike Pietsch, der selbst in der Telekommunikationsbranche tätig ist. Die Chronik der Facebook-Gruppe ist voll mit Aufnahmen von sogenannten Speedtests, mit denen die geringe Geschwindigkeit der Verbindung dokumentiert werden sollen. Stellenweise werden nur zehn Prozent der bezahlten Leistung gemessen. Bei ACO stoßen die Kunden mit diesen Belegen jedoch auf taube Ohren (siehe Artikel links). Sie lassen daher ihrem Unmut auf Facebook freien Lauf: „Weder Amazon noch iTunes lässt mich einen Film oder Serie schauen...und dafür zahle ich 60 Euro im Monat“, schreibt Kunde Sascha Damm aus Baunatal wütend. Viele Einträge klingen ähnlich.

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Von ACO komme bei Beschwerden schon einmal die Rückmeldung: Wer nicht zufrieden ist, solle doch kündigen, sagt der Grebensteiner André Geddert. Das sei vor allem dann problematisch, wenn es in den Ortsteilen keine Alternative durch andere Anbieter gebe. Und es gehe ja auch nicht immer nur ums Vergnügen: Er sei auch beruflich auf eine zuverlässige Internetverbindung angewiesen und arbeite von zu Hause aus.

Nur auf den Anbieter schimpfen will man in der Gruppe aber nicht: „Wir sind alle froh und dankbar, dass ACO ausgebaut hat“, sagt Geddert, „wir wollen nicht kündigen und nichts billiger.“ Nur die Leitung solle funktionieren wie zugesagt. Die Forderung also? „MddG: macht, dass das geht“, sagt André Geddert. Und das die Kunden mit ihren Bedenken ernst genommen werden.

Im Zuge der Hessischen Breitbandinitiative hatte ACO zwischen 2009 und 2012 rund fünf Millionen Euro investiert. Laut ACO seien seitdem bis Ende 2016 weitere 800 000 Euro in das Netz geflossen. Derzeit setzte man weitere Erweiterungen für einen sechsstelligen Betrag um, die für eine Verdopplung der Bandbreite sorgen sollen. Die Arbeiten werden bis zum Herbst abgeschlossen sein, heißt es von ACO.

Das sagt die Bundesnetzagentur

Der Geschwindigkeitstest des eigenen Internetzugangs über die sogenannte Breitbandmessung der Bundesnetzagentur soll es Kunden erlauben, die tatsächliche Datenübertragungsrate ihres Breitbandanschlusses mit der vertraglich vereinbarten zu vergleichen. So steht es auf der Internetseite der Bundesnetzagentur. „Eine einzelne Messung genügt nicht“, sagt Michael Reifenberg, Sprecher der Bundesnetzagentur. Die Qualität der Internetverbindung hänge von vielen Bedingungen ab, nicht immer sei der Provider schuld. Um einen Gesamteindruck der Internetgeschwindigkeit zu gewinnen, müssen daher mehrere Messungen zu verschiedenen Zeitpunkten durchgeführt werden. Der gemessene Wert gebe dann allerdings die Geschwindigkeit der Verbindung zum Messzeitpunkt korrekt wieder. 

Das sagt der Geschäftsleiter der ACO Computerservice

Die Firma ACO Computerservice aus Kassel steht in der Kritik: Rund 200 Kunden haben sich auf Facebook zu einer Gruppe zusammengefunden, um ihrem Unmut Luft zu machen. Auch auf mehrfache Nachfrage kam ein persönliches Gespräch mit der ACO-Geschäftsleitung nicht zustande: Das sei in absehbarer Zeit aufgrund von Urlaub und Auslandsaufenthalt nicht möglich. Der Austausch fand per E-Mail statt.

Herr von Friedeburg, ist ihnen die Facebook-Gruppe bekannt und verfolgen Sie die Einträge dort?

Klaus Peter von Friedeburg: Ja, diese Gruppe ist uns bekannt und wird im Rahmen normaler Marktbeobachtung auch gelesen. In unserer Wahrnehmung müssen wir allerdings auch feststellen, dass dort sehr viel nicht substanziiertes Zeugs geschrieben wird. Die wirklich interessanten Beiträge einzelner Nutzer rücken dabei leider in den Hintergrund. Vielfach sind es leider Kunden, die in Uneinsichtigkeit ihrer eigenen Fehler dort ihren Frust abladen. Und es existieren dort Teilnehmer, die definitiv nicht zu unserem Kundenkreis gehören, jedoch dort mit der Zielintention schreiben, mögliche Interessenten von einem Vertragsabschluss abzuhalten beziehungsweise eigene wirtschaftliche Interessen verfolgen. Also zusammenfassend: Ein recht unseriöser Haufen, den wir – obgleich die Intention der Gruppengründer mit Sicherheit sehr ehrbar war – leider nicht wirklich ernst nehmen können.

Auch in den Rathäusern gibt es Sorgen wegen eines Zwei-Klassen-Internets.

Von Friedeburg: Wir haben wahrgenommen, dass die Verwaltungen und politischen Gremien die Befürchtung haben, dass zukünftig die von ACO erschlossenen Ortsteile gegenüber der erst noch zu errichtenden Infrastruktur der Breitband Nordhessen GmbH nachteilig hinsichtlich der technischen Leistungsfähigkeit dastehen könnten. Diese Befürchtungen halten wir für nicht gegeben, zumal bereits mehr als 170 Kilometer unseres Netzes in Glasfaserverbindungen ausgeführt sind. Bereits im September 2016 haben wir allen Bürgermeistern schriftlich mitgeteilt, dass wir auch künftig zu unserem Versorgungsauftrag und der Weiterentwicklung des Netzes stehen.

Viele Kunden belegen ihre Kritik mit Speedtests der Bundesnetzagentur.

Von Friedeburg: Da im Internet angebotene sogenannte Speedtests ungeeignet sind, die Anschlussgeschwindigkeit eines DSL-Anschlusses zu ermitteln, werden diese, uns immer wieder vorgelegten „Messungen“, auch nicht akzeptiert. Anhand der DSL-Statusseite des Anschlussrouters ist sehr leicht, festzustellen, mit welcher Anschlussgeschwindigkeit das Gerät verbunden ist. 

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