Kellerforschung

Unterwegs in Naumburgs Unterwelt: Verborgene Stufen in der Wand

Blick in den freigelegten Zugang: (von links im Uhrzeigersinn) Paul Bächt, Uwe Bächt, (Mitte) Michael Loskant, Arnold Gemeine, Otto Wendt unten rechts: Helmut Wenzel. Fotos: Norbert Müller

Naumburgs Unterwelt ist voller Geheimnisse. Schritt für Schritt versuchen die Mitglieder des Geschichtsvereins und des Fördervereins Altstadt Naumburg, ihnen auf die Spur zu kommen.

Bei ihrer Arbeit erleben die Naumburger Hobbyforscher immer wieder neue Überraschungen. So auch im spätmittelalterlichen Keller im Haus Kirchstraße 3.

Der steinalte Gewölbekeller ist einer von 71, die Michael Loskant vom Geschichtsverein mittlerweile dokumentiert hat. Vor gut zwei Jahren hat der pensionierte Lehrer mit seiner Arbeit begonnen, hat die Keller aufgemessen, fotografiert und auch Besonderheiten, die ihm bei seinen Besuchen aufgefallen sind, festgehalten.

Auch im Haus an der Kirchstraße entdeckte er Außergewöhnliches: In der Struktur der nördlichen Stirnwand fehlte in einem Teilbereich die Gleichmäßigkeit des übrigen Mauerwerks. Dort, so schien es, war nachträglich vermutlich ein Durchgang verschlossen worden.

Nachdem der Hausbesitzer seinen Segen gegeben hatte, rückte auch schon ein Trupp ehrenamtlicher Helfer an. Mit dabei auch Michael Loskant und Steinmetzmeister Uwe Bächt, der ebenfalls Mitglied in den beiden beteiligten Vereinen ist.

Mit Hammer, Meißel, Schaufeln und Eimern stieg die Gruppe durch eine Holzluke in diesen ganz besonderen Keller im Herzen der Altstadt. Besonders deshalb, weil er noch von der Straße zugänglich ist und deutlich tiefer im Hang liegt, als die anderen Gewölbe.

Über 15 uralte Stufen ging es hinunter in eine Welt, die noch aus den frühen Jahren Naumburgs stammt. Und dort, wo die Treppe endet, befindet sich ums Eck der verschlossene Bogendurchgang, von dem niemand wusste, wohin er führt und was sich hinter dem Mauerschluss verbirgt. Aber um genau das herauszufinden, war man ja an diesem Vormittag gekommen.

Nachdem der erste Stein aus der Mauer gelöst war, ging es ganz flott. Der historische Bogendurchgang aus der Zeit weit vor dem Stadtbrand des Jahres 1684 war freigelegt. Aber dahinter gab es keinen Hohlraum, sondern komprimiert Schutt und Gestein. Das galt es nun zu beseitigen. Mit Schaufel, Hacke und Kelle wurde die Füllung herausgeschafft, mit aller Vorsicht, schließlich wusste man nicht, wie viele Kubikmeter dort am Ende darauf warteten, in Richtung Bautrupp zu rutschen.

Dosiert wurde abgeräumt und dabei Sandsteinstufe um Sandsteinstufe freigelegt. Vom nur 60 Zentimeter breiten Durchgang ging es rechtsdrehend nach oben. Im Schutt tauchten immer wieder Keramikscherben auf und Reste anderer Gebrauchsgegenstände, sogar zwei alte Lederschuhe mit genagelter Sohle. Inzwischen weiß man auch, wie alt die antiken Treter sind: Ein Schuhmachermeister tippte auf ein Alter zwischen 100 und 150 Jahren, so Bächt.

Zehn Stufen legten die Geschichtsinteressierten frei, laut Steinmetzmeister Bächt führten diese, wie Beispiele andernorts zeigten, direkt in die Küche. Bei einem Umbau – vermutlich in der Zeit um den Ersten Weltkrieg – wurde zunächst im Keller der Durchgang vermauert, dann von oben Schutt aufgefüllt und darauf eine Estrichdecke gesetzt. Seither gibt es nur noch den Zugang von der Straßen in den Gewölbekeller. Über den schaffte der fleißige Arbeitstrupp gut zwei Kubikmeter Schutt in Freie.

Spätestens am Tag der offenen Keller Ende Dezember soll der freigelegte Kellerzugang der Öffentlichkeit präsentiert werden.

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