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Kleine Sensation in Naumburgs Altstadt

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Von: Norbert Müller

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Typisch gotisch: Das frühere städtische Brauhaus an der Kirchstraße – hier die nach Nordosten ausgerichtete Giebelseite – dürfte in seinen wesentlichen Teilen aus der Zeit vor dem Stadtbrand stammen.
Typisch gotisch: Das frühere städtische Brauhaus an der Kirchstraße – hier die nach Nordosten ausgerichtete Giebelseite – dürfte in seinen wesentlichen Teilen aus der Zeit vor dem Stadtbrand stammen. © Norbert Müller

Legende widerlegt: Der Geschichtsverein kommt mehreren Häusern auf die Spur, die den Stadtbrand von 1684 überstanden.

Naumburg – Ein wichtiges Kapitel der Naumburger Stadtgeschichte muss wohl umgeschrieben werden. Es betrifft den großen Stadtbrand von 1684. Nach Recherchen des Naumburger Geschichtsvereins ist die alte Erzählung, dass nur ein einziges Haus die Brandkatastrophe überstanden habe, nicht länger zu halten. Bei einem Rundgang machten sich die Vorstandsmitglieder mit dem Kasseler Kunsthistoriker Dr. Thomas Wiegand und weiteren interessierten Gästen auf die Pirsch durch die Naumburger Altstadt, um sich Verdachtsfälle näher anzusehen.

Auf den ersten Blick unscheinbar: Der durchgehende Eckständer links und der Firstständer im Giebel sprechen dafür, dass das Haus am Roten Rain vor 1684 erbaut wurde.
Auf den ersten Blick unscheinbar: Der durchgehende Eckständer links und der Firstständer im Giebel sprechen dafür, dass das Haus am Roten Rain vor 1684 erbaut wurde. © Volker Knöppel/nh

Die Vermutung, dass einiges an Material die Feuerwalze überstanden habe und beim Wiederaufbau verwendet wurde, gab es schon etwas länger. Und der Verdacht erhärtete sich während der seit 2018 laufenden Forschungsarbeiten zu den Gewölbekellern in der Altstadt, die federführend von den Vorstandsmitgliedern Michael Loskant und Uwe Bächt geleitet werden.

Alter Schmuck: Das Beschlagmuster an diesem Balken ist typisch für die Renaissance.
Alter Schmuck: Das Beschlagmuster an diesem Balken ist typisch für die Renaissance. © Müller, Norbert

Auch beim Abbruch eines Hauses an der Unteren Straße fand sich ein deutlicher Hinweis auf die Zweitverwendung von Bauelementen: Dort wurde ein Balken mit Inschrift quer eingebaut gefunden.

Und so stand dann beim Rundgang auch die Geschichte des alten blinden Mannes auf dem Prüfstand, der während des Infernos in seinem Haus am Roten Rain zurückblieb und ununterbrochen gebetet haben soll, wodurch letztlich tatsächlich sein Haus als einziges von den Flammen verschont geblieben sei. Eine alte Überlieferung, die man sich bis heute erzählt.

Auf dem Weg zum Standort dieses Hauses rief Geschichtsvereinsvorsitzender Dr. Volker Knöppel die Fakten des Brandes in Erinnerung: Am 9. Juli 1684, einem Sonntag, brach nach dem Gottesdienst das Feuer aus. Gegen 15 Uhr habe es bereits in allen Häusern, die sich innerhalb des Stadtmauerrings drängten, gewütet. Die Menschen retteten sich auf einen Hügel vor der Stadt in den Weingarten. Im Kirchenbuch sind drei alte Menschen aufgeführt, die in den Flammen umkamen und am Folgetag bestattet wurden. Und auch acht oder neuen Kinder – je nach Quelle – fielen dem Brand zum Opfer.

Im Bereich des Roten Rains, nahe der südlichen Stadtmauer, machte der Kunsthistoriker Thomas Wiegand dann auf die Fachwerkkonstruktion aufmerksam, die in der Zeit vor dem Stadtbrand üblich war: geschossübergreifende Eckständer und eine Firstsäule im Giebel. Interessant war vor allem, dass dort, wo das Domizil des alten Mannes verortet ist, gleich drei nebeneinanderstehende Häuser den Stadtbrand wohl überstanden haben. Die Konstruktionsmerkmale, war man sich einig, seien dort sehr eindeutig.

Das gilt im Übrigen auch für das alte städtische Brauhaus an der Kirchstraße, das mit seinem steilen Dach und dem hohen Giebel ein Beispiel für den gotischen Fachwerkbau abgibt.

Direkt gegenüber, am Marktplatz, finden sich am imposantesten Fachwerkbau, der aber nachweislich nach dem Brand errichtet wurde, Schnitzereien an den Eckpfosten, die typisch für die Renaissance sind. Dies zeige, so Volker Knöppel, dass man auch beim Schmuck für die nach 1684 erbauten Gebäude in einzelnen Fällen auf Motive aus früherer Zeit zurückgegriffen habe.

Nach dem Rundgang fasste der Vereinsvorsitzende das Ergebnis der Tour zusammen. Dass der Brand von 1684 verheerend war und Naumburg danach zunächst nicht mehr bewohnbar gewesen sei, daran gebe es keinen Zweifel. „Die Stadt ist aber keineswegs komplett abgebrannt. Nicht nur ein Haus, sondern einige wenige Häuser und zahlreiche Gebäudeteile blieben vom Brand verschont“, so Knöppel. „Das darf man als kleine Sensation bezeichnen.“ Und weiter: „Die Stadtgeschichte Naumburgs muss nicht neu geschrieben, aber sie muss korrigiert werden.“

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