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Lina Thiede bezieht Autorenresidenz im Herzen Wolfhagens

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Von: Johannes Rützel

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Schriftstellerin Lina Thiede (25) in einem Wolfhager Fachwerkhaus. Dank des Stipendiums des Hessischen Literaturrats kann sie im Oktober und November in der Schützeberger Straße in Ruhe schreiben.
Schriftstellerin Lina Thiede (25) in einem Wolfhager Fachwerkhaus. Dank des Stipendiums des Hessischen Literaturrats kann sie im Oktober und November in der Schützeberger Straße in Ruhe schreiben. © Johannes Rützel

Literaturpreisgewinnerin Lina Thiede wohnt zwei Monate in einem Wolfhager Fachwerkhaus. Das „Land in Sicht“-Stipendium macht es möglich.

Wolfhagen – Der Sonnenuntergang von der Weidelsburg aus beobachtet – davon schwärmt Lina Thiede im Gespräch. Die Nachwuchsautorin lebt und studiert eigentlich in Köln. Seit dem 1. Oktober wohnt und schreibt sie allerdings in Wolfhagen.

Ihre Unterkunft, ein kleines Fachwerkhäuschen in der Altstadt, habe ein ganz eigenes Flair, sagt die Autorin. Eine Stadtführung durch Wolfhagen hat sie auch schon mitgemacht.

Landkreis Kassel holte die Autorenresidenz nach Wolfhagen

Ermöglicht wird Lina Thiede der Aufenthalt durch das „Land in Sicht“-Stipendium des Hessischen Ministeriums für Kunst und Wissenschaft. Madelyn Rittner vom Hessischen Literaturrat erklärt, dass die Stipendien einerseits literarische Impulse im ländlichen Raum geben, andererseits aber auch junge Autoren fördern sollen, indem sie zwei Monate in Ruhe schreiben können. Auf Initiative des Landkreises Kassel wurde Wolfhagen als Standort ausgewählt – auch um das 50-jährige Bestehen des Landkreises zu feiern.

Für Lina Thiede ist das Stipendium nicht die erste Auszeichnung: Dieses Jahr hat sie erneut den HR2-Literaturpreis gewonnen, mit der Geschichte „Vier Damen“. Sie handelt von einer Großmutter und drei weiteren älteren Frauen, mit denen die Protagonistin des Textes durch Nachbarschaft oder Bekanntschaft verbunden ist. Das geht nicht reibungslos vonstatten. Aber verschenkte Gerbera und regelmäßige Telefonate renken mögliche Verstimmungen schnell wieder ein.

Harmonie und Dystopie bestimmen Thiedes Geschichten

Das Ganze hat natürlich eine autobiografische Note: „Meine Oma-Texte spielen mit dem, was ich selbst erlebt habe“, erklärt Lina Thiede unumwunden. Doch ihre Arbeit hat auch eine düstere Seite. Lina Thiede hat bereits einen bedrückenden Roman geschrieben, in dem sie eine erschreckende Zukunft entwirft.

Im Homo Femininus werden Frauen von Männern unterdrückt und reduziert auf ihre für Männer nützliche Funktionen wie Hausarbeit, sexuelle Befriedigung oder Kindergebären. Die Unterdrückung geht so weit, dass man ihnen das Menschsein abspricht: Homo sapiens, der vernünftige Mensch, sind ausschließlich Männer, während Frauen zum Homo femininus, dem weiblichen Menschen, degradiert werden.

Eine Kurzgeschichte, die Geschlechterkampf und Unterdrückung aufgreift, hat sie in Wolfhagen schon geschrieben. Es gehe um das Münchner Oktoberfest, verrät sie, und die Frage, wie lange Tradition es auch wert sei, gelebt zu werden. Problematisch seien Alkoholkonsum und sexuelle Übergriffe.

Von Wolfhagen bis jetzt nur gute Eindrück

Ob sie in Wolfhagen überhaupt die Atmosphäre finde, um sich für Dystopien – Geschichten, die an einem düsteren, negativen Ort spielen – inspirieren zu lassen? „Harmonie kann für mich nur im Bezug zur Realität entstehen. Für die Dystopie muss alleine meine Fantasie herhalten“, beschreibt die Autorin ihre Arbeitsweise. Dafür geht sie gerne spazieren und hört währenddessen Musik: „Es kann sein, dass Dinge, die ich hier erlebe, in einem Text verarbeitet werden.“

Von ihren ersten Tagen in der Hans-Staden-Stadt hat sie zum Glück viele positive Eindrücke gesammelt. Sie sei herzlich begrüßt worden. „Es ist hier ein anderer Umgang der Leute miteinander als in Köln. Die Menschen haben mehr Zeit, zum Beispiel für Gespräche“, fasst sie ihre Erlebnisse zusammen.

Demnächst ist Thiedes 81-jährige Großmutter zu Gast. Mit ihr will sie die Gegend erkunden. Ein paar praktische Probleme will sie auch noch lösen: Die Decken im Fachwerkhaus seien für einige Yoga-Figuren zu niedrig. Außerdem würde sie gerne regelmäßig Klavier spielen.

Info: Die Abschlusslesung von Lina Thiede findet statt am Freitag, 25. November, in der Buchhandlung Mander (Schützeberger Straße 29 in Wolfhagen). Auf der Frankfurter Buchmesse liest sie am Mittwoch, den 19. Oktober.

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