"Wir halten an einer Tradition fest"

Mädchenversteigerung in Istha: Das hat es damit auf sich

Organisieren im Team das Osterfeuer und die Mädchenversteigerung in Istha: Marius Meyer (von links), Sebastian Gerhold und Tom Jakob. Foto: Thon

Istha. Die Mädchenversteigerung hat in Istha eine lange Tradition. Mit der Veranstaltung, bei der Mädchen und Frauen ausgeschlossen sind, sammelt das Osterfeuerteam unter den jungen Männern Geld, das in die Finanzierung eines Fests am Ostersamstag einfließt.

Wir sprachen mit Sebastian Gerhold, seit etwa zehn Jahren Mitglied des Osterteams, über diesen Brauch.

Wenn man das erste Mal von der Mädchenversteigerung erfährt, da fragt man sich, was um Himmelswillen ist das?

Sebastian Gerhold: Es ist eine traditionelle Veranstaltung, bei der unverheiratete Frauen und konfirmierte Mädchen aus Istha von ledigen Männern und konfirmierten Jungs ersteigert werden.

Da drängt sich die Frage nach dem Frauenbild der Organisatoren auf.

Gerhold: Mit unserem Frauenbild hat das nichts zu tun. Wir halten an einer Tradition fest, die wir von unseren Vätern und Opas übernommen haben.

Wie genau läuft die Mädchenversteigerung ab?

Gerhold: Der Auktionator beschreibt die Mädchen, ohne den Namen zu nennen. Dabei spielen Hobbys, Schulabschluss, Eigenschaften und Dinge wie Körpergröße und Haarfarbe eine Rolle. Es wird ein Startgebot abgegeben. Schritt für Schritt gehen die Gebote nach oben. Stagnieren die Gebote, gibt der Auktionator einen weiteren Hinweis. Und so weiter. Die Spannung liegt letztlich darin zu erraten, um welches Mädchen es sich handelt. Irgendwann bekommt der Höchstbietende den Zuschlag.

Eine Versteigerung lebt davon, dass es Bieter und Auktionsgüter gibt, die jemandem gehören. Nur um im Bild zu bleiben, wem gehören denn die Mädchen?

Gerhold: Die gehören sich selbst. Wir machen ja keine Sklavenversteigerung. Derjenige, der das höchste Gebot abgegeben hat, hat damit keine Anrechte auf das Mädchen erworben. Übrigens, früher haben die Mädchen ihrem Ersteigerer einen Osterkorb vorbeigebracht.

Welche Kriterien gelten unter den Männern denn als wertsteigernd?

Gerhold: Natürlich der Charakter. Letztlich sind die Gebote auch abhängig vom Geschick und Talent des Auktionators, der die Mädchen umschreibt. Ich denke nicht, dass einer der Männer mit dem Ziel zur Veranstaltung kommt, ein bestimmtes Mädchen haben zu wollen.

Warum geschieht das Ganze unter Ausschluss weiblicher Besucher?

Gerhold:Das wurde schon immer so gemacht und von uns noch nie hinterfragt.

Welche Möglichkeiten haben die jungen Frauen, sich einer Ersteigerung zu entziehen?

Gerhold: Sie können auf das Osterfeuerteam zukommen und sagen, dass sie nicht Bestandteil der Versteigerung sein möchten. Das würden wir dann auch respektieren.

Wie begründen Sie, dass es sich bei Ihrer Veranstaltung um keinen Sexismus handelt?

Gerhold: Die Frau ist dem Mann, der sie ersteigert hat, nichts schuldig. Auch sehen die Männer während der Auktion nicht, für welches Mädchen und Frau gerade geboten wird. Bei den Umschreibungen geht es vielleicht um die Körpergröße, aber nicht um Körbchengröße.

Hat es denn schon einmal Kritik gegeben?

Gerhold: Ja, 1984 hatte sich eine Pfarrerin beschwert, die neu in Istha war. Menschen aus dem Ort haben sich noch nie an dem Brauch gestört. Allerdings wundern sich manchmal Auswärtige.

Und wie kommt die Versteigerung bei den Frauen in Istha an?

Gerhold: Wir haben noch kein negatives Feedback bekommen. Letztlich profitieren sie ja auch, weil über die Gebote Geld für das Osterfeuer im Ort zusammenkommt.

Schon gewusst...

• Mädchenversteigerung wird auch Mailehen genannt.

• Herodot, ein griechischer Historiograph, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte, schrieb als Erster von einer Mädchenversteigerung, einem Brauch, den es bei den Babyloniern gab. In überlieferten Texten heißt es, dass in jedem Dorf einmal im Jahr die Mädchen an den Meistbietenden versteigert wurden. Diesen Brauch soll es auch bei einem illyrischer Stamm, den Venetern, gegeben haben.

• Auch bei manchen germanischen Stämmen scheint es ein Brauch gewesen zu sein, berichtet der römische Gelehrte Tacitus.

• Im Rheinland ist vielerorts der Brauch erhalten geblieben. Erste Beweise dafür stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

• In Nordhessen gibt es neben Istha auch in Waldeck-Frankenberg, in dem Dorf Laisa bei Battenberg, eine Mädchenversteigerung. Sie ist Teil des Rückersfest, das alle sieben Jahre zu Ostern gefeiert wird.

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