Marlene S. betreut für den Landkreis Kinder aus schwierigen Verhältnissen

Kreis Kassel. Nachwuchs bekommt Marlene S. manchmal innerhalb weniger Minuten. Sie ist eine von fünf Bereitschaftspflegemüttern im Landkreis Kassel.

Die 66-Jährige kümmert sich seit elf Jahren um Kinder, die das Jugendamt vorsorglich aus ihren Familien geholt hat.

„Wenn das Leben der Kinder in Gefahr ist, dauert es nach der Anfrage des Jugendamtes oft nur eine halbe Stunde, bis es an der Tür klingelt“, sagt Marlene S*. Mitunter wisse sie nach der Anfrage weder das Geschlecht noch das Alter der Neuankömmlinge. „Wir müssen immer auf alles gefasst sein“, sagt die Pflegemutter, die bis zu zwei Kinder gleichzeitig betreut.

Sie teilt sich die Aufgabe mit ihrem Mann. „Anders ginge das bei so einem Vollzeitjob auch gar nicht“. Schließlich passt sie rund um die Uhr auf die Kinder auf, die manchmal nur wenige Wochen, manchmal aber auch schon zwölf Jahre alt sind.

Drogen, Alkohol, Krankheiten oder hygienische Probleme im Elternhaus - es gibt viele Gründe, warum das Jugendamt Kinder in seine Obhut nimmt und dann Marlene S. anvertraut. „Das sind oft ganz traurige Geschichten“, sagt Marlene S., die sich bislang um 40 Kinder gekümmert hat.

Normalerweise bleiben die Kleinen drei Monate bei ihr. „So soll gewährleistet werden, dass sie sich nicht zu sehr an uns gewöhnen“, sagt die Pflegemutter. In dieser Zeit prüft das Amt, ob das Kind in seine Familie zurückkehren kann oder ob es in eine Dauerpflegefamilie kommt.

Doch das klappe längst nicht immer. Aktuell hat Marlene S. zwei Pflegekinder, die schon fast zwei Jahre bei ihr wohnen. Ein Junge, der im Alter von 14 Wochen zu ihr kam und kürzlich seinen zweiten Geburtstag im Hause S. gefeiert hat. Und ein etwas jüngeres Mädchen, ebenfalls schon länger zu Gast. „Beide wachsen wie echte Geschwister bei uns auf und nehmen uns natürlich auch als ihre richtigen Eltern wahr“, sagt sie.

Die leiblichen Eltern haben zwar Besuchsrecht, „die Mutter des Jungen war bisher aber nur zweimal hier“. So bleibt alles an der Pflegefamilie hängen, die für Essen, Trinken, Kleidung und andere Ausgaben nach eigenen Angaben eine angemessene Aufwandsentschädigung bekommt. „Reich wird man mit dem Job allerdings nicht“, sagt sie.

Doch darum geht es ihr nicht. „Ich fühle mich für die Rente zu jung und möchte etwas Sinnvolles und Soziales tun“, sagt sie. Da sie die Ängste und Sorgen der Kinder hautnah miterlebt, „sehe ich oft keinen Unterschied zu einer leiblichen Mutter“, sagt Marlene S., die selbst Mutter und Großmutter ist.

Den morgigen Muttertag feiert sie deshalb wie selbstverständlich nicht nur mit ihren eigenen Kindern und Enkelkindern, sondern auch mit ihrem Pflegenachwuchs: „Wir sind eine große Familie“.

* Name von der Redaktion geändert.

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