Lösungen müssen her

Mehr Lebensmittel aus der Region für die Region

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Machen sich für eine bessere Vermarktung regionaler Produkte stark: Marco Lingemann von der Region Kassel-Land (von links), Dr. Johannes Kahl (Uni Kassel), Harald Kühlborn vom Landkreis Kassel und Jürgen Depenbrock, Geschäftsführer des Zweckverbandes Naturpark Habichtswald.

Riede. Die Expertengruppe aus dem Landkreis Kassel, die mehr regionale Lebensmittel zu mehr regionalen Verbrauchern bringen will, fängt nicht bei null an.

„Es gibt schon einiges“, sagt Harald Kühlborn, Sprecher des Landkreises Kassel. Nur wo und was und wie viel – das Wissen darüber soll in den kommenden Monaten von Dr. Johannes Kahl, Professor für Ökologische Lebensmittel an der Uni Kassel über eine Bestandsanalyse abgeschöpft werden.

In einem Workshop haben die verschiedenen Beteiligten die Aufgaben klarer umrissen. „Wir brauchten Kriterien, über die sich regionale Lebensmittel definieren lassen“, sagt Kühlborn. Die Gruppe einigte sich auf einige Parameter. So soll die Herkunft der Produkte für Nutzer transparent sein, die Lebensmittel sollen nachhaltig, also ressourcenschonend hergestellt sein, sie sollen qualitativ hochwertig sein und aus einem bestimmten Gebiet stammen. Stadt und Landkreis Kassel sowie Gudensberg, Niedenstein und Edermünde werden als regionale Einheit zusammengefasst.

Bei der Entwicklung des regionalen Wirtschaftskreislaufes „ist es uns wichtig, ganzheitlich und systematisch vorzugehen“, sagt Marco Lingemann vom Verein Region Kassel-Land. Deshalb werden die nächsten Schritte auf die Erstellung eines Konzeptes fokussieren.

Dabei wollen sie die Erfahrungen aus Södertälje nutzen, einer schwedischen Stadt mit 70 000 Einwohnern südwestlich von Stockholm. Dort dauerte es 17 Jahre, um den Anteil heimischer Produkte an der Ernährung deutlich zu steigern. Inzwischen werden Kantinen in Schulen, Kitas und Krankenhäusern regional beliefert. Neue, hippe Produkte, speziell für die jüngere Generation, wurden entwickelt, und das Bewusstsein der Menschen für Lebensmittel vor der eigenen Haustür wurde geschärft. Auch die Akteure des jungen Netzwerkes stellen sich darauf ein, einen langen Atem haben zu müssen. „Wir möchten, dass sich die Region verändert“, sagt Kahl, der sich eine Dynamik erhofft, die vergleichbar ist mit der, bei der Etablierung regenerativer Energien.

Für Probleme müssen Lösungen erarbeitet werden. Johannes Kahl skizziert ein Beispiel: Da gibt es möglicherweise auf der Erzeugerseite einen Kartoffelbauern und auf der Veredlungsseite einen Restaurantbesitzer, der Interesse an der regionalen Ware hat. Dennoch kommen beide aus verschiedenen Gründen nicht ins Geschäft. Die Mengen des Bauern sind vielleicht zu gering, oder er ist nicht in der Lage, die Kartoffeln, wie vom Küchenchef gewünscht, geschält oder vorgekocht zu liefern. Für solche Situationen sollen nun Antworten gefunden werden, damit sich die Kreisläufe auch tatsächlich schließen. So könnte ein sogenanntes Food-Hub, ein zentraler Betrieb, installiert werden, der die Produkte sammelt, lagert, verarbeitet, konfektioniert und verteilt. Jürgen Depenbrock, Geschäftsführer des Zweckverbands Naturpark Habichtswald, regt eine Erzeuger-Händler-Messe an, auf der Kontakte geknüpft werden können.

Regionale Lebensmittel sind beliebt, dennoch kommen sie nicht flächendeckend bei den Verbrauchern an. Bei Vermarktung und Verkaufsangeboten, aber auch in Hotels, Gaststätten und Kantinen besteht Handlungsbedarf. Aus diesem Grund hat sich jetzt ein Netzwerk gebildet. Es besteht aus der Uni Kassel, der Region Kassel-Land, dem Landkreis Kassel und dem Zweckverband Naturpark Habichtswald. Ziel ist es, Landkreis und Stadt Kassel sowie die Kommunen Niedenstein, Edermünde und Gudensberg zu einer ganzheitlichen und nachhaltigen Lebensmittelregion zu entwickeln. „Wir wollen Anbieter und Nutzer besser zusammenbringen“, sagt Harald Kühlborn, Sprecher des Landkreises Kassel und verweist auf die Ergebnisse eines Workshops, der jetzt auf Schloss Riede stattfand und an dem neben Direktvermarktern auch Handwerker, Vertreter des Hotel- und Gaststättenverbandes und der Edeka-Gruppe teilnahmen. Bis Jahresende will Prof. Johannes Kahl vom Fachgebiet Ökologische Lebensmittel und Ernährungskultur der Uni Kassel eine Bestandsanalyse vorlegen. Sie soll einen Überblick über sämtliche Angebote und Betriebe liefern, die mit regionalen Lebensmitteln zu tun haben. Sie soll die Grundlage sein für weitere Aktivitäten, die erforderlich sind, um die heimischen Produkte verstärkt zu den Menschen in der Region zu bringen. Im Herbst wird es einen Wettbewerb geben, an dem sich alle Schul- und Betriebskantinen beteiligen können und bei dem das kreativste und qualitativ hochwertigste regionale Produkt gesucht wird. Letztlich geht es darum, regionale Wirtschaftskreisläufe anzukurbeln, Arbeitsplätze zu schaffen und Geld, das Menschen für Lebensmittel ausgeben, in der Region zu halten. Neben der Kreation neuer Produkte ist es ein wesentliches Ziel, den Marktanteil lokal erzeugter Lebensmittel zu erhöhen.

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