Millionen veruntreut: Haft für 57-jährigen Wolfhager

Wegen Beiheilfe zur Untreue im großen Stil musste sich ein Mann aus Wolfhagen vor dem Kasseler Landgericht verantworten. Warum der Mann das Gericht trotz Freiheitsstrafe als freier Mann verließ, lesen Sie hier.

Wolfhagen/Kassel. Zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren wegen Beihilfe zur Untreue in besonders schweren Fällen hat die Wirtschaftsstrafkammer des Kasseler Landgerichts gestern einen 57-jährigen Mann aus Wolfhagen verurteilt. Er hatte gestanden, gemeinsam mit einem Freund bei Kupferkäufen für eine Hamburger Aktiengesellschaft in Moskau 2,3 Millionen Euro auf ein eigens dafür eingerichtetes Konto in der Schweiz umgelenkt zu haben. Insgesamt waren es zwischen 1998 und 2011 sogar 19,2 Millionen, jedoch sind die Taten vor 2008 verjährt und können auch nicht mehr angeklagt werden.

Sein Komplize, der als Prokurist der AG Aufträge zunächst unbegrenzt, später bis 80 Millionen Euro abzeichnen durfte, war vom Landgericht Lübeck bereits zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt worden.

Masche klappte reibungslos

Die Betrugsmasche klappte von 1998 bis 2011 erstaunlich reibungslos: Die Vertriebsgesellschaft, die bislang die Provisionen für die Kupferkäufe der Hamburger AG in Rußland kassiert hatte, war aufgelöst worden. Der Angeklagte gründete eine gleichnamige Firma in der Schweiz, sein Komplize in Hamburg leitete die Provisionen von insgesamt 19,2 Millionen Euro auf das Konto des 57-Jährigen um. Das Geld teilten sich die beiden Freunde, kauften sich gar gemeinsam ein Luxusgrundstück mit Yachtanleger in Florida. Angeklagt waren freilich nur erschwindelte 2,3 Millionen Euro ab 2008. Warum die Taten so lange unentdeckt geblieben waren, begründete Oberstaatsanwalt Lohr mit der schieren Größe der AG: Die ist der größte Kupferproduzent Europas mit einem Jahresumsatz von zwölf Milliarden Euro.

Kontaktpflege nach Russland

Die Provisionen seien als „Kontakpflege nach Russland“ verbucht worden. „Das riecht nach Schmiergeld“, kommentierte der Staatsanwalt den Umstand, dass die AG bis heute weder Strafanzeige gestellt, noch das Geld von ihrem früheren Prokuristen und dem Angeklagten zurückgefordert habe. Schmiergeld freilich, das laut Richter Winter aufs eigene Konto des Angeklagten gezahlt wurde.

Für die AG war das offenbar normal. Das Finanzamt hingegen wollte nicht auf seinen Anteil verzichten: Die Steuerbehörde will mehr als vier Millionen Euro von dem 57-Jährigen haben. 500 000 Euro hat er bereits gezahlt. Im Urteil ließ Richter Winter „weihnachtliche Milde“ walten: Weil der 57-Jährge ein Jahr Untersuchungshaft abgesessen hat, verließ er den Gerichtssaal gestern als freier Mann.

Die Reststrafe verbüßt er im offenen Vollzug, lebt bei seinen Eltern und muss sich wöchentlich auf dem Wolfhager Polizeirevier melden. Sein deutscher und sein ukrainischer Reisepass wurden eingezogen. Fluchtgefahr sah Winter nicht mehr.

Oberstaatsanwalt Lohr hatte eine längere Strafe gefordert. Denn: Insgesamt hatte der Angeklagt ja über neun Millionen Euro aus den Betrügereien erhalten. Sollte er seine Steuerschuld von über vier Millionen begleichen, blieben ihm fünf Millionen übrig. Das wäre kein schlechtes Entgelt für ein Jahr U-Haft.

Von Thomas Stier

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