Missbrauchs-Prozess

„Widerwärtige Taten" - Trotzdem Freispruch für angeklagten Vater

Wolfhagen/Kassel. Am Ende hatte sogar Richter Liebermann Probleme damit, um Verständnis für das „unbefriedigende Urteil" des Landgerichtes zu werben.

Obwohl er keinen Zweifel daran hatte, dass der 53-jährige Angeklagte seine beiden Stiefsöhne sexuell missbraucht und dabei „furchtbare und widerwärtige Taten" begangen hat, musste er den Mann freisprechen.

Die 9. Strafkammer des Landgerichts hob in dem Berufungsverfahren am Dienstag ein Urteil des Amtsgerichts vom August 2014 auf, das den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt hatte.

Es sei unstrittig, dass es um die Jahrtausendwende zu zahlreichen Übergriffen auf den heute 29-jährigen Stiefsohn in der Wolfhager Wohnung gekommen sei, erklärte der Richter in seiner Urteilsbegründung. Allerdings sei es bis zu 17 Jahren nach den Ereignissen in zwei Wohnungen in Wolfhagen nicht mehr möglich, zweifelsfrei zu belegen, dass diese Taten vor dem 14. Geburtstag des Zeugen begangen wurden, als der noch ein Kind war. Alle anderen Übergriffe - auch die auf den Bruder, die gar nicht angeklagt waren - seien verjährt.

Das Opfer war wegen Depressionen und Suizidgedanken mehrmals in Therapie, hatte aber erst im März 2013 Anzeige erstattet, obwohl er bis zu seinem 16. Lebensjahr zahllose Male vom Angeklagten missbraucht worden war. Auslöser war wohl eine Situation, als der Stiefvater den Sohn des Zeugen auf dem Schoß hatte und sagte: „Du wirst mal ein genauso Hübscher wie Dein Vater.“ Da seien in ihm die lange Jahre verdrängten Erinnerungen an die Übergriffe hochgekommen. Er habe Anzeige erstattet, um ein Kontaktverbot des Stiefvaters zu seinen beiden Kindern zu erwirken, begründete der 29-Jährige seine späte Reaktion.

Doch vor Gericht erwies es sich als unmöglich, genau zu ermitteln, wann was wo geschehen ist. Richter Liebermann selbst war mit dem Urteil alles andere als glücklich: „Der Rechtsstaat hält für uns alle auch Zumutungen bereit“, sagte er. Alle Beteiligten seien aufgefordert, Vernunft an die Stelle von Emotionen zu setzen.

Der Angeklagte hatte den Freispruch mit unbewegtem Gesicht aufgenommen und mit zusammen gepressten Lippen immer wieder vergeblich versucht, Blickkontakt mit dem 29-jährigen Nebenkläger aufzunehmen. Doch der hielt den Kopf gesenkt. Zur HNA sagte er nach Prozessende: „Ich muss mich zusammenreißen, dass ich nicht losschreie.“

Rechtsanwältin Katharina Heinecke, die den Nebenkläger vertreten hatte, bedauerte, dass es nicht einmal zu der von Staatsanwalt Dr. Popp beantragten Bewährungsstrafe gekommen ist. „Bei neuen Übergriffen des Angeklagten auf Kinder wäre dann eine schnellere Reaktion möglich gewesen.“ Jetzt gelte er als nicht vorbestraft.

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Rubriklistenbild: © dpa

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