Brücke Rhödaer Grund und Bergshäuser Brücke

Nach Einsturz in Genua: Wie sicher sind Brücken in Stadt und Kreis Kassel?

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Ist marode und wird abgerissen: Wo und wann die neue Bergshäuser Brücke gebaut wird, ist noch nicht klar. Bis das passiert, soll die alte Brücke noch durchhalten – mindestens für 15 Jahre. Dafür wird sie zurzeit saniert und verstärkt.

Kreis Kassel. Nach dem schweren Unglück am Dienstag in der italienischen Hafenstadt Genua fragen sich viele Menschen, wie sicher unsere Brücken in Stadt und Kreis Kassel sind.

Die Bergshäuser Brücke ist mit 55 Metern Höhe und 700 Metern Länge eine der größten Brücken der Region. Obwohl klar ist, dass sie dem Verkehrsaufkommen der heutigen Zeit nicht mehr lange standhält, kann hier nach Meinung der Experten nicht dasselbe passieren wie im italienischen Genua.

„Bei uns stürzen keine Brücken ein“, sagt Thomas Ackermann, Projektingenieur bei der Straßenbaubehörde Hessen Mobil. Dafür sorgen unter anderem regelmäßige und intensive Überprüfungen der Bauwerke. Die Bergshäuser Brücke wird in besonders engen Abständen kontrolliert: alle zwei Monate. „Das wird so oft gemacht, weil früher beim Bau der Brücke die heutige Verkehrsbelastung nicht mit einberechnet wurde“, sagt Ackermann. Zwei Tage dauern die Überprüfungen jedes Mal.

Kontrolle allein reicht nicht, irgendwann ist Schluss, und die Brücke hält nicht mehr stand. Deshalb wird sie zurzeit verstärkt. So soll das Bauwerk die nächsten 15 Jahre durchhalten, bis es abgerissen und neu gebaut wird.

Der Neubau ist notwendig, weil die Autobahn 44 südlich von Kassel wegen der steigenden Verkehrsbelastung von vier auf sechs Spuren ausgebaut werden muss. Durchschnittlich sind 45.000 Fahrzeuge pro Tag auf der Brücke unterwegs. 2020 soll die Zahl bei 71 000 Fahrzeugen liegen. Eine Erweiterung der Brücke ist nicht möglich.

Der Überbau der Brücke ist aus Stahl, die Pfeiler sind aus Beton. „Welches Material besser geeignet ist, kann man so nicht sagen“, erklärt Ackermann. „Das kommt immer auf das Bauwerk an.“ Der Spannbereich über der Fulda sei bei der Bergshäuser Brücke mit 140 Metern ziemlich groß, „weshalb Beton dafür nicht so gut geeignet war. Deshalb hat man zur damaligen Zeit, also in den 60er-Jahren, Stahl verwendet.“

Ob eine Brücke stabil ist, ist nicht unbedingt sichtbar. Bei der Bergshäuser Brücke wurde aufgrund von statischen Berechnungen entschieden, dass sie verstärkt und in einigen Jahren abgerissen werden muss. „Für Berechnungen dieser Art werden Materialproben genommen und diese dann geprüft“, sagt der Fachmann. Dazu kämen Belastungstest und vieles mehr.

Für die Sanierung der Brücke werden fast 15 Millionen Euro investiert. Wo und wann sie neu gebaut wird, steht noch nicht fest. Die Grundsatzentscheidung für den Neubau wurde vom Bundesverkehrsministerium 2009 gefällt.

Die Autobahnbrücke Rhödaer Grund: Die Talbrücke bei Breuna (im Hintergrund) wurde erst in diesem Jahr auf ihre Sicherheit überprüft. Zu beanstanden gab es laut Hessen Mobil nichts. 

Zustand der A44-Brücke Rhodäer Grund ist "befriedigend" 

Zuständig für die Talbrücke Rhödaer Grund der A 44 zwischen Breuna und Diemelstadt ist Hessen Mobil.

In welchem Zustand ist die Brücke Rhödaer Grund?

Die Talbrücke wurde erst in diesem Jahr geprüft, und es gibt keine weiteren Auffälligkeiten. Der Zustand wurde als befriedigend bewertet, es ist alles im grünen Bereich. Wenn man „Sorgenkinder“ hat, wie sie Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir Risiko-Brücken in einem Gespräch bezeichnete, wird natürlich öfter geprüft. Aber diese Brücke, die über dem Rhödaer Grund steht und auch so heißt, gehört nicht dazu. Die Benotung der Talbrücke ist auch dem Alter der Brücke geschuldet. Sie ist immerhin 50 Jahre alt. Die Bergshäuser Brücke ist schon 60 Jahre alt, 700 Meter lang und wird derzeit saniert. 15 Millionen Euro wird die Sanierung kosten.

Wann wurde die Talbrücke zwischen Breuna und Diemelstadt gebaut und welche Maße hat sie?

Die Brücke wurde von 1968 bis 1970 gebaut. Sie ist 630 Meter lang und an der höchsten Stelle 44 Meter über dem Grund.

Wie oft wird eine Brücke überprüft?

Die Hauptprüfung erfolgt alle sechs Jahre durch einen Bauwerksprüfingenieur, alle Bauteile sind handnah zu prüfen. Eine Einfache Prüfung erfolgt drei Jahre nach der Hauptprüfung und eine Besichtigung wird jährlich gemacht. Es gibt auch Prüfungen bei besonderen Anlässen wie zum Beispiel nach Unfällen oder anderen Schäden. Das geht dann viel schneller und findet außerhalb der turnusmäßigen Überprüfung statt.

Wie muss man sich so eine Brückenprüfung vorstellen?

Hessen Mobil hat eigene Brückenprüfer. Bei einer Hauptprüfung wird alles ganz gründlich untersucht, mit dem Hammer der Beton abgeklopft. Dabei sind alle, auch die schwer zugänglichen Bauwerksteile zu prüfen. Abdeckungen von Bauwerksteilen müssen laut Gesetzesvorgabe geöffnet werden. Der ganze Vorgang einer Hauptprüfung wird dokumentiert und auch veröffentlicht. Es kommt auch vor, dass weitere externe Gutachter zu denen von Hessen Mobil hinzugezogen werden.

Gibt es ein Gesetz zur Brückenprüfung?

Ja, mit der DIN 1076 schreibt der Gesetzgeber die regelmäßige Überwachung und Prüfung von Brücken, Tunneln, Durchlässen und sonstigen Ingenieurbauwerken vor. Die Überprüfung der Standsicherheit und der verkehrssicheren Nutzung ist eine gesetzliche Verpflichtung und keine Ermessensfrage.

Abriss und Sanierung stehen ab dem Jahr 2022 an: die sogenannten Drei Brücken an der Wolfhager Straße.

Brücken in Kassel: "Einsturz undenkbar" 

Der plötzliche Einsturz einer Brücke, wie im italienischen Genua geschehen, ist in Kassel nach Einschätzung der Verantwortlichen undenkbar. „Die rund 200 städtischen Brücken werden regelmäßig kontrolliert“, versicherte Verkehrsdezernent Dirk Stochla (SPD) am Mittwoch auf Anfrage unserer Zeitung. „Alle Brücken im Stadtgebiet befinden sich in einem guten Zustand. Ein Brückenversagen wie in Genua ist in Kassel nicht zu erwarten.“

Die Kontrollen

Nach Stochlas Angaben beinhaltet die regelmäßige Prüfung eine Brückenhauptprüfung (ähnlich wie der TÜV beim Auto) alle sechs Jahre, alle drei Jahre eine einfache Prüfung und jährlich eine dreimalige Begehung beziehungsweise Besichtigung. Autobahnbrücken gehören nicht in die Zuständigkeit der Stadt Kassel.

Die Sanierungen

„Die Stadt Kassel hat in den vergangenen zehn Jahren alle maroden Brücken – Hafenbrücke, Brücke Tannenstraße und Brücke Moritz-/Liebigstraße – durch Neubauten ersetzt“, betonte Verkehrsdezernent Stochla. Größtes Projekt war die Hafenbrücke. Im Oktober 2011 wurde sie nach dreijähriger Bauzeit in Betrieb genommen. Über das Bauwerk, das die Stadtteile Unterneustadt und Wesertor verbindet, führen die viel befahrenen Bundesstraßen B7 und B83. Die Sanierung kostete 15 Mio. Euro.

Die Brücke am Bahnhof Harleshausen wird saniert.

Die aktuellen Projekte

Regelmäßige Instandhaltungen werden nach Stochlas Angaben jährlich ausgeführt. Aktuelles Beispiel sei die Brücke am Bahnhof Harleshausen (Wolfhager Straße). Seit Februar 2017 wird sie saniert, im Frühjahr 2019 soll sie fertig sein. Die Brücke stammt aus dem Jahr 1969 und erhält auf der Harleshäuser Seite ein neues Widerlager.

Größte geplante Brückensanierung im Stadtgebiet sind die sogenannten Drei Brücken (Wolfhager Straße). Zwei der eigentlich vier Eisenbahnbrücken sollen abgerissen und neu aufgebaut werden. Frühester Baustart: 2022. Erwartete Kosten: 40 Mio. Euro.

Viele führen über die Fulda

Die Stadt Kassel gibt die Zahl der Brücken im Stadtgebiet mit rund 200 an. Viele dieser Bauwerke fallen den darüber fahrenden Verkehrsteilnehmern kaum auf. Andere Brücken aber prägen das Bild der Stadt. Allen voran die Brücken, die weithin sichtbar über die Fulda führen. Als größte und für den Verkehr bedeutendste Brücke im Stadtgebiet gilt die sechsspurige Hafenbrücke. 

Die Drahtbrücke in Kassel während dem Zissel 2018. 

Das Bild von Kassel als einer Stadt am Fluss machen aber vor allem auch die vielen kleineren Brücken aus, die oft nur von Fußgänger oder Radfahrern genutzt werden dürfen – wie etwa die Drahtbrücke und die Karl-Branner-Brücke. Übrigens hat Kassel mit rund 200 Brücken zwar ungeahnt viele, kommt aber im Vergleich an die Spitzenwerte längst nicht heran. Europas Stadt mit den meisten Brücken ist Hamburg (2472), gefolgt von Wien (1716). Venedig hat hingegen „nur“ 450 Brücken.

Hintergrund: Brückeinsturz in Genua

Beim Einsturz einer vierspurigen Autobahnbrücke in der italienischen Hafenstadt Genua waren am Dienstag mindestens 39 Menschen ums Leben gekommen, Dutzende wurden verletzt.

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